Nordirischer Blutsonntag – Neuer Bericht bringt späte Gerechtigkeit

Der britische Premierminister David Cameron entschuldigte sich gestern, 15. Juni, bei den Opfern des als Blutsonntag (Bloody Sunday) in die nordirische Geschichte eingegangenen Massakers. Am 30. Jänner 1972 hatten britische Fallschirmjäger das Feuer auf einen Protestzug in Derry eröffnet, 13 Menschen starben im Kugelhagel. Der Blutsonntag war eines der einschneidensten Ereignisse in der Geschichte der Unruhen in Nordirland; die britische Regierung stellte die Provinz danach unter direkte Verwaltung, die Gewalt eskalierte. Die Provisional IRA erhielt nach den Ereignissen verstärkt Zulauf und auch ein immer wieder gesteigertes Armeeaufgebot konnte den Bürgerkrieg nicht beenden. Waren vorher Bürgerrechtsmärsche das Mittel des katholischen Protestes, so griffen nach dem Blutsonntag immer mehr Katholiken, vor allem Jugendliche, zu den Waffen.

Erster Bericht stark angezweifelt

Einen ersten Untersuchungsbericht gab es bereits 1972, die Ergebnisse damals sprachen die Armee weitgehend von Schuld frei. Die Soldaten seien aus der Menge beschossen worden und hätten das Feuer nur erwidert. Teilnehmer und Zeugen des Protestmarsches haben dies immer vehement bestritten und den Bericht als britische Propaganda angezweifelt. Der neue Bericht scheint den Kritikern recht zu geben. 1998 gab Tony Blair einen neuen Bericht in Auftrag und folgte damit dem Drängen der Angehörigen der Opfer. Außerdem war der neue Bericht ein Zugeständnis an die republikanische Seite, im selben Jahr wurde auch das Karfreitagsabkommen geschlossen, das den Konflikt beendete.

Bloody SundayKernpunkte des Berichts

Der Bericht sollte schließlich der teuerste seiner Art im Vereinigten Königreich werden, nach zwölf Jahren, der Befragung mehrerer tausend Zeugen und Ausgaben in der Höhe von 195 Millionen Pfund umfasst er mehr als 5000 Seiten. Dies sind seine Kernpunkte:

Es gab keine Warnung, bevor die Soldaten das Feuer eröffneten, der Gebrauch der Schusswaffen geschah nicht als Antwort auf Angreifer mit Steinen oder Brandsätzen; von keinem der Beschossenen ging eine Gefahr für die Soldaten aus. Manche der Erschossenen flüchteten gerade oder waren dabei, Verwundeten zu helfen. Die Ereignisse des Tages waren nicht vorher geplant worden. Viele der Soldaten logen über die Vorkommnisse. Außerdem wurde festgestellt, dass Martin McGuiness, stellvertretender erster Minister Nordirlands, anwesend und möglicherweise mit einer Maschinenpistole bewaffnet war, sich aber in keiner Weise so verhalten hat, dass dies für einen Soldaten einen Grund zum Schusswaffengebrauch darstellten hätte können.

Politische Brisanz und mögliche Strafverfahren

Der letzte Punkt könnte sich als politisch brisant erweisen. McGuiness war 1972 Kommandant einer IRA-Einheit und stieg in den 1970er-Jahren zu einem der prominentesten Führer der der IRA nahe stehenden Partei Sinn Fein auf. Nach zwei Verurteilungen, Inhaftierung und jahrelangem Einreiseverbot ins Vereinigte Königreich wurde er Ende des letzten Jahrtausends zu einem der Architekten des Karfreitagsabkommens. Jetzt ist er gemeinsam mit seinem ehemaligen Erzfeind Peter Robinson, dem Nachfolger Ian Paisleys als Anführer der radikalen Unionistenpartei Democratic Unionist Party, einer der beiden Regierungschefs Nordirlands. Die Frage, ob McGuiness an jenem Tag bewaffnet war, was dieser heftig bestreitet, könnte den noch immer sehr fragilen Frieden stark belasten.

Den beteiligten Soldaten wurde zwar Immunität vor Strafverfolgung zugesichert, dies gilt aber nur für belastende Tatsachen, die sich aus ihren eigenen Aussagen ergeben. Sollten andere Aussagen oder entsprechende Beweise auf damalige Täter hinweisen, so kann dies trotzdem zu einer Anklage führen.

Geteilte Reaktionen

Erwartungsgemäß fielen die Reaktionen unterschiedlich aus: Angehörige der Opfer, Kirchenvertreter und katholische Nordiren zeigten sich sehr erfreut über die Ergebnisse, während Vertreter der protestantischen Nordiren auf die Opfer der IRA verwiesen, denen bisher keine Gerechtigkeit widerfahren sei. Die Armeeführung entschuldigte sich bei den Opfern, wies aber auch auf die besonderen Umstände in Derry zu jener Zeit hin. Für die Armee sind die Ergebnisse besonders blamabel, geriet doch eine ganze Fallschirmjägereinheit außer Kontrolle.

Filmische und musikalische Rezeption

Der Film „Bloody Sunday – Blutsonntag" des britischen Regisseurs Paul Greengrass aus dem Jahr 2002 versucht die Vorkommnisse des Tages möglichst detailgetreu nachzuerzählen. Die Perspektive springt zwischen den verschiedenen Akteuren, Ivan Cooper, Organisator des Protestmarsches, der Einsatzleitung des Militärs, den Fallschirmjägern und den Demonstranten hin und her, der Zuschauer wird so regelrecht in den Sog der Ereignisse hineingezogen. Bloody Sunday, der stark im Stil eines Dokumentarfilmes gehalten ist, gewann 2002 den Goldenen Bären der Internationalen Filmfestspiele in Berlin.

Auch die irische Rockband U2 setzte sich in ihrem Lied „Sunday Bloody Sunday“ mit dem Blutsonntag auseinander.

Buchtipp: Tim Pat Coogan, The Troubles, Irelands Ordeal 1966 – 1995 and the Search of Peace.

Foto: Wikimedia

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