Bischofsmord in der Türkei – Attentat auf Papst geplant?

Am Freitag, 4. Juni, wurde der katholische Bischof Luigi Padovese (Bild), apostolischer Vikar von Anatolien, von seinem Fahrer, dem 26 jährigen Murat Altun brutal ermordet. Der Mord wurde von den türkischen Behörden als die Tat eines psychisch Kranken dargestellt. Der Täter, der mit der blutigen Tatwaffe, einem Messer, am Tatort aufgefunden worden war, war kurz zuvor in psychiatrischer Behandlung gewesen. Außerdem wäre der Täter zum katholischen Glauben konvertiert. Religiöse oder politische Motive schienen damit unwahrscheinlich.

Luigi PadoveseDa es in der Türkei immer wieder zu Übergriffen auf Christen kommt, könnte ein kalter Mord an einem Bischof sich negativ für das Land auswirken. Die These der persönlich motivierten Tat eines einzelnen psychisch Gestörten war für die Behörden in diesem heiklen Fall sicherlich nicht unpraktisch. Doch in der Zwischenzeit mehren sich Zweifel an den ersten Darstellungen, und auch die türkischen Behörden geben sich nunmehr äußerst bedeckt.

Unstimmigkeiten, Zweifel und Gerüchte

Der Anwalt des mutmaßlichen Täters gab allerdings an, dass die ganze Familie muslimischen Glaubens sei. Auch Altun selbst bezeichnete sich dem Anwalt gegenüber als Moslem. Außerdem soll Altun während der Tat „Allahu Akbar“ gerufen und auch im Gerichtssaal muslimische Gebetsformeln geschrieen haben. Fest steht aber auch, dass Bischof Padovese Kosten psychiatrischer Behandlungen für den Angeklagten übernommen hatte. Der Erzbischof von Izmir, Ruggero Franceschini, der die Familie Altun persönlich kennt, glaubt aber nicht an eine psychische Erkrankung des mutmaßlichen Täters. Die Ermordung Padoveses erinnert ihn an einen Ritualmord. Auch von einer Verhaftung Altuns durch die Militärpolizei und einer kugelsicheren Weste des Täters wird berichtet. Ebenso soll sich Altun in Begleitung einer oder mehrer Personen befunden haben. Daneben berichten diverse Medien über verschiedenste angebliche Hintergründe der Tat: Bekehrungsversuche durch den Bischof, Homosexualität, die PKK als Urheber der Tat, um den Ruf der Türkei international zu beschädigen. Bei all dem sollte aber die orientalische Vorliebe für Verschwörungstheorien nicht außer Acht lassen. Außerdem laden die mysteriösen Umstände der Tat zu Spekulationen ein.

Attentat auf den Papst und „tiefer Staat“

Die Tatsache, dass Bischof Padovese die Reise zu einer Kirchensynode nach Zypern, bei der auch der Papst anwesend ist, kurzfristig stornierte, ließen Spekulationen aufkommen, Altun wollte eigentlich ein Attentat auf den Papst verüben. Als Drahtzieher wird hierbei der „tiefe Staat“ ins Spiel gebracht. Dabei handelt es sich angeblich um Kreise innerhalb des türkischen Militärs und der Geheimdienste, deren Hauptziel es ist, die derzeitige Führung unter Premierminister Erdogan zu stürzen und ein nationalistisches, laizistisches Regime nach Atatürks Vorbild wiederzuerrichten. Auch der Papst-Attentäter Ali Agca gehörte einer türkischen nationalistischen Gruppe an; ihm wurden aber ebenso Kontakte zu östlichen Geheimdiensten nachgesagt.

Prekäre Lage der Christen nicht nur in der Türkei

Abseits aller Spekulationen ist die Lage der etwa ein Prozent Christen in der Türkei äußerst prekär. Regelmäßig werden Anschläge auf Christen, insbesondere Priester verübt. Christliche Einrichtungen werden von staatlicher Seite drangsaliert und schikaniert. Sowohl religiöse Fanatiker als auch türkische Nationalisten sehen die Christen als Fremdkörper innerhalb der Türkei an. Die ältesten christlichen Gemeinden – die Kopten in Ägypten, irakische Christen und Christen in der Türkei – befinden sich mehr und mehr im Belagerungszustand. Aber auch andere religiöse Minderheiten wie Aleviten und Bahai sehen sich im Orient in jüngster Zeit verstärktem Druck ausgesetzt.

Foto: © Raimond Spekking / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0 & GFDL

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