Todesstrafe statt Themen: Stronach sucht den letzten Ausweg

Was für eine Inszenierung! Der in Sachfragen (Stichwort Außenpolitik) einigermaßen außer Tritt geratene Frank Stronach setzt jetzt auf eines der emotionalsten Themen, die politisch vorstellbar sind: die Todesstrafe. Und der ORF greift ihm kräftig unter die Arme. Sehr zur Freude von Kanzler Faymann, der mit Stronach einen fast schon amikalen Plausch bei Ingrid Thurnher führt.

„Wie stehen Sie als Nordamerikaner zur Todesstrafe?“ Diese Frage eines Lesers der Vorarlberger Nachrichten (VN) beantwortete der Milliardär so: „Für Berufskiller soll es eine Todesstrafe geben. Denn sie gefährden die Rechtssicherheit. Die muss aufrechterhalten bleiben.“

„Rechtssicherheit“ ist übrigens „die Klarheit, Bestimmtheit und die Beständigkeit staatlicher Entscheidungen sowie die Klärung von umstrittenen Rechtsfragen oder -verhältnissen in angemessener Zeit“ (Wikipedia) und hat mit Berufskillern genauso viel zu tun wie mit Taschendieben, aber Stronachs wirres Geplapper war ja auch nicht als sachpolitischer Vorstoß gedacht.

Merkwürdige Szenen im ORF-Auto

Und weil man – bei aller Wertschätzung fürs Ländle – in den VN keine österreichweite Empörung auslöst, war praktischerweise gleich der ORF mit einer auf ziemlich dubiosem Weg veröffentlichten Filmpassage zur Stelle. Ein gewisser Andre Turnheim – wie sich im Laufe des Tages herausstellen sollte, ist er Regisseur der Sendung „Wahlfahrt“ – lud 50 Sekunden der Autofahrt von ORF-Journalist Hanno Settele mit Stronach auf seinen Youtube-Kanal. Das Video wurde – offenbar auf Betreiben des ORF – zweimal gelöscht, parallel dazu aber vom Staatsfunk selbst über den Online-Kanal IPTV verbreitet. Stronach schwadroniert auf ähnliche Weise von der Todesstrafe, seine im Fonds mitfahrende Assistentin Kathrin Nachbaur erinnert von der Sitzhaltung her ein wenig an Sharon Stone im legendären Film „Basic Instinct“ und nimmt ansonsten geduldig Franks Wunsch auf, das Parteiprogramm um die eben ersonnene Position zur Todesstrafe zu ergänzen.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Der Rest des Teams – allen voran Assistentin Nachbaur – distanziert sich von Stronachs Position und benutzt dafür denselben APA-Zugang wie Stronach selbst, der seine Aussagen – als private Meinung – verteidigt. Das Thema bestimmt naturgemäß die abendlichen ORF-Konfrontationen. Kanzler Faymann darf sich ein wenig als Verfechter der Menschenrechte gerieren, geht aber insgesamt pfleglich mit Stronach um – umgekehrt genauso. Man gewinnt den Eindruck, beide sind mit dem Tag recht zufrieden.

Mehrheit befürwortet die Todesstrafe

In einer Umfrage der Zeitung Heute letztes Jahr fand die Todesstrafe mehr generelle Befürworter (41%) als Gegner (37%). Immerhin 21% zeigten sich bereit, in Extremfällen darüber zu diskutieren (Stand 5.9.2013, 22:11 Uhr). Die Rechnung geht für Stronach also auf. Dass seine Partei sich distanziert, ficht ihn nicht an, er ist die Partei ja selbst.

Stärkstes Indiz dafür, dass es sich um ein abgekartetes Spiel des Teams Stronach handelt, ist der Zeitpunkt des ORF-Interviews. Es wurde am 28. August – in Anwesenheit der heute so empörten Kathrin Nachbaur – geführt. Sie gilt als des Parteichefs engste Beraterin und gibt sich jetzt als Garantin dafür, dass die Forderung nach der Todesstrafe niemals ins Programm der jungen Truppe aufgenommen werden soll und Stronachs Privatmeinung bleibt. Dennoch ist es ihr in einer Woche – bis zum VN-Interview am 4. September – nicht gelungen, den Parteigründer von seiner Position abzubringen.

Hinter soviel Chaos steckt vermutlich Kalkül: Wer wenn nicht der „Ami“ Stronach darf den Wunsch breiter Bevölkerungsschichten nach der Todesstrafe für besonders abscheuliche Verbrecher politisch erheben? Noch dazu, wo Obama und Schwarzenegger auch dafür sind, in deren Tradition sich der alte Mann aus Kanada wohl gerne sähe.

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