Piraten – Renaissance eines Mythos

Piraten lösen bei romantisch veranlagten Zeitgenossen das Bild von freien Teufelskerlen unter karibischer Sonne aus. Hollywoodfilme nähren das Klischee. Ein eher nüchterner Beobachter des Weltgeschehens wird dabei eher an Somalia und die spektakulären Fälle von Piraterie aus jüngster Zeit denken. Bei einem Blick in den heimischen Blätterwald erscheinen die somalischen Piraten aber eher als regionales Phänomen in einem bitterarmen Land ohne Zentralgewalt.

Piraten wieder stark im Aufwind

Die Realität ist eine andere, denn Piraten segeln weltweit wieder voll auf Erfolgskurs: im Jahr 2009 betrug die Zahl registrierter Überfälle 406, eine Steigerung um fast 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Experten vermuten, dass die Dunkelziffer fünfzigmal höher liegen könnte. Der verursachte Schaden wurde 2006 – bisher das schwächste Piratenjahr des Jahrzehnts – auf 13 Milliarden Euro geschätzt, wobei auch hier von einer höheren Dunkelziffer auszugehen ist.

Die am meisten gefährdeten Gebiete sind dieselben wie schon in früheren Jahrhunderten: neben dem Horn von Afrika und dem Roten Meer die Gewässer um Indonesien, vor allem die dicht befahrene Straße von Malakka, die Karibik und die Küsten des nördlichen Südamerika sowie Westafrika und Bangladesh. In all diesen Regionen ist die Staatsmacht kaum in der Lage, die langen Küstenlinien zu schützen. Dazu kommt die hohe Korruption, sodass regionale Behörden von Piraten bestochen werden oder aktiv mit diesen zusammenarbeiten. Unübersichtliche Küstenlinien mit geschützten Buchten und Flussläufen bieten dazu ideale geographische Voraussetzungen.

Vom Supertanker bis zur Privatyacht

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Mit Ausnahme der Kriegsmarinen ist kaum ein Schiffstyp vor den Angreifern sicher, das Hauptziel sind kleinere Frachtschiffe, Fischer und private Yachten, aber auch große Schiffe sind im Visier der Piraten wie der Fall des Tankers Petro Ranger 1998 beweist. Passagierschiffe fallen kaum ins Beuteschema, da es für die kleine Anzahl an Seeräubern schwierig ist, eine größere Anzahl an Menschen zu kontrollieren und oft auch eigene Sicherheitskräfte mit an Bord sind. Der Versuch, das italienische Kreuzfahrtschiff MSC Melody (Bild oben) im April 2009 zu entern, wurde nach wenigen Minuten wegen der heftigen Gegenwehr aufgegeben. Der spektakulärste Überfall auf ein Passagierschiff ereignete sich bereits 1985. Damals wurde die Achille Lauro von einem palästinensischen Terrorkommando gekapert.

Verschiedene Vorgehensweisen der Seeräuber

Die Vorgehensweise der Piraten kann man grob in vier Kategorien unterteilen. In den meisten Fällen haben es kleine Kommandos auf den Bordsafe, Wertgegenstände der Besatzung und technische Ausrüstung wie Navigations- und Funkgeräte abgesehen. Derartige Überfälle dauern meist nur sehr kurz, die Angreifer verlassen das Schiff mit ihrer Beute sofort wieder. Oftmals kommt es dabei nicht einmal zu einer Anzeige, da die Liegezeit eines Schiffes die Reederei teurer kommen kann als der verursachte Schaden. Vor allem in der Karibik und in südamerikanischen Gewässern werden auch private Yachten zu Opfern solch räuberischer Attacken.

Seltener versuchen Seeräuber das Schiff in ihre Gewalt zu bringen, um von der Reederei Lösegeld für Schiff und Mannschaft zu erpressen; vor allem vor Somalia erregen solche Fälle immer wieder Aufsehen. Das gekaperte Schiff wird in einen sicheren Hafen gebracht, wo die Piraten nach Erhalt des Lösegeldes sofort abtauchen können. Das Risiko ist dabei entsprechend höher, da sich größere Schiffe schwer verstecken lassen und mit Befreiungsaktionen zu rechnen ist. Außerdem ist eine entsprechende Infrastruktur an Land nötig, um die Lösegeldübergabe abzuwickeln und das Schiff im Hafen vor Angriffen zu schützen.

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Der Öltanker Sirius Star wurde vor Somalia gekapert und für drei Millionen Euro Lösegeld wieder freigegegen. Danach kenterte das Boot der Piraten, die Beute ging unter.

Nur sehr gut organisierte Gruppen zielen auf das ganze Schiff und seine Ladung ab. Die bereits erwähnte Petro Ranger wurde, nachdem die Besatzung zum Verlassen des Schiffs gezwungen worden war, unter falschem Namen und neuer Flagge in einen chinesischen Hafen gesteuert, wo sich die Piraten als neue Mannschaft ausgaben. Zuvor war die Ladung in andere Öltanker umgepumpt worden. Meistens werden aber kleinere Frachter zum Anlaufen eines Hafens gezwungen, wo die Ladung von den Piraten gelöscht wird. Um einen so komplizierten Angriff durchführen zu können, bedarf es genauer Planung und logistischer Unterstützung, zu der nur Verbrechersyndikate aus dem Bereich der organisierten Kriminalität fähig sind. Mindestens fünf solcher Gruppen sollen in Indonesien und Malaysia tätig sein.

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Auch in vermeintlich sicheren Häfen ereignen sich Überfalle auf Schiffe. In brasilianischen Häfen wurden gezielt Frachtschiffe mit wertvoller Ladung überfallen, die von der Mafia vorher ausgekundschaftet worden waren. Bestochene Polizisten und Hafenbeamte bereiteten den Verbrechern keine Schwierigkeiten. Auch in Sri Lanka und Bangladesh wurde von solchen Überfällen berichtet.

Von Gelegenheitsräubern bis zu Verbrechersyndikaten

Die Bandbreite der modernen Piraten reicht vom Gelegenheitsräuber über Familienclans bis zu politisch motivierten Terroristen und bestens organisierten Verbrechersyndikaten. Naturgemäß sind Überfälle von maritimen Kleinkriminellen am häufigsten. Auf kleinen Schlauchbooten mit Messern und Pistolen bewaffnet nähern sie sich ihren Opfern – Fischern, kleinen Frachtern und privaten Yachten – in Küstennähe. Manchmal sind es selbst Seeleute, die es nur auf Ausrüstungsgegenstände für ihren eigenen Gebrauch abgesehen haben.

BildBesonders in Somalia und vor der westafrikanischen Küste leben ganze Clans von dem einträglichen Geschäft der Piraterie. Somalische Piraten sind in der Regel besser ausgerüstet (Bild links), da in dem Bürgerkriegsland Waffen leicht erhältlich sind. Doch auch sie agieren ausschließlich in Küstennähe mit kleinen Booten.

Am gefährlichsten sind mafiös organisierte Piraten und Terroristen, wobei die Übergänge oft fließend sind. Mit guter Ausrüstung wie Sturm- und Maschinengewehren, Panzerfäusten und Raketenwerfern bewaffnet, sind größere Schiffe ihr Ziel. Sie sind immer wieder in der Lage, weiter ins offene Meer vorzustoßen, da sie teilweise über hochseetüchtige Schnellboote verfügen. Die Hintermänner sind die chinesischen Triaden oder paramilitärische Gruppen wie die Abu-Sayyaf-Rebellen auf den Philippinen.

Gibt es Gegenmaßnahmen?

Um der Piraterie Einhalt zu gebieten, hat die EU die Operation Atalanta gestartet. Mit Kriegsschiffen, Flugzeugen und Hubschraubern wurde den somalischen Piraten der Kampf angesagt. Auch die NATO, Russland, China und andere Staaten sind mit Marineeinheiten präsent. Ähnlich reagierten die Anrainerstaaten der Straße von Malakka, die ihre Kriegsmarine entsandten, um Seeräuber zu bekämpfen. Die brasilianische Regierung hat eigene Spezialkräfte gebildet, um ihre Häfen sicherer zu machen. Auch die chinesische Regierung hat Sondereinheiten zur Bekämpfung der Piraterie und der damit verbundenen Korruption in ihren Häfen aufgestellt.

In besonders gefährdeten Gewässern wenden Berufsschiffer aber auch Private inzwischen eine alte Taktik an: Sie fahren im Konvoi, um sich so gegenseitig schützen zu können und halten ständig Funkkontakt zur Küste.

Um die Wege von Schiffen und Fracht kontrollieren zu können, wurde der ISPS (International Ship and Port Facility Security Code) geschaffen. So soll es Piraten schwerer fallen, mit ihrer Beute unterzutauchen.

Die Schiffe selbst werden teilweise mit Elektrozäunen geschützt und sind mit Wasser- und Schallkanonen ausgerüstet; bewaffnete Handelsschifffahrt wird aber bisher international abgelehnt. Im Angriffsfall zieht sich die Mannschaft ins Innere des Schiffes zurück und verschweißt vorher Türen und Luken. Doch vor allem kleinere Schiffe sind den Angreifern meist wehrlos ausgeliefert.

In Kuala Lumpur existiert seit 1981 das Internationale Maritime Büro, eine Unterorganisation der Internationalen Handelskammer, das mit Interpol zusammenarbeitet und Überfälle dokumentiert. Dass trotz unterschiedlicher Maßnahmen die Zahl von Angriffen weiter im Steigen ist, verdeutlicht jedoch die große Gefahr, die von moderner Piraterie ausgeht.

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