Bestseller-Autoren Weik und Friedrich: "Geld, das man retten muss, ist kein Geld!"

Die Finanzkrise greift weiterhin um sich. Rettungspakete und Ausfallshaftungen schwappten in die staatlichen Budgets über und führen zu ökonomischen und sozialen Verwerfungen. Die Bestseller-Autoren Matthias Weik und Marc Friedrich schildern in einem exklusiven Mail-Interview gegenüber Unzensuriert.at die Hintergründe des „größten Raubzuges der Geschichte“.

"Der größte Raubzug der Geschichte" im Unzensuriert-Laden

Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Der größte Raubzug der Geschichte – Warum die Fleißigen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden“. Was hat Sie dazu bewegt, es zu verfassen?
Weik und Friedrich: Wir sind beide studierte Ökonomen und halten seit fünf Jahren Vorträge zur Finanzkrise. Regelmäßig sind Besucher unserer Veranstaltung mit der Bitte an uns herangetreten, unsere Ausführungen in einem Buch zusammenzufassen. Nach zweieinhalbjähriger Recherche ist es uns gelungen, die einzelnen Puzzleteile der Vorkommnisse an den Finanzmärkten zu einem Gesamtbild zusammenzutragen. Der Erfolg gibt unserer Argumentation dabei anscheinend Recht. „Der größte Raubzug der Geschichte“ findet sich seit sechs Monaten in der Bestsellerliste des Spiegel, des Manager Magazins und des Handelsblattes. Die Menschen möchten die Krise endlich verstehen und wachen mehr und mehr auf.

Flut von Vertragsbrüchen, Lügen und Manipulation

Kaum eine Woche vergeht ohne neue Hiobsbotschaften rund um den Euro. Ein Rettungsgipfel jagt den nächsten. Wo wird diese Entwicklung hinführen?
Weik und Friedrich: Die sogenannte Eurorettung brachte eine wahre Flut und Serie von zuvor für undenkbar gehaltenen Vertragsbrüchen, Lügen und Manipulation mit sich. Ungedecktes Papiergeld erwies sich die Vergangenheit hindurch als ebenso problematisch wie das Modell der Währungsunion. Es treten immer wieder dieselben schädlichen Effekte auf, die Geschichte wiederholt sich – und es scheint so, dass wir abermals nichts daraus lernen. Im Übrigen zerbrach schon die letzte europäische Währungsunion, die Lateinische Münzunion im Jahr 1924 - ironischerweise ausgelöst durch Griechenland. Die Wurzel liegt nicht zuletzt in unserem heutigen Geldsystem selbst. Der Zins entspricht einem exponentiellen Wachstumsmodell. Schulden wachsen immer steiler an, bis sie schließlich ein Volumen erreichen, das mit der vorhandenen Geldmenge nicht mehr zurückbezahlt werden kann. Es bietet sich in diesem Zusammenhang der Vergleich mit Krebszellen an, auch diese teilen sich ungehemmt, exponentiell. Ohne Behandlung stirbt der Patient schließlich daran. Unser Finanzsystem hat Krebs im Endstaduim – es ist pre-final! Eine Heilung ist nicht mehr möglich. Gegenwärtig werden lediglich teuere Therapien durchgeführt, die aber langfristig nicht helfen werden. Das einzige was gerade passiert ist die volkswirtschaftliche Schadensmaximierung. Für uns als Ökonomen ist dies ein absoluter Alptraum!
Schon an der Wortschöpfung „Eurorettung“ kann Jedermann die Widersinnigkeit des Geldsystems erkennen: Geld, das man retten muss, ist kein Geld. Es gibt nur noch eine Lösung und diese wird der bereinigende Crash sein. Dabei wird es, wenn man nichts unternimmt, zu einer immensen Verteilung des Vermögens von „Unten nach Oben“ kommen. So drastisch es klingen mag aber der Euro eint Europa nicht, der Euro zerstört Europa. In Spanien und Griechenland  liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei ca. 57 Prozent und die Gesamtarbeitslosigkeit bei über 26 Prozent. Das erinnert an die Verhältnisse der Weimarer Republik. Die Globalisierung zeigt jetzt ihre Schattenseiten.
Fakt ist, das Experiment Euro ist gescheitert und so wird es auch die Eurozone. Die aktuelle Krise wird mehr als mangelhaft gemanagt und legt leider den Nährboden für Nationalisten, Separatisten und Extremisten. Dies bereitet uns als überzeugte Europäer große Sorgen.
Die Krise entwickelt sich immer dynamischer, die Einschläge kommen immer schneller, immer heftiger und immer näher. Die Halbwertszeit der Rettungspakete wird immer kürzer und der Platz unter dem Rettungsschirm wird immer enger. Es stellt sich nicht die Frage ob der Euro scheitert sondern nun wann. Leider erwarten wir auch Ausschreitungen und bürgerkriegsähnliche Zustände - in Südeuropa. Und auch die noch starken Länder werden in den Strudel hineingerissen und wir werden alle verlieren.

Banken haben Pfad der Tugend verlassen

Banken werden als systemrelevant bezeichnet, doch worin sollte ihre Rolle in einer Gesellschaft bestehen?
Weik und Friedrich: Eigentlich ist die Aufgabe von Banken, dem Gemeinwohl zu dienen und die Wirtschaft mit Geld zu versorgen. Doch gegenwärtig kreieren Banken und Versicherungen Produkte um selbst Geld zu verdienen. Die Finanzwirtschaft dient mittlerweile hauptsächlich ihren eigenen Interessen. Für etwaige Verluste haftet der Steuerzahler. Ein perfekter Businessplan. Doch anstatt des Steuerzahlers müssen Politiker und Manager haften. Die Justiz muss greifen.
Gegenwärtig sind die Verursacher der Krise gleichzeitig ihre Profiteure. Banken gelten offiziell als „systemrelevant“. Doch was bedeutet das? Wer oder was ist systemrelevant? Würden Banken für fünf Stunden ihre Türen schließen, hätte das kaum Effekte auf unser alltägliches Leben. Doch wie sieht es mit Krankenhäusern aus? Was wäre, wenn die dort befindlichen Patienten fünf Stunden lang nicht behandelt werden? Oder wenn die Feuerwehr fünf Stunden lang nicht ausrückt? Sind Banken vielleicht systemrelevant, weil sie das System sind?
Die Banken haben den Pfad der Tugend für Rendite und shareholder value schon lange verlassen und dienen nur noch einigen wenigen Menschen und vor allem sich selbst. Die Branche sollte sich wieder zu seiner eigentlichen Kernkompetenz zurückbesinnen, die Renditeansprüche auf den Boden der Tatsachen zurückschrauben und allen Menschen dienen.

In welchen Faktoren sehen Sie, neben der prinzipiellen Fragestellung des Geldsystems, die Auslöser der Finanzkrise?
Weik und Friedrich: Kurz gesagt, in Thatcher, Gier, Aufhebung des Bretton Woods Abkommen 1971 durch Nixon, der Globalisierung, der mangelnden Haftung und Deregulierung. Margret Thatcher schuf während ihrer Amtszeit als Premierministerin viele formale Voraussetzungen für die Entstehung der Krise. Die Perversität des Systems zeigt sich am Einkommen des Finanzbereiches. Im Jahr 2010 verdiente etwa ein einziger Hedgefonds-Manager glatte fünf Milliarden Dollar, das sind 2,4 Millionen Dollar pro Stunde. Ein Spitzenangestellter im Investmentbereich verdient im Schnitt so viel wie 500 Arbeiter. Das ist kein tragbares Verhältnis und moralisch völlig verwerflich. Die Politik wird nicht in der Lage sein, grundlegende Änderungen vorzunehmen. Es handelt sich, wie bereits beschrieben, um eine Systemkrise. Hinzukommt die enge Verbindung von Finanzindustrie und Politik. Der berühmte Drehtüreffekt ist mittlerweile zu einem geflügelten Wort geworden.

Banken brauchen Kontrolle

Wie würden Sie eine Neuauflage des Glass Steagall-Acts bewerten, der nach der ersten Weltwirtschaftskrise in den USA das rechtliche Fundament für ein stabiles Trennbankensystem gebildet hat?
Weik und Friedrich: Die Trennung in Investment- und Geschäftsbanken hat über einen langen Zeitraum hinweg funktioniert. Doch das alleine würde nicht mehr ausreichen, es braucht ein Mehr an Kontrolle und Kontrollmechanismen. Heute finden sich in den Chefetagen von Banken Angestellte, früher bestand das Management aus Partnern. Zudem müssen Banker mit Haus und Hof für allfällige Verfehlungen haften. Die jahrelange Manipulation des Libor – des weltweit wichtigsten Zinssatzes – zeigt wie dringend der Reformbedarf und wie hoch die kriminelle Energie ist. Der Spruch: „Klau ein Schaf und du wirst gehenkt, klau tausend Schafe und du wirst gefeiert“ muss seine Gültigkeit verlieren.

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang den isländischen Weg? Dort wurden Banken und ihr Management zur Verantwortung gezogen. Grundlegende politische Entscheidungen wurden im Interesse der Bevölkerung getroffen.
Weik und Friedrich: Der isländische Weg ist begrüßenswert. Sehen wir uns das gegenteilige Beispiel an: Die sechs Millionen Iren pumpten 350 Milliarden Euro in das Banksystem und es wurden alle Banken auf Kosten der Steuerzahler verstaatlicht und damit de facto die ganzen Verluste an die Irischen Bürger abgewälzt. Der Kapitalismus bedient sich kommunistischer Methoden und das ist für uns als Ökonomen ein Zeichen dafür, wie schlecht es um den Kapitalismus steht - völlig desperat. Die Anleger der Hypo Real Estate wurden faktisch enteignet. Doch uns steht noch einiges bevor. Die Europäische Union erlaubte in der jüngsten Vergangenheit die Enteignung der Besitzer von Staatsanleihen.

"Man vertraute auf Ludwig XVI - ein Jahr später war er kopflos"

Wie können die Auswirkungen der Krise bekämpft werden?
Weik und Friedrich: In erster Linie handelt es sich um eine Frage der Schadensminimierung. Derzeit steuert die Politik in die völlig verkehrte Richtung. Anstatt – wie im Jahr 2008 – mit 120 Kilometern pro Stunde gegen eine Mauer zu fahren, bewegen wir uns heute mit 240 darauf zu. Ohne Gurt und Airbag. Der Aufprall wird für das System definitiv tödlich sein. Wer soll österreichische oder deutsche Produkte kaufen, wenn ganz Südeuropa in die Krise taumelt? Dennoch wird diese unhaltbare Währung weiter völlig verantwortungslos gestützt. Die Krise wurde befeuert durch niedrige Zinsen und billiges Geld und jetzt befinden sich die Zinsen auf einem historischen Tiefstand und die Märkte werden unlimitiert mit billigem Geld geflutet. Wir sagen, das Homöopathie an den Finanzmärkten immer ins Fiasko führt. Billiges Geld führt zur Blasenbildung – etwa im Immobiliensektor. Besonders in den Zentren wie Wien, München, Stuttgart, Hamburg,… können wir diese Entwicklung beobachten. Börsen und Börsenkurse sind ebenfalls inflationär aufgeblasen. Doch damit erkauft sich die Politik lediglich Zeit und dies auf Kosten der Bürger. Auch noch so große Geldmengen können die Mathematik nicht überlisten. Über zu lange Jahre hinweg wurden enorme Schuldenberge angehäuft. Steigende Steuereinnahmen und Rekordverschuldung gingen Hand in Hand. Seit ihrem Bestehen haben sich Österreich genauso wie die Bundesrepublik jährlich tiefer in Schulden gestürzt. Das Motto schien „Zinsen statt Tilgung“ gelautet zu haben. Der Staat sei angeblich ein guter Schuldner. Doch im Endeffekt bezahlt das Volk die Zeche. Diese verantwortungslose Politik wird schlimme Folgen haben. Jugendarbeitslosigkeit und Verarmung der Massen sind eine gefährliche Mischung. Selbst bürgerkriegsartige Szenarien können nicht ausgeschlossen werden. Wer dachte ein Jahr vor der Französischen Revolution, dass sich das Ancien Regime kurz vor dem Fall befindet? Man vertraute noch fest auf Ludwig XVI – ein Jahr später war er kopflos.
Wenn wir weitermachen wie bisher, wird es für alle schlimmer werden. Die Frage ist nur, wann es crasht. Wie lange wollen Politiker noch Geld in dieses kranke und nachweislich gescheiterte System pumpen?

Der Beststeller "Der größte Raubzug der Geschichte" von Matthias Weik und Marc Friedrich ist zum Preis von € 19.90 im Unzensuriert-Laden erhältlich.

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