Der „Sultan der Welt“ auf Wien-Besuch

Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan hielt in der Wiener Albert-Schultz-Halle eine Rede vor seinen Anhängern. Wer es nicht in die Halle schaffte, konnte die Rede draußen auf einer Videowand mitverfolgen. Unzensuriert.at mischte sich unter die tausenden Anhänger, unter denen sich auffallend viele Frauen mit Kopftuch befanden. Einige Teilnehmer trugen T-Shirts, auf die ein Erdogan-Foto samt der Aufschrift „The Sultan of the World“ gedruckt war. Verkauft wurden türkische Fahnen, von denen die Erdogan-Fans ordentlich Gebrauch machten. Immer wenn die Stimmung kochte, gab es ein türkisches Fahnenmeer zu sehen. Österreichische Fahnen vermisste man komplett.

Gesprochen wurde ausschließlich Türkisch, vor dem Einmarsch Erdogans wurde auf der Videowall stets dasselbe Programm abgespielt – auffallend oft Einspielungen über das türkische Militär. Offenbar galt es die kriegerische Stärke der Türkei zu demonstrieren. Begleitet wurde das Spektakel von orientalischer Musik, wobei auch Erdogan ein Musikstück gewidmet sein dürfte, in dem sein Name mehrmals im weiblichen Chor bombastisch gesungen wird – sehr zu Freunde der Zuhörer. Der Premier kommt mit etwa 90minütiger Verspätung in die Halle. Was er dann zum Besten gibt, versteht jemand, der der türkischen Sprache nicht mächtig ist, freilich nicht. Doch das Publikum jubelt fast alle 10 Sekunden lautstark.

„Erdogan, get out of Vienna!“

Während die Erdogan-Fans Feuer und Flamme für ihren Premier sind, marschiert ein kilometerlanger Demo-Zug vom Praterstern über die Reichsbrücke Richtung Donauzentrum. Die Erdogan-Gegner setzen sich aus einer bunt gemischten Menge zusammen. Türken, Aleviten, Kurden, linke Gewerkschaften, Sozialisten, antifaschistische Gruppierungen und viele andere, marschieren gegen Erdogan auf. In Sprechchören wird gegen Erdogans Partei, die AKP, mobil gemacht. Immer wieder werden auch die UETD (Union Europäisch-Türkischer Demokraten) und die ATIB (Türkisch-Islamische Union) genannt, die beide in Österreich der verlängerte Arm der AKP seien. Frauen mit Kopftüchern sind bei den Erdogan-Gegnern in der Minderheit und auch österreichische Flaggen werden im – nicht gerade homogenen – Fahnenmeer vereinzelt gesichtet. Viele Fahnen zeigen Abdullah Öcalan, den Führer der kurdischen Untergrundorganisation PKK, der in der Türkei unter anderem wegen Hochverrats, Bildung einer terroristischen Vereinigung, Sprengstoffanschlägen, Raub und Mord zum Tode verurteilt wurde.

Auf den Transparenten der Gegner liest sich vieles. Etwa „Erdogan, get out of Vienna“ oder Anspielungen auf den Genozid der Türkei an den Armeniern oder das Massaker im Gezi-Park. Als der Zug an einem Plakat der Gewista vorbeikommt, auf dem mittels Werbung Erdogan willkommen geheißen wird, gehen die Emotionen hoch. Es wird einiges gegen Erdogan gerufen: Faschist, Terrorist, aber auch Nazi und Mörder.

Muslimbrüder und Graue Wölfe

Doch auch noch radikalere Kräfte als Erdogan machten auf sich aufmerksam. Ein Transparent mit dem Symbol der „Grauen Wölfe“ feierte die „3. Türkenbelagerung“ und als Erdogan kurz zu seinen Anhängern vor der Halle sprach, wurden davor zwei gelbe Fahnen der Muslimbruderschaft geschwenkt. Augenzeugen wollen gesehen haben, wie Erdogan den Gruß der Muslimbruderschaft zeigte (innere Handfläche nach vorn, 4 Finger ausgespreizt, Daumen nach innen).

Erdogans Bilanz des Wien-Besuchs: ein Riesenaufgebot von Polizisten, Polarisierung von Anhängern und Gegnern und eine Belastung der öffentlichen Verkehrsmittel samt einem Stauchaos auf der Reichsbrücke – Ausschreitungen noch nicht einberechnet. Auch davon sind einige bekannt geworden: Aus einem Lokal heraus sollen Erdogan-Gegner mit Flaschen attackiert worden sein, worauf die Polizei Tränengas einsetze. Und in der Nähe der Halle soll es zu einer Massenschlägerei zwischen Fans und Gegnern des Türken-Premiers gekommen sein – angeblich sogar mit Einsatz von Eisenstangen, wie die Zeitung Österreich berichtete.

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