Zweifel an Politiker-Attacke auf einen Journalisten

Die Klatschpresse begeistert sich an einem kleinen Detail am Rande der wichtigen Sondersitzung des Nationalrats zum Verfassungsbruch der Regierung. Der steirische SPÖ-Abgeordnete Christian Faul soll einen Fotografen attackiert haben, weil dieser ihn von der Journalistenstiege aus unvorteilhaft ins Bild gesetzt habe. Nach Unzensuriert-Recherchen ergeben sich an der von den Medien kolportierten Version große Zweifel.

Christian FaulTatsächlich sollen Fotografen sich während der Sitzung wiederholt über die Balustrade gebeugt haben, um von den Abgeordneten in den hinteren Sitzreihen Fotos zu schießen und auch von den vor ihnen liegenden Unterlagen. Letzteres ist laut Vereinbarungen zwischen dem Parlamentspräsidium und der Vereinigung der Parlamentsredakteure nicht statthaft. Obwohl insbesondere der im Mittelpunkt des Vorfalls stehende freie Fotograf Georges S. wiederholt von den Parlamentsordnern auf sein Fehlverhalten hingewiesen worden sein soll, führte er seine Paparazzi-Praktiken fort. Faul (Bild) ging daraufhin in Begleitung eines Orders zu den Fotografen und wollte die Fotos sehen. Dabei bestätigte sich der Verdacht, dass hauptsächlich die Unterlagen abgelichtet wurden, wie Faul gegenüber Unzensuriert.at bestätigte.

Fotograf braucht zum "Abschießen" keinen Fotoapparat

Ein weiterer „Besuch“ bei den Fotografen führte dann zum angeblichen Eklat. „Ich habe dem Fotografen auf die Schulter getippt und an seinem Kameragurt gezupft, damit er auf mich aufmerksam wird“, so Faul. Der habe darauf behauptet, er sei attackiert und von Faul am Auge verletzt worden. „Meine Sitznachbarn auch aus anderen Fraktionen können bestätigen, das ich dem Mann nichts getan habe“, sagt Faul. Nicht nur das: Ein anderer Abgeordneter will auch gehört haben, dass der Fotograf Faul gegenüber sinngemäß äußerte, wenn er ihn „abschießen“ wolle, brauche er dazu keinen Fotoapparat. Kurze Zeit später meldete die Austria Presse Agentur den angeblichen Skandal vom tätlichen Angriff auf den Fotografen, zahlreiche Zeitungen und der als Radaubruder bekannte steirische BZÖ-Chef Gerald Grosz sprangen dankbar auf…

Als einziger stellte sich heute der Dritte Nationalratspräsident Martin Graf schützend vor die Abgeordneten. Auch die Parlamentsjournalisten müssten sich an die Regeln halten, verlangt er in einer Presseaussendung und weist darauf hin, dass es Zweifel an der Darstellung des angeblich angegriffenen Fotografen gebe.

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Dies führte zu Protesten der Vereinigung der Parlamentsjournalisten. Sowohl deren Vorsitzender Johannes Huber von den Vorarlberger Nachrichten als auch Günther Schröder, Redakteur der Tageszeitung ÖSTERREICH, wollten von Grafs Pressesprecher wissen, auf welche Vereinbarung sich der Dritte Präsident beziehe. Tatsächlich gibt es eine solche Vereinbarung schriftlich nicht. Sowohl Nationalratspräsidentin Prammer als auch der Zweite Präsident Neugebauer haben jedoch in jüngerer Vergangenheit darauf hingewiesen, dass die Grenzen fairen Journalismus zu akzeptieren seien und das Fotografieren teils privater und vertraulicher Unterlagen diese Grenzen jedenfalls sprenge. In Ermangelung eines Schriftstücks wollen sich die Parlamentsredakteure daran nun jedoch nicht erinnern. Zum Teil kennen sie nicht einmal den „Ehrenkodex für die österreichische Presse“, dessen Lektüre schon ausreichend wäre, um zu wissen, dass die Paparazzi-Praktiken auf der Suche nach Meuchelfotos in klarem Widerspruch zu fairem Journalismus stehen.

Foto:Bundesheer

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