Unzensuriert-Magazin: Der spanische Patient

8. Juli 2012 - 10:18
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Spaniens Banken sind schwer krank, die Behandlung kostet jetzt
schon hunderte Milliarden Euro. Die Wirtschaft ist längst angesteckt.
Foto: Gina Sanders / Fotolia

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Spanien

Das Unzensuriert-Magazin berichtet diesmal über das Schwerpunktthema Energie, hat aber auch darüber hinaus spannende Geschichten zu bieten. Zum Beispiel über Spanien, den neuen Krisenherd der Eurozone, der die Steuerzahler noch wesentlich teurer zu stehen kommen könnte als das schon seit Jahren als pleite bekannte Griechenland.

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Griechenland war kurz davor, die Euro-Klinik auf eigenes Risiko zu verlassen, hat sich bei den Wahlen jedoch knapp für eine Verlängerung der Behandlung ausgesprochen. Dabei hätte man die Intensivbetten schon dringend für den nächsten Patienten benötigt: Spanien.

Die Krankheitssymptome Griechenlands sind weithin bekannt und oftmals diskutiert wurden. Schon beim Fitnesstest vor der Aufnahme in den Euro-Raum hat das Land kräftig geschwindelt. Dann hat es zwar sämtliche muskelfördernde Präparate in Form von frischem Geld und billigen Krediten geschluckt, parallel dazu allerdings das Basistraining außer Acht gelassen. Und von den eigenen Leuten hat man nicht einmal die Monatsgebühr fürs Fitnessstudio – sprich die Steuern – kassiert. Das klingt alles ausgesprochen übel, aber immerhin wissen die Ärzte, wo sie ansetzen müssen. Potentiale sind genug vorhanden, um den Staat wieder gesund und fit zu machen. Die Bürger freilich stöhnen unter den schocktherapeutischen Maßnahmen.

Spanien verweigert Behandlung

Spanien hat sich gar nicht erst auf Medikamente eingelassen. Man begibt sich zwar in stationäre Behandlung – unter den Euro-Rettungsschirm –, hält sich aber nicht an die Krankenhaus-Ordnung und will selbst am besten wissen, wie man gesund wird. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik, denn den politischen Spitzen des Landes könnte bewusst sein, dass es kein Heilmittel mehr gibt für die Seuche, die das Land erfasst hat.

Was den Euro aktuell schwächt, ist eine Staatsschuldenkrise in vielen seiner Mitgliedstaaten, allen voran Griechenland. Spanien hat dieses Problem weniger. Die Schulden belaufen sich auf kaum mehr als die magischen 60 Prozent, die in den Maastricht-Kriterien als Obergrenze festgelegt sind, allerdings von vielen deutlich überschritten wurden. In Spanien sind es die Banken, die das Land in den Abgrund reißen. Und dafür verantwortlich ist eine enorme Immobilienblase.

Spekulative Immobilienblase

Spanien-Urlauber wissen Bescheid. Die Strände auf der iberischen Halbinsel sind praktisch zur Gänze verbaut. Eine Hotelanlage grenzt an die nächste, dazwischen großzügige Anlagen mit Ferienwohnungen. Vieles davon entstand während der letzten zehn Jahre. Doch der Bauboom griff auch auf das Landesinnere über. Die Süddeutsche Zeitung schilderte bereits 2008 ein haarsträubendes Beispiel betonierten Spekulationsirrsinns.  In einem Vorort von Madrid „mit guter Verkehrsanbindung an die Hauptstadt“ wurden 13.500 neue Wohnungen geplant – fast gleich viele, wie der Ort Seseña zu diesem Zeitpunkt Einwohner hatte. Die Krise schlug während des Baus zu. 5.000 Wohnungen wurden dennoch fertiggestellt, der Großteil davon aber nie verkauft. Rund 750 Menschen tummelten sich in dem riesigen Areal.

In einem spekulationsgetriebenen Umfeld, in dem die Preise Jahr für Jahr um rund 30 Prozent anzogen, wurde die Nachfrage nach dem eigenen Heim umso mehr stimuliert, als auch die Mieten ins Unermessliche stiegen. 85 Prozent der Spanier leben in einem Eigenheim – oder besser lebten, den mittlerweile mussten sich viele wieder davon trennen, weil sie die von den Banken extrem leichtfertig vergebenen Kredite nicht bedienen konnten. „Se vende“ (zu verkaufen) oder „Se alquila“ (zu vermieten) ist an unzähligen Wohn- und Geschäftshäusern affichiert. In der Folge brachen die Preise in sich zusammen, in manchen Regionen stürzten sie um die Hälfte ab, im Durchschnitt um 25 Prozent, wobei kein Ende in Sicht scheint.

Banken brechen zusammen

Obwohl das Problem der spanischen Immobilienblase seit fünf Jahren bekannt ist, spielte es in den internationalen Medien nur eine untergeordnete Rolle – bis sie auch die Banken an den Rand der Existenz gebracht hatte. Plötzlich überschlagen sich die Meldungen über die Milliardensummen, die der spanische Bankensektor benötigt, um wieder halbwegs gerade zu stehen. Das Fass ohne Boden ist dabei die „Bankia“, die noch nicht einmal zwei Jahre existiert und vor kurzem notverstaatlicht werden musste. Sie ist ein Zusammenschluss sieben lokaler Sparkassen, die größte davon war die „Caja Madrid“.

Wenn jetzt von rund 100 Milliarden die Rede ist, die der Euro-Rettungsschirm an Hilfszahlungen gewähren soll, so ist das nur die halbe Wahrheit, denn Spaniens Banken haben sich bereits in den letzten Monaten massiv aus dem europäischen Zentralbankensystem bedient, um ihre Liquidität aufrecht zu erhalten. Die Nettoforderungen des Eurosystems an spanische Kreditinstitute machen per Ende Mai 82,9 Prozent der Forderungen an alle Banken im Euroraum aus. In absoluten Zahlen schulden spanische Geldinstitute der Nationalbank netto 288 Milliarden – und benötigen nun noch zusätzliche Hilfe in unbekannter Höhe. Die Rettung Spaniens ist also bereits in vollem Gang, nicht erst seit die Regierung sich zu ihrem offiziellen Hilfsansuchen durchgerungen hat.

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Kurztitel: 
Der spanische Patient
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