Wiener Blut

Es ist recht schade, wie sehr sich manche Leute über den Nationalsozialismus definieren, wo doch so viele aktuelle Probleme unserer Gesellschaft ungelöst vor uns liegen, die mit der Vergangenheit reichlich wenig zu tun haben. So vermerkt der Internet-Tagebuchschreiber Helge Fahrnberger, der einmal mehr große antifaschistische Ehren erwarb, indem er als Erster über die neue Plakatserie der Wiener FPÖ bloggte, über das heftig diskutierte „Wiener Blut“-Sujet folgendes: „Es widerstrebt mir, die Nazikeule auszupacken, aber ,Wiener Blut’ und ‚Zu viel Fremdes’ erinnert halt doch sehr an den ‚Wochenspruch der NSDAP’ in der Woche vom 21. November 1938, keine zwei Wochen nach der ‚Reichskristallnacht’.“ Und dieser Spruch, falls er Ihnen nicht so wie Herrn Fahrnberger auch sofort eingefallen ist, der lautet: „Ein Volk, das sein Blut vom Juden freihält, wird ewig leben.“

Kommentar von Martin Graf

Die Ähnlichkeit zu „Mehr Mut für unser ‚Wiener Blut’ – Zu viel Fremdes tut niemandem gut.“ ist wahrlich unglaublich. Und die Wochensprüche der NSDAP gehören ja ohnehin zum Standard-Rezitationsreservoir jedes aufrechten Bürgers, um jederzeit den Anfängen wehren zu können, wann und wo immer es nötig ist. So viel zur gewiss sehr widerwillig ausgepackten Nazikeule des Herrn Fahrnberger, der sich immerhin die Mühe gemacht hat, sein persönliches Sprucharchiv zu durchforsten. Das sofort einsetzende Gestänkere drittklassiger Grün- und Rot-Politiker war derartig niveaulos, dass ich mich dazu eines Kommentars enthalte.

Wenn ich, der ich mich aus dem Geschichtsunterricht auch noch an anderes als an die Jahre 1938 bis 1945 erinnern kann, den Spruch auf dem Plakat der FPÖ lese, dann denke ich bei „Wiener Blut“ zunächst an Kultur, Operette, vielleicht ein bisserl an Falco und insgesamt an den liebenswerten Charakter dieser großen Kulturstadt. Und bei „Zu viel Fremdes tut niemandem gut.“ denke ich an die Einwanderungsdebatte, die jüngst völlig unbestellt von den Regierungsparteien losgetreten wurde. Ich denke an Ausländerkriminalität, die von vielen Medien nicht mehr beim Namen genannt wird. Ich denke an Zuwanderer, die unsere demokratischen Werte nicht teilen, und das auch lauthals verkünden, indem sie – zum Beispiel jüngst in Belgien – zur Ermordung des vermutlich künftigen Regierungschefs aufrufen, weil sich dieser öffentlich zur Homosexualität bekennt.

Jeder Bürger hat die Wahl, im FPÖ-Slogan zu erkennen, was er will. Die Interpretation eines mutigen, aber verantwortungsbewussten Umgangs mit sozialen Problemen unserer Wiener Gesellschaft erscheint mir jedoch als einzig zulässige Deutung im 21. Jahrhundert. Alles andere wäre ewiggestrig.

Dieser Kommentar ist auch in der aktuellen Ausgabe der "Zur Zeit" erschienen.

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