Pop-Muslime reformieren deutsche Kultur

Sie werden Pop-Muslime gennant – Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien, die in ihrem Auftreten modern und lässig wirken, religiös aber doch ganz tief im Islam verwurzelt sind. Ihr Leben unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum von dem der deutschen Jugend. Die aktuellen Hits der Musikwelt und schicke Kleidung gehören genauso dazu, wie Fortgehen und Partys  – allerdings ohne Freizügigkeit, Nikotin und Alkohol. Allzu liberal wollen die jungen Muslime nämlich dann doch nicht verstanden werden, eher sekulär und wertkonservativ. Unislamische Werte sind im Lebensalltag streng verpönt, das Kopftuch und die Scharia dominieren. Es gilt, das Ziel einer Renaissance des modernen Islams, eines zivilen Dschihad zu verfolgen, um das angekratzte Image ihrer Religion zu verbessern.

Den ideologischen Input erhalten die Muslime aus der arabischen Welt, wo seit Jahren ein Trend zur Re-Islamisierung zu beobachten ist. Mittels TV-Kanälen und Satellitenfernsehen verfolgen sie in Deutschland ägyptische Prediger, die wie Popstars in dieser neuen Jugendbewegung verehrt werden. Ein Vorbild ist der ägyptische Scheichs Yusuf al-Qaradawi, einer der einflussreichsten arabischen Prediger in der islamischen Welt. Millionen verfolgen seine Fernsehansprachen auf dem Bildschirm und empfangen gespannt die Fatwas (Rechtsgutachten). Während des Libanonkrieges rief er zum heiligen Krieg gegen Israel auf.

Buch„Popmuslime akzeptieren die Moderne und wollen an ihr teilhaben, jedoch nur innerhalb ihres konservativ-islamischen Wertekodexes“, beschreibt Julia Gerlach, Islamwissenschaftlerin und Autorin des Buches „Zwischen Pop und Dschihad. Muslimische Jugendliche in Deutschland.“, die sich bisher noch in der Minderheit befindende Gegenkultur innerhalb der deutschen Gesellschaft. Lange wird es aber nicht mehr dauern, bis diese zu einer Art „muslimischer Avantgarde“ heranwächst. Denn längst nicht mehr sind die Anhänger des Pop-Islam nur perspektivlose Jugendliche, die im Islam ihr Seelenheil suchen. Sie haben maturiert, studiert und sind wirtschaftlich erfolgreich.

Einige haben sich mit Bekleidungsläden selbständig gemacht, in denen trendige Mode, Poster, Buttons, Mützen und vieles mehr mit islamischen Sprüchen und Motiven im Sortiment stehen. T-Shirts tragen die Aufschrift „Mekka“ oder „Medina“, Anstecknadeln die Forderung „Go halal“ – dazu kleine Bedienungsanleitungen, dass man sich mit diesen Sachen auch entsprechend zu verhalten habe. Alkohol und Prügeleien sind tabu. Wieder andere haben in der Musikbranche ihr Standbein gefunden. Einer davon ist der 27jährige Rapper Ammar114, der in Deutschland zum Islam konvertierte. Mit seinen Liedern „Ich lebe für Allah“, „Allah vergib mir“ oder „Es ist Ramadan“ wurde der gebürtige Äthiopier zu einem der bekanntesten muslimischen Rapper in Deutschland. Die Zahl 114 in seinem Künstlernamen steht für die 114 Suren des Koran und natürlich für die Gläubigkeit des Musikers.

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Fanatische Aktivitäten der Pop-Muslime sind nicht zu erwarten, auch wenn für sie der Islam über dem Grundgesetz und der Regierung steht. Der europäische Islam sieht sich eher als gesellschaftliche Reformationsbewegung, die eine kulturelle Landnahme anstrebt. Freilich bringt diese Strömung die Wahrscheinlichkeit mit sich, dass mit deren Strahlkraft und Einsatzbereitschaft auch der behäbigen deutschen Jugend imponiert werden kann.

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