Lincoln – Geschichtsstunde aus Hollywood

Steven Spielberg widmet sich in seinem neuestem Film einem der populärsten und bekanntesten US-Politiker aller Zeiten: dem Bürgerkriegspräsidenten Abraham Lincoln. Neben dem britischen Charakterdarsteller und zweifachen Oscar-Preisträger Daniel Day Lewis in der Titelrolle leistet sich Spielberg zwei weitere Stars: Sally Fields spielt Lincolns Ehefrau Mary, Tommy Lee Jones das Mitglied des Repräsentantenhauses, Thaddeus Stevens, Führer der radikalen Gegner der Sklaverei. Mit einem Budget von 50 Millionen Dollar wurde der Film im Herbst 2011 an Originalschauplätzen gedreht.

Inhaltlich ist „Lincoln“ keine Biographie; die Handlung konzentriert sich auf den kurzen Zeitraum zu Beginn des Jahres 1865, der der Beschlussfassung über den 13. Zusatzartikel der US-Verfassung – der Abschaffung der Sklaverei – voranging. Zweieinhalb Stunden lang werden die innenpolitischen Verwicklungen im Vorfeld ausgebreitet, der noch immer tobende Bürgerkrieg ist nur im Hintergrund präsent. Zwanzig Stimmen aus den Reihen der oppositionellen Demokraten fehlen zur nötigen Zweidrittel-Mehrheit im Kongress. Das Gesetz soll so schnell wie möglich durchgepeitscht werden, um eine Blockade der nach Kriegsende wieder in die Union einzugliedernden Südstaaten zu verhindern. Gleichzeitig bietet der Süden Frieden und die Rückkehr in den Gesamtstaat an, wenn die Sklaverei im Gegenzug bestehen bleibt. Um sein Ziel zu erreichen, ist Lincoln jedes Mittel – insbesondere die Bestechung von Abgeordneten – recht. Am Ende siegt der Präsident, bezahlt aber mit seinem Leben.

Spielberg nimmt es mit der Geschichte nicht so genau

Obwohl sich Spielberg angeblich seit der Jahrtausendwende auf diesen Film vorbereitet hat und den Anspruch historischer Authentizität stellt, nimmt er es mit der Wahrheit nicht so genau. Der 13. Zusatzartikel war bereits länger in Vorbereitung, die Zustimmung galt als fix. Angesichts der Stimmung im Norden nach vier Jahren blutigem Krieg wäre eine Ablehnung undenkbar gewesen. Selbst im Süden waren sich zukunftsorientierte Politiker bereits vor Ausbruch des Bürgerkriegs der Tatsache bewusst, dass die Sklaverei nicht mehr allzu lange zu vertreten sein würde. Im Jänner 1865 lag ein großer Teil des Südens bereits in Schutt und Asche, viele Sklaven waren entlaufen oder hatten die Güter ihrer Herren besetzt, der Sieg des Nordens stand unmittelbar bevor. Wenngleich nicht die eigentliche Kriegsursache, war die Abschaffung der Sklaverei von Lincoln selbst zum moralischen Ziel des Nordens erklärt worden. Dass die Sklaverei in einer wiedervereinigten Union nach dem Krieg Bestand hätte haben können, gilt unter Historikern als undenkbar.

Langatmiges Ringen zwischen Guten und Bösen

Derartige Widersprüche fechten Spielberg jedoch nicht an, wenn er daran geht, seinen Helden pathetisch in Szene zu setzen. Wenngleich vor allem Daniel Day Lewis und Tommy Lee Jones in ihren Rollen ihr Können zeigen, beginnt sich der Film spätestens ab der Hälfte zu ziehen, woran auch noch so viel Pathos nichts zu ändern vermag. Der Zuschauer ist so fast erleichtert, wenn es endlich zur finalen Abstimmung kommt. Insgesamt bleibt der Eindruck eines aufwendigen Historiendramas, das dem US Publikum das zeigt, was es besonders gerne sieht. Ein sympathischer, aber zugleich auch etwas schlitzohriger Präsident kämpft mit vollem Einsatz für ein höheres moralisches Ziel. Indem er dafür mit seinem Leben bezahlt, wird er gleichsam zum Erlöser einer ganzen Nation. Um jegliche Missverständnisse zu vermeiden, werden die Figuren dabei nicht besonders facettenreich dargestellt sondern deutlich in Gute und Böse unterteilt. Um eine echte Auseinandersetzung mit einem der unbestritten bedeutendsten Präsidenten der US-Geschichte hat sich Steven Spielberg gedrückt.

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