Sarrazin bewirkt offenbar Doppelspiel in Union

Als im September Thilo Sarrazin sein „Deutschland schafft sich ab“ veröffentlichte, in dem er vor allem Kritik an islamischen Migranten übt, gab sich Kanzlerin Angela Merkel demonstrativ ignorant und verkündete, sie werde das böse Buch erst gar nicht lesen. Am ersten Oktoberwochenende deklarierte Bundespräsident Christian Wulff den Islam als „Teil Deutschlands“, am zweiten forderte CSU-Chef Horst Seehofer einen Zuwanderungsstopp für Türken und Araber und zuletzt konstatierte Merkel plötzlich, dass „Multikulti gescheitert“ sei. Handelt es sich um das übliche Christdemokraten-Chaos? Oder mehr um taktisches Kalkül?

Abdullah GülBundespräsident Christian Wulff, vormals CDU-Ministerpräsident in Niedersachsen, spricht am Dienstag vor dem türkischen Parlament in Ankara. Seine ersten Stellungnahmen dazu bei der Abreise ließen darauf schließen, dass die AKP-Regierung mit jeder Menge Honig ums Maul rechnen darf. Wulff wird Kayseri besuchen, jene stark aufstrebende zentralasiatische Metropole, die bei der Republikgründung beinahe Hauptstadt geworden wäre und aus der Erdogans rechte Hand, Staatspräsident Abdullah Gül (Bild), stammt.

Dieser hatte vor einigen Tagen mit dem Appell an die Türken in der BRD aufhorchen lassen, diese sollen „fließend und akzentfrei Deutsch lernen“. Die islamistische und nationalistische AKP verfolgt damit naturgemäß nicht nur hehre Ziele: Die Türken sollen in Zukunft mehr als nur ihr bloßes Stimmrecht in die Waagschale werfen können. Nicht von ungefähr nannte Gül den DFB-Nationalspieler Mesut Özil als Vorbild, dem freilich die deutsche Hymne nicht über die Lippen kommt und der stattdessen lieber Koran-Verse memoriert.

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Wulff wird weiters an einem ökumenischen Gottesdienst in der Paulus-Kirche in Tarsus und schließlich in Istanbul an der Grundsteinlegung der ersten Deutsch-Türkischen Universität teilnehmen.

Angela MerkelCDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel (Bild) präsentierte sich auf dem Bundeskongress der Jungen Union in Potsdam zweigeteilt. Einerseits stärkte sie Wulff den Rücken („Wer ignoriert, dass hier 2.500 Imame in Moscheen ihre Gottesdienste abhalten, der lügt sich in die Tasche“), andererseits legte sie noch in die Richtung Seehofers nach, indem sie zum Aufbau einer „Multikulti-Gesellschaft“ meinte: „Dieser Ansatz ist gescheitert, absolut gescheitert.“

Seehofer selbst hatte am Freitag seine umstrittenen These nach einer zwischenzeitlichen Relativierung zu Wochenbeginn bekräftigt: „Wir als Union treten für die deutsche Leitkultur und gegen Multikulti ein – Multikulti ist tot.“ Die regierungsnahe türkische Zeitung „Zaman“ sieht darin eine Art künftige Aufgabenteilung zwischen Wulff und Merkel: der eine als ausländerfreundliches Aushängeschild und die andere als markige Frontfrau, die Wahlen zu gewinnen habe. Damit dürfte „Zaman“ richtig liegen. Wenn die CDU aber keine Taten setzt, wird sie diese Doppelstrategie auch nicht retten.

Fotos: World Economic Forum / swiss-image.ch / Flickr & Michael Cintula / IG BCE / Flickr

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