Politisch-korrektes Gedenken mit Gauck in Rostock

29. August 2012 - 23:08
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Die Antifa bezeichnet die Krawalle in Lichtenhagen als Pogrom.
Eine differenzierte Aufarbeitung findet auch 20 Jahre später nicht statt.
Foto: strassenstriche.net / flickr (CC BY-NC 2.0)

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Deutschland

Jugendliche werfen unter Beifall einer großen Menge Steine und Molotowcocktails gegen die "Sonnenblumenhäuser". Ein Euphemismus: es handelt sich um DDR-typische Plattenbauten, die applizierten Sonnenblumen sind im wahrsten Sinne nur Fassade. 1992 sollen sie neben vietnamesischen Gastarbeitern noch hunderte Asylbewerber beherbergen. Es ist die Zeit der "Asylflut", deren Ausmaße (1992: 400.000 Asylanträge) sogar den Spiegel zur nüchtern-kritischen Berichterstattung zwingen (Nr. 15, 6. April 1992), und die an diesem Ort einen ersten Kulminationspunkt findet.

Der Konflikt zwischen Menschen, die sich selbst überlassen, möglichst geräuschlos eine neue Heimat finden sollen und jenen, die in der Wendezeit mit ihren Jobs zugleich Zukunftsperspektiven verloren haben, sich abgehängt fühlen, schaukelt sich hoch. Das dumpfe Gefühl, dass der Staat jedem Fremden die Hand reicht, die Rostocker in Lichtenhagen jedoch abgehakt hat, erzeugt Wut. Dass die Lasten der massenhaften Unterbringung (und damit die Folgen einer seit 1949 nicht novellierten Asylgesetzgebung, die erst 1993 der Realität angepasst wird) gerade sie und nicht die Bewohner besserer Viertel tragen sollen, merken selbst Einfältige. Rostock-Lichtenhagen steht nicht nur für bejubelte Gewalt gegen Ausländer, sondern in gleichem Maße für die dummdreiste "Entsorgung" der Asylproblematik mittels Auslagerung in Randgebiete - weil die Verantwortlichen hier offenkundig am wenigsten mit politisch unbequemen Folgen rechnen.

Der "Ossi": Provinziell, arbeitslos, rechtsradikal und ausländerfeindlich

Beschwerden über die Zustände (freies Campieren, Hygienenotstand, Gewalt auf den Straßen, Kriminalität) prallen in Folge wie an einer Gummimauer ab, die Konflikte spitzen sich zu. Der geballte Zorn der deutschen Mehrheitsbevölkerung entlädt sich schließlich im Sommer 1992 in einer Gewaltexplosion. Rechtsextreme, vermeintlich Rechtsextreme und auswärtige Schaulustige finden sich erst später ein. Die Asylanten und Ausländer fürchten um ihr Leben. Eine hoffnungslos überforderte Polizei richtet sich in der Defensive ein, Kamerateams drängeln sich um die besten Bilder des "Volksaufstandes" (Cem Özdemir), medial begehrt sind auch "entlarvende" O-Töne der Wohnbevölkerung, die man später wohl sortiert in die Wohnzimmer ausstrahlt. Das Viertel und seine Bewohner sind für immer kompromittiert. Sie haben laut Medientenor die Fratze des "hässlichen Deutschen" gezeigt, unterschwellig schwingen gut gehegte Vorurteile gegenüber den erst kürzlich vereinten "Ossis" mit: provinziell, arbeitslos, rechtsradikal und natürlich ausländerfeindlich ist man "drüben".

Dem Medien-Establishment, das die Bilder aus dem Brennpunkt einordnen und kommentieren soll, muten sie wie aus einer anderen Welt an. In der Tat trennen - auch zwanzig Jahre später - die Entscheider und Macher in Politik und Medien Welten von den Plattenbauten in Rostock oder anderen Orten mit vergleichbaren Konflikten. In den von ihnen bevorzugten mondänen Stadtquartieren mit Gründerzeitfassaden gibt es weder Plattenbauten, noch Asylsuchende. Die wenigen Ausländer der unmittelbaren Nachbarschaft sind gut situiert: der persische Arzt, den man auf dem Golfplatz trifft, die Kunststudentin aus Korea. Angesichts derlei interkultureller Begegnungen fällt es leicht, sich in kultureller Kompetenz und gutmenschlicher Toleranz zu üben und den "ausländerfeindlichen Mob" wortgewaltig zu ächten - und sich damit moralisch überlegen zu fühlen.

Kluft zwischen Volk und Establishment ist nicht kleiner geworden

Nach zwanzig Jahren ist die Kluft, die hinsichtlich der Bewertung der Zuwanderungsproblematik zwischen Normalbevölkerung und Establishment besteht, nicht kleiner, sondern größer geworden. Die Sarrazin-Debatte hat dies gezeigt: Thilo Sarrazin hat hunderttausenden Bürgern, die die Diskrepanz zwischen ihren Alltagserfahrungen und den politischen Verlautbarungen nicht mehr übersehen konnten, eine Stimme gegeben. Er ist auf der anderen Seite der Ausgegrenzte, die Persona non grata. Die Ausländerlobbyistin Mely Kiyak darf sich über seine Körperbehinderung lustig machen und ihn zur "Menschenkarikatur" stempeln, das geht in Ordnung. Zeichen der Zeit.

Es wundert angesichts dieser Kluft nicht, dass der zwanzigste Jahrestag der ausländerfeindlichen Krawalle nicht zur differenzierten Aufarbeitung Anlass gibt. Weder werden verschiedene Perspektiven eingenommen, noch mehrere Geschichten erzählt. Im Gegenteil: Rostock-Lichtenhagen ist zum Agitationsraum geworden, die übliche politisch-korrekte Moralisierung hat pünktlich eingesetzt. In diesem Kontext ist auch die Rede von Bundespräsident Joachim Gauck zu sehen, der jüngst am Schauplatz sprach. Dort setzte er unter "Heuchler, Heuchler"-Rufen der mitgereisten linksradikalen Antifa-Gruppen auf politisch Unverfängliches, zielte auf den Beifall der linksliberalen "Leitmedien" ab. Die damaligen Zustände streifte er mit der distanzierten Leerformel, die Rostocker hätten zuvor unter "unguten Umständen" leiden müssen - diese "Umstände", so "ungut" sie vor Ort auch waren, interessierten damals weder Behörden, noch Politiker, noch politisch aktive Pfarrer wie Gauck.

Das Dogma der multikulturellen Gesellschaft lebt weiter

Das heutige Staatsoberhaupt geißelt nun umso strenger den "Mob", den "braunen Osten", in dem die NPD überall vertreten sei. Dabei dürfte das Gros der Wähler der Linkspartei, die hier eine ungleich größere Rolle spielt, kaum anders denken. Die sich zuspitzenden Konflikte in anderen Ballungsräumen beleuchtete der Bundespräsident - ausgehend von seiner Deutung des "Brandmals" Rostock - nur aus einem, dem politisch korrekten Blickwinkel. In seiner Sonntagsrede kamen Ausländer deshalb nur als "Helden" und Ausgegrenzte (aktuell Muslime) vor. Die multikulturelle Gesellschaft (und damit die schleichende Entwicklung zum Vielvölkerstaat), das hat Gauck in Rostock bekräftigt, ist nach wie vor unangefochtenes sozialromantisches Leitbild - für die "ungute Umstände" genauso "ausgehalten werden müssen", wie Konflikte. Fragt sich nur, wo.

Kurztitel: 
Politisch-korrektes Rostock-Gedenken
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Kommentare

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Kleiner Witz am Rande:
Was ist der Unterschied zwischen dem, wenn sich Bundespräsident Gauck und Kanzlerin Merkel treffen und dem treffen zweier IM?

Antwort:
In diesem Fall keiner, wenn sich IM Larve und IM Erika ein Stelldichein geben.

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Keine Fage: der Verfassser dieses obigen Beitrages weiß um die Dinge von denen er in klarer Sprache schreibt.Danke!

Sicherlich hielt sich Herr Pfarrer Gauck zur Zeit des Rostocker Geschehens in Berlin auf und arbeitete an großen Aufgben und seiner Polit-Karriere.
Doch,hatte er sich schon damals so weit von "seiner Berufung als Seelsorger" entfernt,daß ihm die Sorgen der Menschen und die Geschehnisse an dem Ort seines ehemaligen Wirkens nicht die Kurzreise von Berlin nach Rostock- Lichtenhagen wert waren? Oder war die emotionale Bindung zu seinen Landsleuten damals doch noch etwas enger, sodaß für deren Tun mehr als seelsorgerisches Verständnis aufgebracht wurde?

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die Linken sind die Rassisten nach innen, die Nazis die Rassisten nach außen.

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