Späte Gerechtigkeit für Kambodscha?

Am Montag, 26. Juli 2010, wurde das erste Urteil gegen ein einstiges Führungsmitglied der Roten Khmer vom UN-Sondergericht für Kambodscha gesprochen. Der ehemalige Leiter des berüchtigten Sondergefängnisses S 21 – BildTuol Sleng, Kaing Guek Eav, Kampfname „Duch“, wurde zu 35 Jahren Haft wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Der Angeklagte (im Bild links) und sein Verteidiger Francois Roux forderten eine Freispruch. Wird den unzähligen Opfern eines der grausamsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts 31 Jahre nach dem Ende der Schreckensherrschaft der Roten Khmer endlich Gerechtigkeit widerfahren?

Obwohl die Verbrechen der Roten Khmer zu den schlimmsten Monstrositäten unserer Zeit zählen, wurde das Thema in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts allenfalls am Rande beachtet, zu viele hatten zu viel dabei zu verlieren.

Unfreiwillige Hilfe der USA für die Roten Khmer

Bis 1970 galt der kleine Staat in Südostasien als Oase des Friedens. Auch wenn diese Sichtweise wohl als zu optimistisch galt, so hatte es der autokratisch regierende Staatschef Prinz Norodom Sihanouk durch eine geschickte neutralistische Politik geschafft, das Land aus dem Vietnamkonflikt weitgehend herauszuhalten. Um den Druck auf ihre Truppen in Südvietnam zu vermindern und die Nachschubrouten des Vietcong, die teilweise über Kambodschanisches Gebiet verliefen, zu stören, entschloss sich die US Regierung von Richard Nixon und seinem Außenminister Henry Kissinger zur Intervention in Kambodscha. B52-BomberSie unterstützten Anfang 1970 den Putsch des US-nahen General Lon Nol, um so die „Vietnamisierung“ des Krieges – den Abzug der US-Bodentruppen – abzusichern. Außerdem starteten sie eine immense Bombenoffensive gegen Kambodscha; so wurden auf Kambodscha alleine 1973 mehr Bomben abgeworfen – die meisten aus B-52 – als auf Japan während des Zweiten Weltkrieges. Aussagen ehemaliger Roter Khmer bestätigen, dass ihre Bewegung 1970 knapp vor dem Zusammenbruch stand. Erst die massive Intervention der Amerikaner mit mehreren hunderttausend toten Zivilisten führte zu einem Stimmungsumschwung zu ihren Gunsten. Am 17. April 1975 – zwei Wochen vor dem Fall Saigons – fiel die Hauptstadt Phnom Pen in die Hand der Roten Khmer, „Duch“ konnte seine Arbeit in S 21 beginnen.

Der Völkermord, den keiner sehen will

Sofort nach der Machtübernahme begannen die Roten Khmer mit ihrem Morden, dem ungefähr zwei Millionen Menschen zum Opfer fielen. Ersten Berichten über die Herrschaft der Roten Khmer in westlichen Medien wurde aber nur wenig Glauben geschenkt, die Verbrechen vor allem von linken und linksliberalen Kreisen bagatellisiert oder geleugnet. Noch Anfang 1980, als bereits das volle Ausmaß des Völkermordes bekannt war, beglückwünschte Rolf Schmierer, der unter Joschka Fischer in den Planungsstab des Auswärtigen Amtes geholt wurde, Pol Pot zum „Aufbau des Sozialismus“ in Kambodscha. In den ausgehenden 1970er Jahren beschäftigten sich westliche Journalisten außerdem wesentlich intensiver mit den Verfehlungen der „konservativen“ Diktatur in Chile als mit denen der Roten Khmer.

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Nicht nur die Linke schweigt…

Doch nicht nur die politische Linke schwieg oder verharmloste die Verbrechen, auch westliche Staatschefs taten es ihnen gleich, allen voran Ronald Reagan und Margret Thatcher – und das mit gutem Grund: 1979 waren es die kommunistischen Vietnamesen, die durch eine Militärintervention dem Morden Einhalt geboten, wenn auch aus eigennützigen Zielen. Um sowohl dem „Reich des Bösen“ – der Sowjetunion – als auch der verhassten Führung in Hanoi zu schaden unterstützten die USA und ihre Verbündeten in Südostasien die Roten Khmer, die als Guerillas gegen die Vietnamesen kämpften. Innerhalb der UNO wurde die Exilregierung der Roten Khmer auf Druck des Westens als legitime Vertretung Kambodschas anerkannt. Auch westliche Waffen und Finanzhilfen fanden ihren Weg in die Hände der Roten Khmer, die teilweise von britischen Spezialkräften ausgebildet wurden. China, zu jener Zeit der engste Verbündete der Roten Khmer, wurde zu weiterer Unterstützung ermutigt, wie Zbignew Brzezinski unumwunden zugab. Während die Roten Khmer bei ihren Mordtaten nicht behelligt worden waren, wurde über das neue prosowjetische Regime vom UN-Sicherheitsrat ein Embargo verhängt.

Trauriges Erbe

Folter-Werkzeuge aus dem Gefängnis Tuol Sleng in KambodschaHeute steht das Land vor dem bitteren Erbe, das Jahrzehnte des Blutvergießens hinterlassen haben. In keinem anderen Land ist die Dichte an Minen höher als in Kambodscha und die Gesellschaft ist noch immer tief gespalten, denn zu viele Kambodschaner hatten Anteil an den Untaten. Einigen der ehemaligen Führungsspitzen der Roten Khmer wurde Amnestie gewährt, was bei den Überlebenden und Angehörigen der Opfer auf Unverständnis stößt. Auch die Strafe für Kaing Guek Eav scheint im Vergleich mit anderen Staatsverbrechern wie Saddam Hussein oder Slobodan Milosevic milde, wenn man bedenkt, dass von geschätzten 17.000 Insassen in Tuol Sleng (im Bild Folterwerkzeuge) nach jüngsten Erkenntnissen nur zwölf überlebten. All jene, die im Westen die Verbrechen aus vermeintlicher Staatsräson oder ideologischer Verblendung ignorierten und die Mörder unterstützten, werden sicherlich nicht zur Verantwortung gezogen werden.

Fotos: Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia / www.nationalmuseum.af.mil / Bernd Nottelmann / Sean.hoyland

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