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Die älteste Tageszeitung der Welt soll ausgerechnet zum 320. Geburtstag eingestellt werden – dagegen protestiert nicht nur die FPÖ.

11. Oktober 2022 / 16:46 Uhr

Auch FPÖ gegen „Wiener Zeitung“-Einstellung: „Für andere Medien sitzen Inseraten-Millionen locker“

Die im Jahr 1703 von Prinz Eugen gegründete und seither weitgehend kontinuierlich erschienene Wiener Zeitung gilt als älteste Tageszeitung der Welt. Herausgeber ist das Bundeskanzleramt, also die Republik Österreich. Just zum 320. Geburtstag des Blattes im nächsten Jahr soll sie jedoch als gedruckte Tageszeitung verschwinden. So plant es die schwarz-grüne Bundesregierung, wie ÖVP-Medienministerin Susanne Raab am Donnerstag letzter Woche in der ZIB2 des ORF verkündete.
Manipulative Zahlenspiele der ÖVP-Medienministerin
So plant man, die Zeitung künftig nur noch als Online-Version erscheinen zu lassen. Daneben soll es zehnmal im Jahr eine Art gedrucktes Monatsmagazin geben (bisher gab es das Wochenend-Magazin Wiener Journal 14-tägig). Als Argument für die Einstellung der Print-Version brachte Raab das vorgeblich krasse Missverhältnis zwischen Verbreitung – angeblich nur 8.000 Leser – und Aufwand, nämlich angeblich 200 Mitarbeiter. Beides Zahlen, die nicht einmal annähernd stimmen.
Bewusste Verdrehung oder schlechte Recherche?
So verzeichnet das Redaktions-Team der Wiener Zeitung ganze 53 Mitarbeiter, weitere acht finden sich in Verwaltung und Anzeigen-Aquisition. Macht zusammen also 61 Mitarbeiter – und keine 200. Umgekehrt haben nach Angaben der Inseratenverwaltung rund 20.000 WZ-Leser ein Abonnement. Raab hatte mit „Lesern“ wohl nur die verkauften Exemplare gemeint – da könnten die 8.000 schon hinkommen. Eine Diskrepanz, die auch anderen Medien aufgefallen ist. Dazu kommen aber auch noch wesentlich mehr Online-Leser, denn die Wiener Zeitung verfügt bereits seit Jahren – und nicht erst ab nächstem Jahr – über eine eigene Online-Redaktion. Die tatsächliche Leserschaft dürfte also sechsstellig sein. Fragt sich nur, ob Raab bewusst Zahlen verdreht oder schlecht recherchiert hat.
Ab nächstem Jahr keine Amtsblatt-Inserate mehr
Was die Wirtschaftlichkeit angeht, so finanzierte sich die Wiener Zeitung bisher durch kostenpflichtige Pflicht-Einschaltungen aus öffentlicher Verwaltung und Privatwirtschaft im sogenannten Amtsblatt, also etwa Ausschreibungen, Konkurse, Geschäftsberichte etc. Dafür war ihr der normale Inseraten-Markt, den andere Medien nutzen, verwehrt. Ab nächstem Jahr, ein genaues Datum wurde noch nicht verraten, sollen die Amtsblatt-Pflicht-Veröffentlichungen wegfallen.
Herausforderung für neue Einkommens-Quellen
Ob die Zeitung unter Nutzung des kommerziellen Anzeigen-Geschäfts lebensfähig wäre, wurde, wie ein WZ-Kenner erzählt, noch nicht einmal ernsthaft versucht. Angesichts der in den letzten Jahren nur so sprudelnden Regierungs-Inserate für diverse Medien müsste es zudem auch für die „Wiener Zeitung“ entsprechende Unterstützung und zumindest für die erste Zeit eine Art Übergangs-Finanzhilfe durch den Bund geben.
„Keine Sensibilität für die Mediengeschichte Österreichs“
So sieht das auch FPÖ-Mediensprecher Christian Hafenecker, der dazu heute, Dienstag, in einer Aussendung meinte: „Die erste Ausgabe der ‚Wiener Zeitung´ erschien 1703. Sie ist damit die älteste noch erscheinende Tageszeitung der Welt. In den vergangenen fast 320 Jahren hat dieses Medium härteste Krisen und epochale Umwälzungen überlebt, nur diese schwarz-grüne Regierung soll jetzt ihr Ende sein. Das ist unwürdig, ÖVP-Medienministerin Raab lässt damit jegliche Sensibilität für die Mediengeschichte Österreichs vermissen – vor allem vor dem Hintergrund, dass sonst bei der Regierung die Werbemillionen für Inserate ganz locker sitzen“, so Hafenecker.
Verlust an Perspektiven und Verengung des Meinungsspektrums
Auch die Medienvielfalt werde durch die Einstellung der „Wiener Zeitung“ schwer in Mitleidenschaft gezogen: „Jedes Periodikum, dessen Veröffentlichung eingestellt wird, bedeutet einen Verlust an Perspektiven und eine Verengung des Meinungsspektrums. Die Bundesregierung sollte daher ihre Pläne noch einmal überdenken und nach Möglichkeiten suchen, den Weiterbestand der ,Wiener Zeitung´ als Tageszeitung zu sichern.“
Breite Front gegen Regierungspläne
Die Freiheitlichen sind nicht die einzigen, denen die Pläne der schwarz-grünen Regierung sauer aufstoßen. Die Initiative gegen die Einstellung der Wiener Zeitung umfasst mittlerweile ein breites Spektrum aus unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Gruppierungen.

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