Stadt Wien ist größter Inseratenkunde bei “Heute”

Wien ist das Zentrum der Inseraten-Affäre, sagt Florian Skrabal. Er ist Chef einer Gruppe von freien investigativen Journalisten, die die Website dossier.at gegründet und ziemlich spektakulär mit einer Facette der Inseraten-Affäre begonnen hat. Sage und schreibe 29 Millionen Euro sollen demnach die Stadt Wien und stadteigene Unternehmen in den vergangenen siebeneinhalb Jahren in die Gratiszeitung Heute geschaufelt haben. Heute-Herausgeberin Eva Dichand schäumt ob des Aufdeckerjournalismus und bedroht die fünf jungen Journalisten blitzartig mit Klage.

Unzensuriert.at hat schon mehrmals den Verdacht geäußert, dass sich die Stadt Wien als größter Anzeigenkunde des Gratisblatts quasi die Berichterstattung kaufen würde. Skrabal und sein Team brachten nun in journalistischer Kleinarbeit zu Tage, wie leichtfertig die Wiener Politiker von Rot und Grün mit öffentlichen Geldern umgehen. In den Salzburger Nachrichten (SN) erzählt der Dossier-Chefredakteur, dass fünf Journalisten insgesamt 132 Stunden in der Bibliothek sämtliche Inserate in der Gratiszeitung Heute, von der Gründung im September 2004 bis Ende 2011, durchleuchtet hätten. Das Ergebnis ist erstaunlich: Allein die Stadt Wien schaltete in diesem Zeitraum 1049 Seiten Anzeigen zum Listenpreis (ohne Rabatte) von 13 Millionen Euro, gemeinsam mit stadteigenen Unternehmen wurden 2443 Inseratenseiten zum Listenpreis von 29 Millionen Euro gezählt. Damit seien die Stadt und ihre Unternehmer der größte Anzeigenkunde, danach folgen der Lebensmitteldiskonter Hofer und Media Markt.

Dreister SPÖ-Stadtrat verschweigt die Zahlen

Gegenüber den SN bezeichnet Heute-Herausgeberin Eva Dichand die Zahlen als “nicht einmal annähernd richtig”. In einem E-Mail an die SN schreibt sie von “selbst ernannten Sittenwächtern, die keinen Kontrollmechanismen unterliegen” und droht mit Klagen, da dem Unternehmen mit dieser Verleumdungskampagne ein “immenser Imageschaden” entstehe. Und die Stadt Wien? Die kennen die Zahlen nicht einmal. Stadtrat Christian Oxonitsch beantwortete eine Anfrage eines FPÖ-Gemeinderates im Februar 2011 so: “Die Feststellung, wie viele Inserate und Einschaltungen bei welchen Medien von 2008 bis November 2010 zu welchen Kosten geschaltet wurden, kann ohne vertretbaren Aufwand verbindlich und vollständig nicht beantwortet werden.” Die Erhebung erscheine wegen des administrativen Aufwands wirtschaftlich nicht gerechtfertigt, so Oxonitsch. Eine unglaubliche Dreistigkeit, geht es doch um Steuergelder. Da ist Intransparenz und Geheimnistuerei zwar typisch für die SPÖ, doch völlig unangebracht.

Dichand leugnet Heute-Nähe zur SPÖ-Familie

Für Insider sind das Schweigen der SPÖ-Politiker und das wilde Herumschlagen von Eva Dichand verständlich, wurden doch beide von den Recherchen der Journalisten bloßgestellt. Dichand bemüht sich zwar stets, die Nähe zur Wiener SPÖ-Familie zu leugnen (“Wer das behauptet, wird geklagt”, sagte sie einmal in einer Pressekonferenz), doch historisch gesehen ist eine gewisse Freundschaft schwer zu bestreiten: Als nämlich die schwer defizitäre U-Bahn-Zeitung, die von Hans Dichand gegründet worden war, von den Miteigentümern der Mediaprint, der deutschen WAZ-Gruppe und Raiffeisen, abgedreht wurde, startete am 6. September 2004 Wolfgang Jansky, der ehemalige Pressesprecher von Dichand-Intimus Werner Faymann, die Gratiszeitung Heute. Eigentümer war zunächst eine Treuhandkanzlei, dann eine Privatstiftung, dann übernimmt im September 2005 eine Fidelis GmbH 74 Prozent.

Geschäftsführerin dieser Fidelis ist Eva Dichand. Und seit Ende 2005 mehr als das: Am 23. Dezember 2005 rief Eva Dichand mit ihrem Bruder Georg Kriebernegg die Pluto Privatstiftung ins Leben. Dieser Pluto gehören seither die 74 Prozent am Heute-Verlag. Begünstigte sind Eva und ihre Kinder. Interessant: Eva Dichand machte erst zwei Monate, bevor Medien ab 1. Juli präziser offenlegen müssen, wem sie gehören, öffentlich, wie sie einst mit Heute stiften ging.

Medienkrieg zwischen Standard und Heute

Das alles klingt für Zeitungsleser ziemlich undurchsichtig. Wer die Zusammenhänge aufdeckt und Fragen stellt, wird von Eva Dichand entweder mit Klage bedroht oder in der eigenen Zeitung an den Pranger gestellt. Zuletzt passierte dies der Tageszeitung Der Standard, die laufend über die “Geballte Familienmacht” der Dichands berichtete. In der Ausgabe vom 19. Oktober wurde Standard-Chef Oscar Bronner vorgeworfen, “satte 3,45 Millionen Euro (!) Presseförderung, obendrauf eine knappe halbe Million Vertriebsförderung” zu kassieren. In den vergangenen drei Jahren wohlgemerkt. Der Racheakt findet sich im Artikel wieder: “Denn so neidisch sich der Standard um das Inseratenaufkommen in Heute sorgt – ohne Steuermillionen aus der Presseförderung und den Einnahmen aus Inseraten (halb-)öffentlicher Firmen würde der Standard mit seiner Verlagsgesellschaft und seiner MedienAG nicht jährlich fette Gewinne schreiben können.” Ohne die vielen Millionen von der Stadt Wien ginge es Heute wohl auch nicht besonders gut…

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