Budapester Zeitung attackiert ORF: Halbwahrheiten und Verdrehungen!

Die Aufregung über den von Paul Lendvai gestalteten ORF-Dokumentarfilm „Nationale Träume – Ungarns Abschied von Europa?“ nimmt kein Ende. Hat sich zuerst der ungarische Botschafter Vince Szalay-Bobrovniczky mit scharfen Worten an ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz gewandt und die Wiener Rechtsanwältin Eva Maria Barki eine Beschwerde über das Ungarn-Bashing im ORF an die Medienbehörde KommAustria und an den Publikumsrat geschickt, so löste die offenbar unausgewogene Berichterstattung auch in der deutschsprachigen Budapester Zeitung einen Aufschrei aus.

Unter dem Titel „ORF sorgt mit unausgewogenem Dokumentarfilm für Unwillen – Halbwahrheiten, Auslassungen und Verdrehungen“ schreibt die Chefredakteur Jan Mainka:

Wenn in einer Reportage neun von zehn befragten Experten demselben Lager zuzurechnen sind, dann kann es sich durchaus noch um einen Fall von ausgewogener Bericht­er­stattung handeln, zumindest beim ORF und zumindest nach dem Dafürhalten der dortigen Verantwortlichen. Kritiker halten dagegen den am Mittwoch vergangener Woche im Rahmen eines Themenabends zu Ungarn auf ORF 2 ausgestrahlten Dokumentarfilm „Nationale Träume – Ungarns Abschied von Europa?“ für alles andere als ausgewogen. Der Redaktion der Budapester Zeitung gingen in den letzten Tagen hinsichtlich des Films zahlreiche empörte Kommentare zu.

Effekthascherei und Fehler im Drehbuch

Tatsächlich lasse nicht nur das ungleiche Verhältnis von Regierungskritikern und –vertretern Zweifel an der Professionalität und an den redlichen journalistischen Absichten der Macher des Streifens aufkommen, sondern auch die Auswahl der Regierungskritiker selbst, so Mainka in seinem Artikel. Es handle es sich bei den drei befragten Politikern allesamt um Leute, die den Zenit ihrer politischen Karriere schon weit überschritten hätten. Zu Wort seien zwei ehemalige SZDSZ-Abgeordnete gekommen, deren Partei 2010 von den Wählern krachend aus dem Parlament befördert worden war, und der ehemalige Premier Ferenc Gyurcsány, der sein Amt früher als geplant abgeben musste, nachdem ihn seine Partei, die sozialistische MSZP, im Frühjahr 2009 fallengelassen hatte. Seitdem bemühe er sich mit seiner Parteineuschöpfung Demokratische Koalition (DK) mit allen Mitteln um ein politisches Comeback.

Besonders peinlich für den ORF: Obwohl Gyurcsány nicht mehr zu den Sozialisten gehört, sondern nur eine winzige Splitterpartei vertritt, wurde er in dem Film dennoch per Untertitel als Vertreter der „Sozialistischen Partei“ präsentiert. Außerdem deckte die Budapester Zeitung Effekthascherei auf:

Als durchaus bewusster Fehler kann hingegen verbucht werden, dass der Name der paramilitärischen Organisation Véderõ –  wortwörtlich: Verteidigungskraft,  in der deutschsprachigen Presse aber meist als Schutzmacht bezeichnet  –  in dem Film mit „Wehrmacht“ übersetzt wird. Neben solcher Effekthascherei kommen in dem Film aber auch Halbwahrheiten gezielt zum Einsatz. So wird zwar das Elend von ungarischen Obdachlosen und Roma beeindruckend dargestellt, und wird durch die Stimme aus dem Off immer wieder auf – durchaus vorhandene – Verbindungen zur Politik der Regierungskoalition hingewiesen. Auf den Hinweis, dass auch den sozialistischen Vorgänger-Regierungen wegen ihrer Reformunlust, aber insbesondere weil sie in ihren acht Jahren die Staatsverschuldung um etwa ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts erhöht hatten, ein großer Teil der Schuld für die entstandene Lage zukommt, wartet man hingegen vergeblich.

Schlimme, bewusste Manipulation mit Roma-Morden

Der Orbán-Regierung würden nach Ansicht der Budapaster Zeitung in dem Film aber nicht nur das heutige soziale Elend voll und ganz in die Schuhe geschoben, sondern auch gleich noch ein paar rassistische Morde. So falle in dem Abschnitt, der sich mit der gegenwärtigen Lage der ungarischen Roma beschäftigt, plötzlich aus dem Off die Aussage: „In den letzten vier Jahren wurden in 21 Dörfern Überfälle mit Schusswaffen auf Roma verübt oder Brandbomben in Roma-Häuser geworfen. Sieben Roma wurden erschossen.“ Hinter der zunächst einmal harmlos klingenden Aussage verberge sich die vielleicht schlimmste bewusste Manipulation des ganzen Streifens, der sich fast ausschließlich mit den letzten beiden Jahren, also den Orbán-Jahren beschäftigt. Warum ist dann an dieser Stelle mit einem Mal von den „letzten vier Jahren“ die Rede? Etwa, um der Orbán-Regierung geschickt die Verantwortung für die Roma-Mordserie anzulasten? Selbige begab sich nämlich dummerweise vor ihrer Zeit.

In die sozialistische Zeit falle übrigens auch die Gründung und das Aufblühen der im Film mehrfach gezeigten Ungarischen Garde – eine Tatsache, die die Macher des Films natürlich ebenso vertuscht haben sollen. Was nicht sein dürfe, sei halt auch nicht. Dass unter dem, im Film auch optisch als „guter und netter Premier“ präsentierten Gyurcsány so unappetitliche Dinge wie Roma-Morde und die Gründung der Garde passiert sein sollen, wollte man den ORF-Zuschaurn nicht zumuten.

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