Schutzbundkommandant Georg Weissel Blutzeuge gegen Berufsheer

„Lernen Sie Geschichte“, schmetterte einst SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky dem ORF-Redakteur Ulrich Brunner, einem ursprünglichen Arbeiterzeitungs-Mann, ins Gesicht, als dieser mangelndes historisches Verständnis erkennen ließ. Heute hätte die gesamte sozialdemokratische Gesinnungsgemeinschaft eine solche Belehrung dringend notwendig. Aber die SPÖ unter Bundeskanzler Werner Faymann, Verteidigungsminister Norbert Darabos und Wiens Bürgermeister Michael Häupl hat sich offensichtlich von der eigenen Parteigeschichte absentiert. Die Blutzeugen des Republikanischen Schutzbundes gegen das Berufsheer im Februarbürgerkrieg 1934 sind in Vergessenheit geraten. Ansonsten wäre ein Bekenntnis der SPÖ-Parteispitze zum Berufsheer undenkbar.

Berufsheer, Bundessicherheitswache und Heimwehr schossen auf Sozialdemokraten

Als sich die Sozialdemokraten am 12. Februar 1934 gegen das austrofaschistische Regime unter Engelbert Dollfuss erhoben, setzte die österreichische Bundesregierung bewaffnete Formationen ein, die sich aus dem Berufsheer, der Bundessicherheitswache und Heimwehrverbänden rekrutierte. In Wien waren neben dem Karl-Marx-Hof vor allem die Arbeitersiedlungen jenseits der Donau in Floridsdorf Brennpunkte des Widerstandes gegen die Wehrformationen der Regierung. Unter anderem setzten sich sozialdemokratische Schutzbundverbände in der Floridsdorfer Hauptfeuerwache unter dem Befehl des Wiener Berufsfeuerwehrmanns Georg Weissel erbittert zur Wehr.

Georg Weissel als Schutzbündler unter Mithilfe des Berufsheers zu Tode gekommen

Nach Artilleriebeschuss durch Berufsheerbatterien stürmte am 13. Februar 1934 die Bundessicherheitswache, eine Spezialeinheit der Polizei, die Hauptfeuerwache, und verhaftete neben 61 anderen Feuerwehrmännern auch den Schutzbundkommandanten Georg Weissel. Er wurde in Folge wegen „Dienstverweigerung und Auflehnung“ angeklagt und von einem militärischen Standgericht zum Tode verurteilt. Vollstreckt wurde das Todesurteil in den frühen Morgenstunden des 15.Februar durch den Scharfrichter Johann Lang. Weissel hinterließ eine Frau und einen vierjährigen Sohn. Sein Tod war eine direkte Konsequenz des Einsatzes des politisch instrumentalisierten Berufsheers gegen die Sozialdemokratie.

Schutzbündler Weissel wird bis heute durch die Sozialdemokratie verehrt

Weissel wird bis heute in der Wiener SPÖ als Blutzeuge gegen den Austrofaschismus verehrt. 1948 errichtete die SPÖ-geführte Stadt Wien auf dem Zentralfriedhof ein Grabdenkmal für Georg Weissel. In seinem Heimatbezirk Floridsdorf wurden die Weisselgasse (1946) und der Georg-Weissel-Hof (1961)  benannt, auch ein eigenes Georg-Weissel-Tröpferlbad hat es gegeben. In der Prager Straße, ebenfalls in Floridsdorf, widmete ihm die Genossenschaft "Wohnbau" ein Denkmal, das vom Bildhauer Karl Nieschlag 1964 gestaltet wurde.

Im Liedgut der Wiener SPÖ wird bis heute vor allem unter den traditionsbewussten Genossen die Erinnerung an Weissel auch mit dem Absingen des Georg-Weissel-Liedes gepflegt. Dass die aktuelle SPÖ sich von diesen Traditionen verabschiedet und lieber für Berufsheer als Söldnerarmee nach NATO-Vorbild eintritt, spricht für den aktuellen Zustand der Sozialdemokratie.

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