Buchtipp: MI 5 – Die wahre Geschichte des britischen Geheimdienstes

2009 legte der Geheimdienstexperte Christopher Andrew seine „Wahre Geschichte des britischen Geheimdienstes“ vor, passend zum 100. Geburtstag des Security Service. Um eventuellen Missverständnissen, die sich aus dem deutschen Titel ergeben könnten, vorzubeugen, sei gleich zu Anfang gesagt, dass der MI 5 nicht der britische Geheimdienst ist, sondern der britische Inlandsgeheimdienst. Für Auslandsoperationen ist Secret Intelligence Service MI 6 zuständig, der Auftraggeber des berühmten James Bond. Der englische Titel ist in dieser Beziehung wesentlich treffender: „The defence of the realm“. Damit ist auch der eigentliche Hauptaufgabenbereich des MI 5 und zugleich der Inhalt des Buches treffend umschrieben: die Verteidigung des – seit der Gründung 1909 stark geschrumpften – britischen Empire mit geheimdienstlichen Mitteln.

Naturgemäß haben sich die Hauptgegner und somit die Hauptaufgabenfelder seit Beginn des 20. Jahrhunderts stark verändert. Am Anfang stand die Angst vor einer (eingebildeten) deutschen Invasion und (wirklicher) deutscher Spionage und Sabotage vor und während des Ersten Weltkrieges. Nach der deutschen Niederlage von 1918 wandten sich die Agenten des MI 5 der neuen Gefahr durch die Bolschewisten zu, wobei vor allem englische Konservative in der aufstrebenden Labour Party teilweise die Vorhut Moskaus sahen und versuchten, den MI 5 gegen die Arbeiterbewegung in Stellung zu bringen.

Ab 1933 rückte wieder das neu erstarkende Deutsche Reich in den Focus des Security Service. Während Infiltrationsversuche der deutschen Geheimdienste erfolgreich abgewehrt werden konnten, gelang dem sowjetischen Geheimdienst NKWD (später KGB) sein größter Coup: die Rekrutierung einer Gruppe von aufstrebenden Absolventen englischer Eliteuniversitäten, die als „Cambridge Five“ bekannt wurden. Im Zweiten Weltkrieg feierte der MI 5 seinen größten Triumph: Fast alle deutschen Agenten konnten neutralisiert und viele von ihnen „umgedreht“ werden, sodass die deutsche Führung durch dieses „Double Cross“ System regelmäßig mit Falschinformationen gefüttert wurde.

BildWesentlich weniger erfolgreich agierte der Security Service während des Kalten Krieges. Der Atomspion Klaus Fuchs und der hochrangige Geheimdienstmitarbeiter Kim Philby, die beide für die Sowjets arbeiteten, verdeutlichen die großen Probleme des MI 5 bis in die 1970er Jahre. Die UdSSR widmete ihrem Spion Philby sogar eine Briefmarke. Erst ab 1971 bekamen die Briten die sowjetische Infiltration in den Griff. Zur gleichen Zeit erwuchs dem MI 5 ein neuer Gegner: der Terrorismus. War die Provisional IRA bis in die 1990er der Hauptfeind, so sind es inzwischen islamistische Terroristen.

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts wird durch Andrews Buch nicht neu zu schreiben sein, dennoch ist es äußerst lesenswert, bietet es doch einen sehr detaillierten Einblick in die Welt der Geheimdienste und deren Vorgehensweise. Sowohl das „Double Cross“ System als auch die Affäre um die „Cambridge Five“ sind inzwischen wohlbekannt, werden aber aus der interessanten Perspektive der Spionageabwehr geschildert. Das Wirken des MI 5 im britischen Empire und die Arbeit in den ehemaligen Kolonien auch nach deren Unabhängigkeit waren einer breiteren Öffentlichkeit bisher eher unbekannt. Die Tätigkeit des MI5 in der Bekämpfung des internationalen Terrorismus ist in der heutigen Zeit hochaktuell, vor allem durch die Entwicklungen nach dem 11. September und die Anschläge auf die Londoner U-Bahn 2005.

Thames House, Hauptquartier des MI 5 in London.

Thames House, Hauptquartier des MI 5 in London

Da Andrew weitgehend Einsicht in die Akten des MI 5 hatte und sowohl aktive als auch ehemalige Mitarbeiter interviewen konnten, gelingt es ihm, sehr detailreich über das Innenleben und die Funktionsweise des Geheimdienstes zu berichten.

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Obwohl der Autor sehr um Objektivität bemüht ist, merkt man ihm manchmal eine gewisse Parteilichkeit an. Insbesondere bei den noch immer nicht ganz geklärten Vorgängen, die zum Tod von drei IRA-Mitgliedern in Gibraltar 1988 führten, übernimmt Andrew weitgehend die Darstellung des Security Service und damit die offizielle britische Sichtweise.

Für alle, die an Geheimdienstarbeit interessiert sind, ist das Buch ein Muss, aber auch für andere bietet es einen hochinteressanten Einblick in die Tätigkeit eines Inlandsgeheimdienstes und dessen Zusammenarbeit mit der politischen Führung. Dass in Zeiten des globalen Terrors geheimdienstliche Nachrichtengewinnung weiterhin von großer Bedeutung sein wird, verleiht dem Werk trotz seiner Geschichtslastigkeit hohe Aktualität. Außerdem ist mit dem Ende des Kalten Krieg der Krieg der Spione keineswegs beendet, auch wenn er ein wenig in den Hintergrund getreten ist.

Foto: C Ford

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