Kolumbiens patriotischer Marsch

Ende April 2012 erlebten die Menschen in Bogotá, dass zahlreiche Mitbürger in langen Kolonnen durch ihre Hauptstadt marschierten. Aber nicht nur dort, wo die Angaben über die Zahl der Beteiligten zwischen 30.000 und 60.000 schwankten, formierten sich die Menschen zum sogenannten Marcha Patriótica. Landesweit begaben sich ca. 300.000 Kolumbianer auf die Straßen und forderten eine aktive Beteiligung an der Gestaltung der Zivilgesellschaft ein: gerechtere Bildungschancen, ein verbessertes Gesundheitssystem und humanere Arbeitsbedingungen.

Gastbeitrag von Michael Johnschwager

Dieser „Patriotische Marsch“ gilt etwa 2000 Initiativen als Sammelbecken für ihre sozialen Belange. Einig ist man sich in der Forderung, den bewaffnet ausgetragenen gesellschaftlichen Konflikt einer Verhandlungslösung  zuzuführen. Bereits 2007 trat eine kleinere Gruppe „Kolumbianer und Kolumbianerinnen für den Frieden“ in Erscheinung, angeführt von der dem linken Spektrum zugehörigen farbigen Senatorin Piedad Córdoba, der intensive Verbindungen zu den FARC-Aufständischen nachgesagt werden. Neben studentischen Gruppen und Kleinbauern erhoben auch Vertreter der Indios, Gewerkschafter und Feministinnen ihre Stimme. Mit Hinweis auf den gegen Spanien verlustreich geführten Befreiungskrieg schreibt sich Marcha Patriótica nun die „zweite und endgültige Unabhängigkeit“ auf die Fahne.

Parallelen zu Forderungen der FARC-Rebellen

Als Fürsprecher der hauptsächlich Leidtragenden zu agieren, gibt der Patriotische Marsch seine Zielsetzung vor. Sein vorrangiges Augenmerk richtet er auf die Landbevölkerung, sowie die sozialen Bewegungen – Kernforderungen auf der FARC-Agenda. Bei den in Oslo und Havanna geführten Friedensgesprächen erfuhr die hochkarätig besetzte Regierungsdelegation, dass diese Punkte auf der Prioritätenliste von Kolumbiens violenten und dienstältesten Berufsrevolutionären ganz oben stehen. Folgerichtig aus Sicht der Aktivisten von Marcha Patriótica ist daher, dass ihnen Sitz und Stimme am Verhandlungstisch gebühre.

Nach ihrem Verständnis besteht eine reelle Chance für eine dauerhafte Befriedung in dem Moment, wo folgende Vorgaben umgesetzt werden:

  • Umverteilung des Reichtums
  • Ein Modell zur Nutzung des Bergbaus
  • Effektiver Schutz der sozialen Rechte des Einzelnen

An dieser Stelle erscheint die Frage angebracht, welche Rolle die patriotischen Marschierer einnehmen. Lassen sie sich von der FARC als deren Steigbügelhalter instrumentalisieren oder treten sie als alternative Bewegung auf, die zu einem späteren Zeitpunkt als Wahlplattform dient?

Neue Kraft im linken Spektrum

Die kommunistische Partei hat bei den Kolumbianern stark an Bedeutung eingebüßt. Ein der Sozialistischen Internationale angehöriges Mitte-Links-Bündnis hat ihr den Rang abgelaufen, der Polo Democrático. Diese Partei formierte sich 2005 und ihr Führungspersonal hat es in der jüngsten Vergangenheit wiederholt vermocht, führende Positionen des Landes zu bekleiden, unter anderem das prestigeträchtige Amt des Bürgermeisters von Bogotá.

Marcha Patriótica hingegen grenzt sich hier ab, man möchte nicht parteipolitisch in Erscheinung treten. Vielmehr hat man sich darauf verlegt, den Interessen vernachlässigter Teile der Gesellschaft, sowie linken Gruppierungen mehr Gehör zu verschaffen. Diese untereinander zumeist  zersplitterten Kräfte beabsichtigt man zu verschmelzen, um in einem zweiten Schritt eine vereinte Volksfront (Frente Unido Popular) zu bilden. Die patriotischen Marschierer blicken dabei über die Bergkette der Anden hinaus und orientieren sich an den erfolgreichen Friedensprozessen in Mittelamerika und Irland.

Regierung führt Gespräche mit Aktivisten

Mit Verweis auf die seinerzeit mit dem Polo Democrático geführten Gespräche, signalisierte Innenminister Fernando Carillo die Bereitschaft der konservativen Regierung Santos, ebenfalls mit Vertretern von Marcha Patriótica einen Dialog zu führen. Als Gesprächspartner dienen zwei ihnen nahestehende Politiker, der Abgeordnete Iván Cepeda und die Senatorin Gloria Inés Ramírez. Gesprächsinhalte bezogen sich in erster Linie auf politische Garantien.

Michael Johnschwager, 1949 in Hamburg geboren, war als Außenhandelskaufmann von 1980 bis 1990 in Kolumbien, Venezuela und Honduras privatwirtschaftlich, sowie in Entwicklungsprojekten in Costa Rica in beratender Funktion im Einsatz. Seit 2004 ist Johnschwager als fremdsprachlicher Dozent und Autor mit Schwerpunkt Lateinamerika freiberuflich tätig. Für Unzensuriert.at schrieb er außerdem:

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