“Nur für den Dienstgebrauch”: Ex-Chef des Thüringer Verfassungsschutzes packt aus

„Es war dunkel, außerdem war ich betrunken“. Diese freimütige Aussage über die Übergabe seiner Ernennungsurkunde hat den ehemaligen Chef des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz (1994-2000), Helmut Roewer, bundesweit bekannt gemacht. Der Top-Verfassungsschützer musste im Juli des Jahres vor dem U-Ausschuss des Thüringer Landtags aussagen, es ging um die Mordserie des so genannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) und seine unheimliche Nähe zum Verfassungsschutz.

Über diese ist der Chef des VS-Bundesamtes in Köln gestolpert: Erich Fromm (SPD) musste nach der Aktion „Reißwolf“ seinen Hut nehmen. Seine Mitarbeiter hatten Akten geschreddert, die NSU-Bezüge aufwiesen. Der Vorwurf einer gezielten Vertuschung geheimdienstlicher Beziehungen zu den drei Tätern Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt steht bis heute im Raum. Verschiedene Untersuchungsausschüsse (Sachsen, Thüringen) sollen Licht in das Geheimdienst-Dickicht bringen und werfen doch immer neue Fragen auf.

Als Verfassungsschutz-Chef medial diskreditiert

In Erfurt musste Roewer Rede und Antwort stehen. Seine Aussagen fügten die „Leitmedien“ zu einem bizarren Bild einer desorganisierten Geheimdienstbehörde in der Provinz zusammen. Der selbstverliebte Chef soll mit dem Fahrrad über Flure gefahren sein, von einem Auftritt als General Ludendorff und nächtlichen Diners bei Rotwein und Käse war die Rede. Ein Amt, in dem also „alles drunter und drüber ging“, die Unfähigkeit einer selbstverliebten Führung mit den Händen zu greifen war – und das in einer Zeit, in der Thüringen doch zur „Hochburg des Rechtsextremismus“ geworden sei. Diese auf Roewer verengte Aufarbeitung erregt einen Verdacht: Die starke Konzentration auf einen angeblich „unfähigen“, „skandalösen“ Chef soll womöglich von der rückhaltlos kritischen Betrachtung höherer Ebenen der Politik, von fragwürdigen Strukturen ablenken.

In seinem Buch „Nur für den Dienstgebrauch – Als Verfassungsschutzchef im Osten Deutschlands“ (ARES, 275 Seiten) packt Roewer nun aus – teilweise zumindest. Er gewährt dem Leser einen Einblick in dienstliche und außerdienstliche Beziehungen zwischen VS, Innenministerium und der Parteipolitik. Der ganz normale Wahnsinn der VS-Arbeit von der Nach-Wende-Zeit bis ins Jahr 2000 zeigt, wie stark politisiert die VS-Arbeit, wie groß die Gefahr einer Instrumentalisierung durch die Parteipolitik ist.

NSU: Die völlig atypische Terrorzelle

Auch das heiße Eisen „NSU“ packt der medial zur Persona non grata gemachte VS-Chef an. Roewer wartet mit einer Reihe von Zumutungen für das Establishment auf. Er stellt Zusammenhänge fest, die politisch-medial nicht ins Konzept passen dürften – steht doch die "offizielle" Geschichte der NSU-Morde schon weitgehend fest. So sei Roewer das "kuriose" Kürzel "NSU" zum ersten Mal in eine Pressemeldung von 2011 begegnet, er sei bis dahin in der "Lebenswirklichkeit" gar nicht existent gewesen. Im Klartext: Es ist völlig unklar, ob sich das Trio bis 2011 jemals so bezeichnet hat. Der Name "Nationalsozialistischer Untergrund" ist wohl nur durch die ominöse "Bekenner-CD" belegt. Sie beinhaltet eine bunte Auswahl von Comic-Filmen, in denen die Morde als politisch motivierte Taten präsentiert wurden. Das Premium-Fundstück wurde im November 2011 unversehrt aus rauchenden Trümmern geborgen: Um Spuren zu vernichten, hatte Zschäpe ihre Wohnung in Zwickau angezündet, sie ging in Flammen auf. Das Bild der völlig zerstörten letzten Bleibe der "Nazibraut" gehört längst zum journalistischen NSU-Bilder-Kanon. Der glückliche Fund einer CD mit absolutem Seltenheitswert gibt bis heute zu Spekulationen Anlass. Roewer stellt hierzu bereits im Vorwort nüchtern fest, dass sich die "Gangster" völlig "atypisch verhalten" hätten, wenn man

[…] Terrorgruppen der letzten 150 Jahre vergleicht. Jenen kam es darauf an, mit ihren Terrortaten Signale zu setzen. Der Schrecken war die Botschaft. Er wurde öffentlich gemacht. Die Leute aus Jena hingegen taten das Gegenteil. Sie hielten Zielrichtung und Zusammenhänge ihres Tuns vielmehr strikt geheim. Den Taten fehlte also das Plakative, das den Kern des politischen Terrors ausmacht. (S.11)

Auf das Trio kommt Roewer im letzten Drittel seines salopp geschriebenen Insider-Berichts zu sprechen. Zuvor beschreibt er u.a. den typischen Fall einer Anwerbung eines Mannes aus dem Extremismus-Milieu als "Quelle" sowie die sich 1998 im thüringischen Saalfeld hochschaukelnden Auseinandersetzungen zwischen Rechts- und Linksextremisten. In diesem Zusammenhang geht Roewer auch auf die perfide  Instrumentalisierung des Mordes an einer jungen Frau ein, die am 26. März 1998 Opfer einer Beziehungstat wurde. Aus dem Fall woben Linksextremisten eine Legitimation für ihre Aktionen, sie wollten ihre Art "Solidarität" erzwingen, Öl ins Feuer gießen. Als sich die Fama vom "Opfer der Nazis" vor der Öffentlichkeit nicht mehr aufrecht erhalten ließ, sprach die linke Szene vom "faschistischen Klima" der Region. Es sei für den Mord verantwortlich gewesen. Die Legende lebt: Aktuell präsentiert Spiegel-Online seinen Lesern die Propaganda-Geschichte erneut in Zusammenhang mit einem Antifa-Film über den "NSU", die jüngst in Jena produziert wurde und Spiegel-Online als "Dokumentation" gilt.

14 Jahre als Mörder und Bankräuber völlig unbehelligt im Untergrund

Ende 1997 stieß Roewers VS auf Hinweise, dass einige Köpfe der Rechtextremisten-Szene mit "Sprengstoff experimentierten". Als Bomben-Bastler geriet Uwe Böhnhardt in Verdacht. Eine Hausdurchsuchung förderte ein "Pharaonengrab" zu Tage: In der Garage befand sich ein Bombenlabor. Dann kam es zu einer folgenreichen "Panne", die bis heute Fragen aufwirft: Böhnhardt war vor Ort, wurde aber von der Polizei nicht verhaftet. Er tauchte ab, auf dem Weg in den Untergrund begleiteten ihn Beate Zschäpe und Uwe Mundlos – das Untergrund-Trio war geboren. Bereits ein Jahr später beginnt die Serie von Morden, bis 2011 werden zudem 14 Banküberfälle verübt – völlig unbehelligt von den Behörden, obwohl das Trio zwischen den Tatorten und der Heimatregion pendelt.

Roewer hatte nach dem Abtauchen noch Kontakt zu den Eltern (ca. 1999). Sie baten damals, dass der VS dem Trio "heraushilft". Der Kontakt brach dann aber ab, VS-Mann Roewer machte sich für eine Abschöpfung des familiären Umfelds stark, "Quellen" sollten gewonnen und angezapft, der Aufenthaltsort so ermittelt werden. Dazu kam es jedoch nicht mehr: Der Amtschef wurde 2000 entlassen, ein mysteriöser Vorgang, der eine politische Motivation erahnen lässt. Roewers Bericht beantwortet sicher nicht alle Fragen. Wer sich mit dem Fall "NSU" auseinandergesetzt hat, wird Auslassungen bemerken. Er bietet jedoch äußerst interessante Innenansichten, die man weder von den Abschlussberichten diverser U-Ausschüsse, noch von den "Leitmedien" erwarten kann. Der kritische Beobachter weiß warum.

Helmut Roewers Buch "Nur für den Dienstgebrauch" ist zum Preis von € 24,90 im Unzensuriert-Laden erhältlich.

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