„La Quenelle“ – Alles nur Knödel oder was?

Gibt man in der Internetsuchmaschine „Quenelle“ ein, dann erscheinen unter anderem Bilder von einem zumindest optisch sehr schmackhaften Gericht aus Knödeln. Weit mehr Einträge findet man aber zum Thema „Quenelle“-Gruß und einem Franzosen mit dem Namen Dieudonné (=“Der Gottgegebene“), der den Gruß bekannt gemacht hat. Dieser Quenelle-Gruß erfreut sich besonders unter französischen Jugendlichen immer größerer Beliebtheit und das französische Innenministerium denkt laut über harte Maßnahmen dagegen nach. Verschiedene Interessensvertretungen sehen darin einen neuen Nazi-Gruß, auch ein Fußballer sorgte damit unlängst für Aufregung.

Der Ursprung von „la quenelle“ liegt im Dunkeln. Die erste große Bedeutung erlangte der Gruß als Symbol des Protests gegen die herrschende Schicht, „das Establishment“ in Frankreich. Die Geste bedeutet kurz gesagt: „Steck´s Dir in den A.!“  – gewissermaßen bis „zum Anschlag“. Mittlerweile wurde diese Geste zum Selbstläufer: vor allem unter den Jugendlichen Frankreichs. In Zeiten der Wirtschaftskrise, wachsender Unzufriedenheit und Verunsicherung, Chancenlosigkeit und allgegenwärtigen Handykameras lag der nächste Schritt nicht weit: Fotos, auf denen die Geste zu sehen ist, wurden und sind bis heute Kult. Am Besten mit einem Vertreter der Politik. So wurde auch der französische Innenminister Manuel Valls „Opfer“ einer Gruppe Jugendlicher, die fürs Foto plötzlich die Geste machten.

„Sieg der Republik“ gegen Komiker Dieudonné

So richtig Schwung bekam der Knödelgruß vor ca. 5 Jahren durch einen Komiker und politischen Aktivisten. Er zeigt „la quenelle“ bei jeder Gelegenheit, egal ob Öffentlichkeit, Bühne, Internet oder auf seinen Wahlplakaten. Seine wachsende Anhängerschaft übernahm diese Geste und seitdem hat sie sich rasend im Land verbreitet. Das Problem: Dieudonné ist Gegner des Establishments und so hat er sich einige einflussreiche Feinde gemacht. Die Auftaktveranstaltung seiner neuen Tour in Nantes vor fast 6300 Menschen wurde in letzter Minute mit Hilfe der Justiz verhindert. Innenminister Valls zeigte sich befriedigt mit diesem Urteil. Er sieht in den Veranstaltungen Dieudonnés nur Rassismus und Antisemitismus. Folgerichtig sprach er von einem „Sieg der Republik“.

Auch zuvor wurden schon Veranstaltungen Dieudonnés verboten. Dennoch ist er äußerst umtriebig: Mal kandidiert er für die Präsidentschaft, dann wieder fürs EU-Parlament. Zu seinen Fans zählen neben Abertausenden von ganz links bis ganz rechts auch der Terrorist Carlos, aber auch Vertreter von Hamas und Hisbollah. Taufpate seiner Tochter ist Jean Marie Le Pen, Ex-Chef des Front National.

Verurteilter Holocaustleugner

Aber nicht nur sein Umfeld, auch seine Äußerungen sorgen für Aufregung: Mal fordert er, die „Creme de la Creme der französischen Unterhaltung in Seife umzuarbeiten“, dann macht er sich über den Anschlag von Toulouse 2012 lustig. „Dieudo“, wie ihn seine Fans nennen, wurde auch schon mehrfach als Holocaustleugner zu Geldstrafen verurteilt. In Belgien brach die Polizei 2012 seine Veranstaltung wegen „Anstiftung zu Fremden- und Rassenhass“ ab. Präsident Hollande hat ihn zur „Chefsache“ erklärt, damit folgt er seinem Innenminister Valls, der sich ebenfalls öffentlich dem Stopp dieses „Rassisten und Antisemiten“ verschrieben hat.

Je mehr seine Gegner gegen ihn toben, umso mehr scheint der Kult um ihn – aber auch er selbst – zu „Höchstform“ aufzulaufen. Immer brutaler werden die Äußerungen Dieudos, der sogar in Bezug auf prominente französische Juden „Bedauern“ darüber äußerte, dass es „Gaskammern nie gegeben“ habe. Seine Spottlieder im Internet über den Holocaust – „Shoananas“ – sind ein Geheimtipp unter begeisterten Jugendlichen. 2009 ließ er bei einer Veranstaltung dem Holocaustleugner Faurisson den „Preis für Unangepasstheit und Dreistigkeit“ verleihen. Auch über „die zionistische Lobby“ zieht er her, auf Wahlplakaten zeigte er sich als Kandidat der „Antizionistischen Liste“.

Anwälte pochen auf künstlerische Freiheit

Auch wenn seine Anwälte von „Übertreibung“, „Absurdem“ und künstlerischer Freiheit sprechen, bleibt doch ein zumindest schaler Nachgeschmack. Dennoch sieht sich Dieudonné weder als Rassist noch Antisemit, sondern als einen politisch Verfolgter.

Das Pikante an der Sache: Dieudonné passt nicht ins Bild des „klassischen Nazi“ oder Rassisten. Als farbiger Sohn eines Kameruners und einer Französin und seit Mitte der Neunziger politisch aktiv, wechselte er vom politisch linken – als Kämpfer gegen Sklaverei und Ungerechtigkeit in der Gesellschaft – an den politisch rechten Rand. Seitdem ist Dieudonné M´Bala M´Bala – so sein vollständiger Name – zunehmend in aller Munde. Und so grassiert auch „La Quenelle“ im Internet.

Die Frage, ob der Quenelle-Gruß eine Geste des politischen Engagements, eine rechte oder gar antisemitische Geste ist, beschäftigt die Menschen, die ihn zeigen, vermutlich weniger. Für viele gilt eher: „Hauptsache auffallen!“ Der französische Rechtsextremismus-Experte Camus äußerte dazu, dass Dieudo mittlerweile zum Helden einer Bewegung geworden sei, die die traditionellen Grenzen zwischen „rechts“ und „links“ sprenge und die alles „von oben“ in Frage stelle, süchtig nach „Verschwörungstheorien“ sei und dabei überzeugt sei, dass die Welt sowieso nur von „Washington und Tel Aviv“ geleitet werde.

Anelka sorgte für Eklat in Premier League

Währenddessen überschreitet der Quenelle-Gruß die Grenzen Frankreichs. Jüngst zeigte der farbige Fußballer Nicolas Anelka nach seinem Torschuss in der englischen Premier League die Geste. Während die französische Sportministerin von einer Provokation sprach, forderte der Europäische Jüdische Kongress (CJE) die Sperre Anelkas aufgrund des Zeigens eines „Nazigrußes“, einer „verletzenden und hasserfüllten Geste“ vor zehntausenden Zuschauern.

Zunehmend denken Politik und Interessensgruppen darüber nach, wie man dieser „Bewegung“ beikommen kann. Die Frage ist, ob Verdammen und Verbieten das Problem bei der Wurzel packen. Die massive Unzufriedenheit mit den „Zuständen da oben“, vor allem bei den Jugendlichen wird das kaum beseitigen. Unter welchem Titel soll man auch verbieten? Von Rechtsextremismus zu sprechen, genügt hier nicht. Die Anhänger Dieudonnés und der Quenelle setzen sich aus Angehörigen von ganz links bis ganz rechts und sogar sonst unpolitischen Menschen zusammen.

Quenelle als „geistiges Eigentum“

Zumal Verbote diese Protesthandlung wohl für mehr und mehr Jugendliche attraktiver machen würden. Deshalb spricht man von einer „Protestgeste“. Viele wollen sich in der Jugend auflehnen und provozieren. Mit der Quenelle auf einem Foto in einem sozialen Netzwerk scheint nichts leichter als das. Auch durch die Medien wurde dieses ursprünglich „gesellschaftliche Widerstandssymbol“ zu einem Selbstläufer.

Innenminister Valls will jedenfalls die Auftritte Dieudonnés überhaupt verbieten lassen. Dieudonné wird sich trotzdem keine finanziellen Sorgen machen müssen: Seine Frau sichert „La Quenelle“ gerade als „geistiges Eigentum“, um dieses dann zu vermarkten. Quenelle-T-Shirts und Tassen gibt es schon – und das symbolisierte Knödelgericht erfreut sich weiter stets wachsender Beliebtheit.

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