Stalin lebt – der Held der Sowjetunion als Wiedergänger

Ungarn 1956: Zwei Wochen lang leben die Ungarn den Traum der Freiheit. Die kommunistische Diktatur bricht wie ein Kartenhaus in sich zusammen; Stalindenkmäler werden von ihren Sockeln gestürzt. Am 21. Oktober 1956 endet der Traum. Die Rote Armee schlägt den Volksaufstand brutal nieder.

Sowjetunion 1962: In der von Nikita Chruschtschow eingeleiteten „Tauwetterperiode“ erscheint Alexander Solschenizyns Werk "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" es beschreibt das Konzentrationslagersystem in all seiner Grausamkeit. Die Rote Armee steht als Bollwerk vor den Lagern.

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CSSR 1968: Auch die Tschechen und Slowaken träumen ihren Traum der Freiheit. Abermals werden Stalins Denkmäler gestürzt. Am 21. August, während in Westeuropa Studenten rote Fahnen schwingen, wird die Freiheit von Panzern niedergewalzt. Die Rote Armee schlägt den Volksaufstand brutal nieder.

Wien 2010: Vor dem Denkmal der Roten Armee (Foto: Vmenkov) findet eine Befreiungsfeier unter dem Motto „Wer nicht feiert, hat verloren“ statt; eine Parlamentspartei wählt denselben Slogan für ihr Fest am Heldenplatz. Iwan Denissowitch als Verlierer? Stalins Rote Armee als Befreier?

Moskau 2010: Präsident Medwedew verbietet Stalinbilder bei der Militärparade am Roten Platz. Löst sich der russische Präsident von dem roten Despoten, während er in Österreich wiederaufersteht?

„Wer durch siebzig Jahre der bolschewistischen Herrschaft Stufe um Stufe in den Kerker hinabsteigt, der mit menschlichen Knochen übersät ist und nach getrocknetem Blut stinkt, kann den Glauben an die Menschheit verlieren.“ schreibt Alexander Jakowlew. Fast dreißig Jahre stand Josef Stalin an der Spitze dieser Herrschaft und sicherte sich dabei einen Spitzenplatz unter den blutrünstigsten Herrschern der Weltgeschichte. Warum also feiern Menschen, darunter frei gewählte Volksvertreter, in Österreich 2010 den Sieg der Roten Armee, Stalins Armee?

Der Zynismus von Stalins Epigonen

Jene die Stalins Sieg noch heute feiern, versuchen sich mit dem Sieg über den Faschismus, zu dem Rote Armee maßgeblich beigetragen hätte, zu rechtfertigen. Dieser menschenverachtende Zynismus spielt die Opfer des Nationalsozialismus gnadenlos gegen die Opfer des Stalinismus aus; die Opfer des Kommunismus werden ausgeblendet, um eine Party in der Wiener Innenstadt feiern zu können – Geschichtsfälschung auf Kosten der Iwan Denissowitsch’ dieser Erde.

Stalins russisches Großreich

Während Stalins westliche Epigonen unter dem Deckmantel des Antiimperialismus versuchen den Kommunismus wieder salonfähig zu machen, sind die Motive seiner russischen Verehrer größtenteils ganz anderer Natur: Stalin schuf das größte Imperium unter russischer Vorherrschaft, das vom Stillen Ozean bis nach Mitteleuropa reichte. Anscheinend überstrahlt dieser imperiale Glanz das Grauen, auf dem dieses Imperium aufgebaut war.

Das bittere Erbe der Schlächter

Die russische Gesellschaft leidet noch heute unter den Zerstörungen, die die Kommunisten angerichtet haben. Auch in Westeuropa wittern jene, die im 20. Jahrhundert die Welt versklavten wieder Morgenluft. Hoffentlich hat die Menschheit zumindest aus dieser Geschichte gelernt. Die Alternative beschreibt Alexander Jakowlew treffend: „Der größte Friedhof der Erde und der Geschichte. Vernachlässigt, überwuchert, verpestet durch Denunziation, verschmutzt durch radioaktiven und chemischen Müll, immer wieder durch geistlose Trottel mit Portraits von Lenin und Stalin entweiht. Der Friedhof menschlicher Hoffnung. Ein ewiger Stempel der Schande auf unserem unglücklichem Land.“

Buchtipp: Ein Jahrhundert der Gewalt in Sowjetrussland; Alexander Jakowlew, Berlin Verlag 2004

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