Islamisten profitieren von Libyens Zerfall

US-Botschafter Christopher Stevens war einer der eifrigsten Akteure hinter dem Sturz von Muammar Gaddafi, jetzt hat ihn während eines Besuches des US-Konsulats in Benghasi selbst das Schicksal ereilt. Für den französischen Afrika-Experten Bernard Lugan ist es noch zu früh, um über diesen Mord und dessen pseudoreligiöse Motive genaue Aussagen zu machen, wohl aber stellt er eine Analyse der aktuellen Lage in Libyen an, die Unzensuriert.at ins Deutsche übersetzt hat.

Die Mainstream-Medien wollen uns bis heute glauben machen, dass Libyen sich auf dem Wege der Stabilisierung befinde, dass es mit der Wirtschaft seit der Wiederaufnahme der Exporte von Öl und Gas bergauf gehe und dass nach den Wahlen vom 7. Juli 2012 demokratische Einrichtungen geschaffen worden wären. Mit Blindheit und Taubheit geschlagen, priesen die Medienbeobachter die glücklichen Ausgang der Wahlen, bei denen die Fundamentalisten eine Niederlage erlitten hatten und der Sieg der sogenannten Allianz der Nationalen Streitkräfte (AFN) in den Schoß fiel, worauf diese Allianz auch sofort als "liberal" etikettiert wurde.

Libyen existiert nicht mehr

Doch wie zu erwarten war, war es mit dieser sehr "europazentrierten" demokratischen Brille nicht möglich zu erkennen, warum das Land keinesfalls so rasch wieder auf die Beine kam, wie man es versuchte herbeizuschreiben. Es gibt einen sehr einfachen Grund dafür: Der Staat Libyen existiert im Grunde nicht mehr!

Oberst Gaddafi war es um den Preis einer alles niederhaltenden Diktatur gelungen, Libyen eine gewisse innere Stabilität zu geben, obwohl das Land immer schon unter den Gegensätzen seiner Teilregionen (Tripolitanien, Cyrenaika, Fessan) litt und diese Gegensätze durch interregionale und religiöse Zwiste noch vielfach verstärkt wurden.

In Tripolitanien stehen einander zwei große regionale Koalitionen gegenüber:

1) Im Westen die Allianz der Nationalen Streitkräfte (AFN) von Mahmoud Dschibril, der auch die tripolitanische Fraktion des Stammes der Warfalla angehört, die alleine einen Anteil von 30 Prozent der Bevölkerung stellt. Zu den Verbündeten und Partnern der AFN gehören die Berberstämme von Sentan  (Zintan), von deren Milizen Saif al-Islam Gaddafi gefangen gehalten wird, und die Stämme der westlichen Berggebiete wie Dschebel Nefusa und Gahryan.

2) Im Osten die islamische Koalition von Misrata, die materiell vor allem durch Katar unterstützt wird. Der Hafen von Misrata befindet sich heute in den Händen jener fundamentalistischen Milizen, die Oberst Gaddafi und seinen jüngsten Sohn in bestialischer Weise gelyncht haben. Genau diese Gangsterbanden wurden von Frankreichs Pseudo-Außenminister Bernard-Henri Lévy als "Freiheitskämpfer" und "Demokraten" so sehr geschätzt, dass er Präsident Sarkozy veranlasste, französische Kommandotruppen zu ihrem Schutz zu entsenden, als die Gaddafi-getreuen Truppen eben darauf und daran waren, die Stadt Misrata einzunehmen – ein wirklich gelungener Coup!

In der Cyrenaika, wo sich am 6. März 2012 Ahmed Subair al-Sanussi von den ihm getreuen Stammeshäuptlingen zum Emir ausrufen ließ, stehen einander mit den Föderalisten und den Islamisten zwei starke Kräftegruppen gegenüber. Der Irredentismus der Cyrenaika hat historische Wurzeln. Bereits in den Jahren 1945 – 1950, als Großbritannien, Italien und Frankreich von der UNO mehr oder minder gezwungen wurden, die Unabhängigkeit Libyens zu ermöglichen, waren die Stämme der Cyrenaika nur unter zwei Bedingungen bereit, der Idee der Schaffung eines libyschen Einheitsstaates näherzutreten:

1) Idriss, der oberste Chef der Sanussi-Bruderschaft, sollte der Herrscher des neuen Staates werden. Er regierte dann auch als König Idriss I in den Jahren 1951 bis 1969.

2) Der Cyrenaika sollte eine weit reichende Autonomie eingeräumt werden.

Als im Jahr 1969 Muammar Gaddafi putschte, die Macht übernahm und die Monarchie abschaffte, wurde die Cyrenaika der Oberherrschaft von Tripolitanien unterstellt, was die Region nie akzeptieren wollte. Deshalb begann hier auch der Bürgerkrieg, dessen Ziel die Beendigung dieses Zustandes war.

Angriff auf US-Konsulat aus Darnah gesteuert

Die Islamisten, die den Aufstand in der Cyrenaika unterstützt hatten, wollen heute den Föderalisten die Macht streitig machen, befinden sich aber gleichzeitig in Auseinandersetzung mit anderen moslemischen Gruppen. So gibt es einen erbitterten Kampf zwischen den Fundamentalisten, die über keine lokale Tradition verfügen, und den Mitgliedern der Sufi-Bruderschaften, die regional sehr stark verwurzelt sind. Die Hochburg der radikalen Islamisten ist Derna (Darnah), wo sie eine Art Emirat errichtet haben. Seit einigen Wochen versuchen sie, von dort aus die Kontrolle über Benghasi zu übernehmen. Der Angriff auf das US-Konsulat war sicherlich Teil ihrer Strategie.

Wer wird aus diesen Auseinandersetzungen als Sieger hervorgehen? Dies ist im Augenblick unmöglich zu sagen. Derzeit versuchen die Fundamentalisten der Cyrenaika, Unterstützung der Milizen von Misrata zu gewinnen, welche diese Allianz wiederum als Stärkung gegen die Milizen des Westens benötigen. Unterstützung erfahren Sie dabei auch durch den Staat Katar, der, über die Niederlage seiner Schützlinge in Tripolis erbost, seinen Interessenschwerpunkt heute hierher in die Cyrenaika verlagert hat.

Von anhaltendem Chaos profitieren Islamisten

Die Frage bleibt offen, ob Libyen als Staat überlebt hat oder überhaupt überleben kann. Die Lage ist – ähnlich wie in Somalia – in zunehmenden Maß durch kriegerische Außenhandelssetzungen zwischen Regionen, Stämmen, Clans und Religionsgruppen geprägt. Es besteht die Gefahr, dass es in der Folge dieser Kämpfe zu einer gebietsmäßigen Aufsplitterung kommt, wobei angesichts der im Landesinneren gelegenen Rohstoff-Lagerstätten dem Hafen Misrata eine essenzielle Bedeutung für die Verschiffung zukommt.

Die Optionen sind im Grunde einfach: Entweder gelingt es der neuen Regierung, diesem Chaos ein Ende zu setzen (die Frage ist wie) und den Staat in der einen oder anderen Form wieder aufzubauen, oder aber dieses Libyen bleibt unregierbar. In diesem Fall werden die Islamisten ihre Trumpfkarte ausspielen können, nämlich das Modell einer religiösen Gesellschaft, welches die vielfachen Spaltungen dadurch zu überwinden trachtet, indem sie diese in einer einheitlichen Umma aufgehen lässt.

Diejenigen, die diese Katastrophe und die von ihr ausgehenden Umstürze in der gesamten Sahel-Zone ermöglicht haben, sind dieselben, die von außen in den libyschen Bürgerkrieg eingegriffen haben, in erster Linie der nunmehr abgewählte französische Präsident Sarkozy. Wie im Falle des unglücklichen amerikanischen Botschafters muss man auch in seinem Falle sagen, dass seine ehemaligen Schützlinge sich ihm gegenüber äußerst undankbar erwiesen haben.

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