Kriegswende in Syrien: Assad spielt seine Asse aus

In einer militärischen Operation ist es Einheiten der syrisch-arabischen Armee (SAA) und Pro-Assad-Milizen gelungen, die strategische wichtigen Stadt Kusair (Nähe zum Libanon) zurückzuerobern. In den letzten Wochen hatten Regierungstruppen bereits erfolgreich um und in Aleppo operiert und die Rebellengruppen zurückgedrängt. Die regimetreuen Truppen werden immer stärker von der schiitischen Hisbollah-Miliz aus dem Libanon unterstützt.

Die „Partei Gottes“ ist ein enger Verbündeter des Iran, der sich immer stärker im syrischen Bürgerkrieg engagiert. Beobachter gehen davon aus, dass Teheran bislang nicht nur Ausbildner und Spezialkräfte nach Syrien geschickt hat, sondern die Regierung Assad auch mit modernen Waffen und Ausrüstung versorgt. Für den Iran ist Syrien ein wichtiger Statthalter, der Teherans Arm zum Mittelmeer verlängert und damit die Unterstützung der Hisbollah ermöglicht. Neben strategischen Überlegungen hält die Religion die Koalition zusammen: Der Iran wird vom schiitischen Islam dominiert, die Hisbollah-Miliz versteht sich als bewaffnete Schutzmacht der Schiiten im Libanon und der gesamten Region, Assads Macht ruht auf den syrischen Alawiten, die den Schiiten nahestehen. Der Großteil der politischen und militärischen Schlüsselstellungen hat das Regime in Damaskus Alawiten anvertraut. Seit Monaten bangen sie um die Vormachtstellung, ihnen drohen Racheakte und das Abgleiten in das politische und soziale Nichts. Stürzt Assad, verlieren sie alles.

Assads Getreue sind hoch motiviert

Dass das angeschlagene Regime nun wieder die Oberhand gewinnt, liegt an verschiedenen Entwicklungen. Zwar ist die Welle der Überläufer von einfachen Soldaten bis zu hochrangigen Militärs und Funktionären zu dem Konglomerat widerstreitender Rebellen-Gruppen der „Freien syrischen Armee“ (FSA) immer noch hoch, die Scheitelwelle des Defätismus könnte jedoch bereits vorbei gezogen sein. Zurück bleibt ein harter, entschlossener Kern. Diejenigen die immer noch auf Assad setzen, wissen sehr genau warum. Sie sind mittlerweile vielleicht in der Minderheit, aber hoch motiviert: Eine Perspektive für eine Zeit nach Assad gibt es für sie nicht. Die verwackelten Videos von brutalen Racheakten und Massakern an Assad-Leuten bis hin zum gefilmten Kannibalismus von Fanatikern dokumentieren den Hass, der sich in der Opposition gestaut hat. Insbesondere das Erstarken dschihadistischer Gruppen („Al-Nusra-Front“), die einen religiös aufgeladenen Rachefeldzug gegen „Gottlose, Alawiten und Christen“ propagieren, dürfte Warnung genug sein.

Die Al-Nusra-Fanatiker profitieren erfolgreich vom Al-Kaida-Prinzip, der Anwerbung islamistischer Dschihadisten und militanter Fanatiker aus islamischen Ländern und Europa. So kämpfen bereits Tschetschenen, Algerier, Libyer, Saudis, Tunesier und Marokkaner in den Trümmerlandschaften syrischer Städte. Die islamischen Parallelwelten in den europäischen Industriestaaten erweisen sich als ergiebiges Kämpfer-Reservoir. Nach Schätzungen verstärken zudem Besitzer belgischer, bundesdeutscher, britischer und französischer Pässe die Reihen der Fanatiker. Allein aus Frankreich sind über 200 Militante aus den großstädtischen Islamisten-Milieus (Paris, Lyon, Marseille) in Richtung Syrien aufgebrochen. Die Behörden der Länder sehen tatenlos zu, dabei sind zurückkehrende brutalisierte und fanatisierte Kämpfer lebende Zeitbomben. Doch derlei Überlegungen stören die rotgrün gefärbte Integrationsromantik.

Scharia und Burka statt Handel und Wandel

Kommen Dschhadisten in Syrien an die Macht, droht ein „Gottesstaat“ bzw. der Zerfall des Landes in „Emirate“, in denen Fanatiker den Alltag regulieren. Es droht die Abwürgung des sozialen und ökonomischen Lebens: Scharia und Burka statt Handel und Wandel. Dass die „demokratischen“ Kräfte in der heterogenen Anti-Assad-Koalition „FSA“ den islamistischen Extremisten ein Großteil der Beute verwehren können, ist schwer anzunehmen. Im Gegenteil: Sie würden den geschundenen Staat religiös und politisch dominieren oder Landesteile in eigener Regie beherrschen. Ein „Syristan“, ein Biotop für Dschihadisten aller Welt, wäre die Folge. Der Rückfall ins Frühmittelalter würde den Weg des Landes in die Moderne abbrechen.

Zwar ist das Syrien Assads eine geradezu typische arabische Diktatur, die in der Vergangenheit zu „Reformen“ nur äußerst zögerlich bereit war (sofern der Machterhalt der Assad-Familie im Kern nicht gefährdet wurde). Jedoch herrschte im säkularen Syrien trotz Geheimpolizei und Bespitzelung weitestgehende Religionsfreiheit, die insbesondere christliche Glaubensrichtungen zu schätzen wussten. Auch die Rechte der Frauen waren in größtem Maße garantiert. Der verstärkte Handel mit der Türkei und Ölexporte garantierten einen relativ hohen Lebensstandard. Diese Errungenschaften stehen auf dem Spiel. Sie wiegen schwer, betrachtet man das triste Zukunftsszenario. Potentielle Opfer sunnitisch-islamistischer Machthaber wären ausnahmslos alle, die einer islamistischen Ordnung aus religiösen und politischen Gründen entgegenstehen. Ein Massenexodus der Christen wäre die sichere Folge.

Damaskus ist „Premium-Verbündeter“ Russlands

Diese düsteren Aussichten mobilisieren die Assad-treuen Kräfte um die SAA, die durch zahlreiche Geländegewinne dem Regime eine längere Galgenfrist gesichert hat. Zudem ist Russland fest entschlossen, Assad nicht den Rücken zu kehren. Moskau betrachtet die Region als Einflusssphäre, das Regime in Damaskus ist ein „Premium-Verbündeter“, den man nicht opfern will. Der seit 1971 bestehende Flottenstützpunkt der Russen im syrischen Tartus (Mittelmeer) symbolisiert diese strategische Ausrichtung. Ein Syrien, das in kleine Einheiten zerfiele, wäre Spielball eines eisern pro-amerikanischen Israel und der Türkei, die aufgrund eigener Stärke zwischen Russland und den USA eine Pendelpolitik betreiben und Großmachtambitionen forcieren könnte. Das will Moskau verhindern. Deshalb liefert es Material an Assad, auch erhebliche Finanzspritzen soll es bereits gegeben haben, denn das Regime ist schon länger nicht mehr flüssig.

Entscheidender Trumpf aber ist der verstärkte Einsatz der Elitekämpfer der Hisbollah-Miliz, deren Führer Hassan Nasrallah das militärische Engagement nun offiziell zugegeben hat. Mittlerweile soll die Zahl der Kämpfer, die in kleinen Gruppen die Grenze zu Syrien mit dem Ziel Kusair überquert haben auf über 2.000 angewachsen sein. Die Schiitenmiliz ist modern ausgerüstet und den Krieg kleiner, hochbeweglicher Einheiten perfektioniert. Im libanesischen Grenzkrieg von 2006 gelang es ihr, der als nahezu unbesiegbar geltenden israelischen Armee empfindliche Verluste beizubringen. Sie schrieb Militärgeschichte. Der israelische Doku-Spielfilm „My first war“ (2008/2009) dokumentierte die erschütternden Erfahrungen von Soldaten der israelischen Armee, die in Gefechten mit Hisbollah-Kämpfern standen.

Nicht das schlechteste Ergebnis für Europa

Sie sind nun der stärkste militärische Trumpf, den Damaskus in seiner Hand hält. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Assad nach und nach wieder die Kontrolle über den Bürgerkriegsstaat gewinnt. Er hätte damit als einziger Machthaber den „Arabischen Frühling“ überlebt. Dieser ist ohnehin einem islamistischen Herbst gewichen, von Tunis bis Kairo ist der Islam radikaler Prägung auf dem Vormarsch. Der Machterhalt Assads ist angesichts des Erstarkens der Islamisten von scheinbar „gemäßigt“ bis salafistisch und Al-Kaida-nah nicht das schlechteste Ergebnis für Europa.

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, unterstützen Sie bitte das Projekt unzensuriert mit einer Spende. Per paypal (Kreditkarte) oder mit einer Überweisung auf AT58 1420 0200 1086 3865 (BIC: BAWAATWW), ltd. Unzensuriert

Copy link