Hankel bei Euro-Konferenz: Währung und Staat lassen sich nicht trennen! | Unzensuriert.at

Hankel bei Euro-Konferenz: Währung und Staat lassen sich nicht trennen!

25. September 2010 - 15:02

Professor Wilhelm Hankel zählt weltweit zu den führenden Währungsexperten. Er war Verantwortlicher für Geldpolitik im Kabinett des ehemaligen Bundeswirtschaftsministers Karl Schiller. Er zog gegen die Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung bereits 1998 vor das Verfassungsgericht und sieht die Ursachen der gegenwärtigen Krise nicht nur in maßloser Deregulierung des Banken- und Finanzsektors, sondern auch in einem zweiten Aspekt - der Währungsunion.

Wie Hankel bei der Konferenz „Der Euro vor dem Zusammenbruch“ in Berlin ausführte, ist Griechenland keinesfalls alleine im „Club der Pleitegeier“. Es reicht nicht einmal aus, den Zirkel der Bankrotteure um Portugal, Italien und Spanien zu erweitern, obwohl bereits beim finanziellen Ausfall nur einer dieser drei Volkswirtschaften der Euro in seiner gegenwärtigen Form vor einer ernsthaften Existenzkrise stehen würde. Tatsächlich stehen nach, zumindest bis vor dem Fall von Lehman Brothers gültigen, Grundsätzen satte drei Viertel der Mitglieder der Währungsunion kurz vor der Pleite. Als einziges großes Euro-Land haucht die Bundesrepublik der jungen Währung noch Leben ein. Deutschland, einst die ökonomische Lokomotive Europas, wurde mittlerweile zur Melkkuh für den Süden und Osten der zentralistischen Union degradiert. Die Armenhäuser Europas, von denen es etwa Griechenland gelungen ist, sich durch großangelegten Betrug in die Eurozone zu begeben, leben von Transferleistungen des reichen und in der Regel wesentlich produktiveren Nordens.

Doch was, wenn der beständige und milliardenschwere Wohlstandstransfer abreißt? Vielleicht, weil wir nicht mehr länger dazu bereit sind, für andere zu arbeiten und den herrschenden Politikern endlich die Rote Karte zeigen. Oder aber, weil der gesellschaftliche Wohlstand Nord- und Mitteleuropas durch diese verantwortungslose Politik nicht nur umgeschichtet, sondern schlicht vernichtet wurde?

Schon Österreich-Ungarn kannte Transfer von Reich zu Arm

Wie war es den Griechen und anderen möglich, über Jahre weit über ihre Verhältnisse zu leben? Wie Prof. Hankel ausführte, ist die Antwort auf diese Frage gute 100 Jahre alt und war schon zur Zeit Österreich-Ungarns bekannt. Der kaiserliche Minister und Wegbereiter der modernen Volkswirtschaftslehre, Eugen von Böhm-Bawerk, schrieb sie in seinem Werk „Macht oder ökonomisches Gesetz“ nieder. Wenn Staaten unterschiedlicher Bonität die gleichen Kreditchancen haben, verschulden sich jene mit niedriger Bonität überproportional. Die gegenwärtige Situation unterstreicht den Wahrheitsgehalt dieser Feststellung. Die damalige Problematik glich im Übrigen der aktuellen: Der östliche Reichsteil Österreich-Ungarns lebte von Zahlungen aus dem wirtschaftlich wesentlich leistungsfähigeren Westen.

Die hohe Bonität Deutschlands, Frankreichs und der Beneluxstaaten ermöglichte es den ärmeren Ländern, über den Euro auf Kosten der restlichen Eurozone nahezu unbegrenzt an Kredite zu gelangen. „Die Gemeinschaftswährung war also schon von Beginn an bewusst von Stabilität abgekoppelt“, führt Hankel vor Augen.

Entfernung der Leistungsschwachen oder Abschaffung des Euro

„Wer die bürgerliche Gesellschaft zerstören will, der muss beim Geldwesen anfangen“. Diese Worte erwiesen sich beinahe als prophetisch und entstammen dem Mund Lenins. Hankel sieht zwei Möglichkeiten, diesem Untergang unserer Gesellschaftsstrukturen zu entgehen. Entweder die Eurozone wird nach ökonomischen Gesichtspunkten bereinigt. Überschuldete und wenig entwickelte, daher kaum leistungsfähige, Volkswirtschaften werden daraus entfernt. Diese Möglichkeit wurde von der Politik im Fall Griechenlands verworfen und stattdessen der Steuerzahler für ein gigantisches und im Ernstfall nicht zu finanzierendes Rettungssystem zur Kasse gebeten.

Die zweite Variante wäre, den Euro abzuschaffen – aber nicht ersatzlos: Skandinavien, die Benelux-Staaten, Österreich und Deutschland erfüllen die Voraussetzungen, ein relativ festes gemeinsames Währungssystem zu begründen. Dieses müsste nicht wieder auf einer gemeinsamen Währung, sondern auf konstanten Wechselkursen fußen. Sollte eine der Ökonomien in Probleme geraten, könnte diese aussteigen, ohne dadurch möglicherweise die anderen Mitglieder in Turbulenzen zu bringen. Für die um ihren Eigensinn beneidenswerten Briten – die nach wie vor an ihrem Pfund festhalten - wäre dieses Modell ebenfalls interessant.

Rettungsschirme in Höhe von 750 Milliarden Euro wären dann ein – hoffentlich nicht eingetretener - Fall für die Geschichtsbücher. Der Euro, so fasst Hankel zusammen, brachte entgegen den Ankündigungen keine wirtschaftliche Dynamik, aber er birgt politisches Dynamit für den Frieden unter den Völkern Europas.

Weitere Berichte von der Euro-Konferenz in Berlin:

Farage bei der Euro-Konferenz: Die EU entscheidet, Deutschland zahlt

 

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