„Anti-Mohammed-Film“: Islamismus demonstriert globalen Machtanspruch

Der Prophet Mohammed ein "verwirrter Spinner"? Der handwerklich schlecht gemachte Film "Innocence of Muslims" (von dem bislang nur wenige Ausschnitte verfügbar sind), hat in der islamischen Welt einen Amoklauf ausgelöst. Der Flächenbrand, der im libyschen Bhengazi, Tunesien, Ägypten und im Sudan mit der Zerstörung westlicher Botschaften begann, wütete darauf in Pakistan. Mindestens 18 Tote haben die Unruhen am "Tag der Liebe zum Propheten" zwischen der Hauptstadt Islamabad und Karachi gefordert.

In Pakistan fühlten sich die zahlreichen islamistischen Organisationen, die exzellente Beziehungen zu Politik und Geheimdiensten unterhalten, für den "spontanen Protest" zuständig. Die konservative Regierung von Raja Pervez Ashraf hatte die Massenwut noch kanalisieren wollen und den Tag des Protestes gegen den Anti-Mohammed-Sequenzen kurzerhand zum "nationalen Feiertag" erklärt. Die Rechnung, die Massen besänftigen zu können, ging jedoch nicht auf. Gleich nach dem Freitagsgebet strömten Tausende Pakistanis auf die Straßen. Schon bald führte ein gewalttätiger Mob Regie: Schaufenster wurden eingeschlagen, Kinos und Polizeiautos in Brand gesetzt. Zahlreiche Polizisten, die sich verzweifelt gegen die fanatisierten Massen stemmten und das Regierungsviertel absicherten, wurden verletzt. Bezeichnend: Die pakistanischen Sicherheitskräfte hievten Schiffscontainer in die Zufahrtsstraßen, um die Massen von Botschaften und Konsulaten fernzuhalten. Zudem stand die Armee in Alarmbereitschaft.

Parallelen zum Fall Rushdie

Mittlerweile springen Teile der Regierung auf den Protestzug auf: Pakistans Bahnminister setzte auf die Produzenten des Films ein Kopfgeld aus – Analogien zum Fall Salman Rushdie (1989) drängen sich auf. Die prompte Distanzierung des pakistanischen Regierungschefs vom ministerialen Mordaufruf kann kaum verbergen, wie prekär die Situation ist, wie nah der radikale Islamismus schon an die Regierungsverantwortung herangerückt ist. Eine gefährliche Entwicklung: Ein politisches "Umkippen" des Staates in den militanten Islamismus hätte globale Konsequenzen: Pakistan ist seit Jahrzehnten Atommacht. Das Land, das weder die Folgen von Naturkatastrophen, noch die Armut beherrschen kann, ist hoch- und modern gerüstet. Es gibt Milliarden für sein Militär aus.

Was nach "spontanem Protest der Gläubigen" von Tunis bis Karachi aussah, war jedoch gesteuert, teilweise gut organisiert. In Bhengazi schlug ein neuer Arm des Terrornetzwerks Al-Kaida im Windschatten der Randalierer zu, in Ägypten und Sudan peitschten professionelle Prediger die Demonstranten ein. Busse karrten sie von Schauplatz zu Schauplatz. Der Sturm auf die deutsche Botschaft im Scharia-Staat Sudan wies Bezüge in die Bundesrepublik auf: Die Organisatoren beriefen sich auf eine "Anti-Islam-Demo" im fernen Deutschland. Sie bezogen sich damit möglicherweise auf eine angemeldete und in Ausübung der verfassungsmäßigen Freiheitsrechte stattfindende Demonstration der Bürgerbewegung PRO-NRW im rheinischen Bonn. Sie rief im Mai 2012 den harten Kern der etwa 4.000 in der Bundesrepublik lebenden militanten Salafisten auf den Plan.

Islamismus regiert auf der Straße und in Parlamenten

Die Botschaft der organisierten Gewalt ist klar: Der politische Islam spielt mit den Muskeln, er erhebt unverhohlen einen globalen Machtanspruch – der nicht vor den Grenzen Europas enden soll. Der Arabische Frühling, von den politisch korrekten Tagträumern des europäischen Establishments als "Aufbruch in Richtung Demokratie" verkannt oder herbeigeschrieben, hat ihn nachhaltig gestärkt. Die dünne Schicht der Revolutionäre, die für den arabischen Raum bislang typische Autokraten wie Ben Ali, Mubarak und Ghaddafi zu Gunsten westlicher Verhältnisse loswerden wollten, sind bislang zu Ohnmacht und Randständigkeit verurteilt. Den Mobilisierungskünsten der Militanten haben sie kaum etwas entgegen zu setzen. Auf der Straße und in den Parlamenten gibt der Islamismus den Ton an. Es ist sehr fraglich, ob vor Europas Haustüre die moderaten gesellschaftlichen Kräfte stark genug sind, ihm zu begegnen.

Von entscheidender Bedeutung ist die Entwicklung der islamistischen, aber eher konservativ ausgerichteten Parteien, die aus den Parlamentswahlen im arabischen Raum als klare Sieger hervorgegangen sind (Tunesien, Ägypten). Sie stehen möglicherweise vor einer Zerreißprobe: Nicht wenige ihrer Mitglieder sympathisieren trotz Zuganges zu staatlicher Macht und Alimentierung mit noch radikaleren Kräften, die die Demokratie überwinden und einen Staat nach dem Vorbild Mohammeds errichten wollen.

Iranische Revolution als historisches Schlüsselereignis

Der Historiker Nial Ferguson (Harvard-Universität) machte einst darauf aufmerksam, dass im Hinblick auf die weltpolitische Entwicklung die islamische Revolution im Iran (1979) bedeutender gewesen sein könnte als die Öffnung des Eisernen Vorhangs und der Zusammenbruch des Ostblocks (1990). Sie brachte einst das westlich orientierte Schah-Regime zu Fall, die Mullahs an die Macht und ging einher mit der Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran. Seither hat sich die Zahl der säkularen Regime im islamischen Raum deutlich verringert, Erdogans bereits halbwegs islamisierte Türkei gilt im Vergleich mit diesen Staaten nunmehr als "moderat".

Seit 1979 haben die Islamisten in folgenden Staaten die Regierungsbeteiligung errungen oder stellen einen großen Machtfaktor dar: Iran, Pakistan, Afghanistan, Sudan, Irak, Jemen, Tunesien, Algerien, Ägypten, Libyen, Libanon. Es ist zu befürchten, dass mit dem Sturz des Assad-Regimes in Damaskus auch in Syrien der Islamismus an die Macht kommt. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass der "Freiheitskampf" der Anti-Assad-Koalition ein Magnet für Dschihadisten geworden ist. Die eingesickerten "Heiligen Krieger" haben in einigen von ihnen kontrollierten Gebieten bereits kleinere "Scharia-Herrschaften" errichtet. Zur Einführung des mittelalterlichen islamischen Rechts gesellen sich Verschleierungszwang und die Verfolgung der Christen und Alawiten. Was einst im säkularen Syrien undenkbar war, ist bereits zum Teil an der Tagesordnung. Die islamistischen Kämpfer drehen die Uhr einfach um Jahrzehnte zurück. Auch wenn der Iran – aus rein strategischen Gründen – Assad (vorerst noch) stützt, dürfte klar sein, dass – ganz gleich welche Gruppierung an der Macht sein wird – das "neue" Syrien ein stark vom Islamismus geprägter Staat sein wird. Mit ihm könnte sich dann ein islamistischer Block um das südliche Europa schließen.

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