Warum der türkische Botschafter ausrastete

Seit der Rundumschlag des türkischen Botschafters in Österreich, Kadri Ecvet Tezcan, in einem „Presse“-Interview bekannt wurde, sind beide Länder in Aufruhr. Der undiplomatische Diplomat steht für die Mehrheit der ethnisch türkischen Bevölkerung in der Türkei. Diese Türken haben ein simples psychologisches Problem, das geschichtsbedingt ist.

Die Türkei ist ein großartiges Land mit unzähligen Kultur- und Naturwundern. Und mit der türkischen Gastfreundlichkeit kann sich die österreichische nicht messen. Aber es hilft alles nichts: Die Türken im Ausland sind tatsächlich die unbeliebtesten unter den Migranten – was allerdings leider durchaus begründet ist.

Atatürk formte Türkei aus Trümmern des Osmanischen Reiches

Es begann vor 92 Jahren: Die alten Vielvölker-Großmächte Österreich-Ungarn und Osmanisches Reich hatten den Ersten Weltkrieg verloren und eine brutale Zusammenstutzung erfahren. Für die verbliebenen Untertanen des Sultans wurde im Vertrag von Sèvres 1919 ein zentralanatolisches Quasi-Reservat vorgesehen. Der General Kemal Atatürk akzeptierte das nicht. In einem Befreiungskrieg schlug er die Griechen und zwang die Westmächte 1923 zum Vertrag von Lausanne, der die noch heute gültigen Grenzen festlegte.

Denkmal für Staatsgründer Atatürk auf einem Istanbuler BahnhofAtatürk war aber nicht nur ein genialer Feldherr, sondern auch der wahrscheinlich größte Staatsmann des 20. Jahrhunderts. Er krempelte das verbliebene Kerngebiet des Osmanischen Reiches völlig um. 1923 wurde die Türkische Republik ausgerufen. Atatürk schaffte das Kalifat (gesamtislamisches Gegenstück zum katholischen Papsttum) ab und ersetzte die Scharia durch das Bürgerliche Gesetzbuch der Schweiz. Der atheistische Islam-Hasser Atatürk sorgte für einen strengen Laizismus (Trennung von Religion und Staat). In Hinwendung zum Westen führte er die lateinische Schrift ein, verlegte die Feiertagsruhe vom islamischen Freitag auf den christlichen Sonntag und leitete persönlich eine Hutkampagne zur Ersetzung des von ihm verbotenen Fez.

Aber auch das Gebiet der heutigen Türkei war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ethnisch ein bunter Fleckerlteppich. Erst 1915 wurden die Armenier massakriert, 1922 in Smyrna (heute Đzmir) die Griechen, deren überlebende Volksleute im Zuge eines Bevölkerungsaustausches deportiert wurden. Die ersten größeren Übergriffe gegen die Kurden ließen auch nicht lange auf sich warten. Um das Land regieren zu können, setzte der blauäugig-blonde Atatürk, selbst der Sohn eines Dönme (Angehöriger einer türkisch-jüdischen Sekte) und einer Albanerin, auf einen alles gleichmachenden Nationalismus. Dieser wurde neben dem Laizismus zur wichtigsten Säule der nach Atatürk benannten neuen Staatsideologie des Kemalismus.

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Jeder Bürger der Türkischen Republik hatte auch ein echter Türke zu sein. Bei den 1934 eingeführten Familiennamen waren nur türkische erlaubt. Unterfüttert wurde das ganze durch die Parolen Atatürks. Die in der Türkei dominanteste ist „Ne mutlu Türküm diyene“ – „Welch ein Glück, sagen zu können, ich bin Türke“. Deren Allgegenwärtigkeit geht im kurdischen Landesteil und in Nordzypern (Bild unten) sogar so weit, dass dieser Schriftzug in Berghänge gemeißelt wird. „Welch ein Glück, sagen zu können, ich bin Türke!“ müssen Schulkinder landesweit auch vor Beginn des Unterrichts brüllen.

"Welch ein Glück, sagen zu können, ich bin ein Türke!" 

Wem von klein auf eingehämmert wird, sein Volk sei das absolut beste auf der Welt, führt sich auch im Ausland dementsprechend auf. In der Club 2-Diskussion des ORF mit dem Titel „Türken im Eck – Integrationsverweiger oder Ausgegrenzte?“ kann die Frage im Untertitel kurz und bündig beantwortet werden: Beides! Viele Türken in Österreich benehmen sich wie die neuen Herren. In Reaktion darauf werden sie angefeindet. Dadurch fühlen sie sich benachteiligt bis verfolgt und legen aus Trotz noch eins drauf.

Türkischem Nationalismus nicht mit Unterwürfigkeit begegnen!

Botschafter Tezcan, der eigentlich versuchen sollte, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, hat sich mit seinen Entgleisungen jedoch wie das 16-jährige Mitglied einer Türkenbande benommen, das seinem nichttürkischen Mitschüler Telefon und Taschengeld abnimmt und die alteingesessene Oma unter Androhung von Gewalt aus dem Park verjagt. Dass die anderen Migrantengruppen wesentlich weniger Probleme in Österreich haben, gibt den Türken nicht zu denken – im Gegenteil, sie fühlen sich darin bestätigt, etwas Besonderes zu sein. Es ist keine Bösartigkeit, sondern schlichte Verblendung, wenn verhaltensauffällige Sozialhilfebezieher auch noch Dankbarkeit für ihre Anwesenheit verlangen.

Die Propaganda der österreichischen Bundes- und Wiener Stadtregierung, dass es sich um „kulturelle Bereicherungen, die unsere Personen sichern“ handelt und ein zusätzliches Philosophieren über eigene türkische Schulen könnten kontraproduktiver nicht sein. Mit seinen Aussagen hat nun Tezcan, dessen Regierung schweigt, der aber von allen türkischen Tageszeitungen diverser politischer Ausrichtungen unterstützt wird, sogar die rotschwarzen Erträglichkeitsgrenzen überschritten. Dafür muss man ihm eigentlich dankbar sein. Denn das offizielle Österreich erkennt jetzt vielleicht endlich, dass einem krampfhaft übersteigerten Nationalismus, wie wir ihn seit 1945 nicht mehr kennen, niemals mit Unterwürfigkeit begegnet werden kann.

Fotos: Darwinek / Muratsahin (beide Wikimedia)

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