Erdogans Türkei ist überall

„Wo ein Türke ist, dort ist auch die Türkei“, –  ein programmatischer Stehsatz von Recep Tayyip Erdogan. Und weil Millionen seiner Landsleute in EU-Ländern eine dauerhafte Bleibe gefunden haben, ist es für den starken Mann am Bosporus selbstverständlich, diese imaginäre Türkei auch zu besuchen. Nach Köln und Wien peilt der Schutzherr aller Türken auch einen Großauftritt in Frankreich an. Er ist auf Stimmenfang in ganz Europa.  Er will ja im August zum Staatspräsidenten gewählt werden. Mit der neuen Machtfülle wird er sein Land noch autokratischer regieren und konsequenter islamisieren.

Kolumne von Charles Bohatsch

Wiens Bürgermeister Michael Häupl versuchte Erdogans Visite als „Privatbesuch“ herunter zu spielen. Aber wenn zehntausende Türken in und vor der Wiener Schultz-Halle von ihrem Idol propagandistisch indoktriniert werden, ein Meer roter Halbmondfahnen ganze Straßenzüge überflutet, dann war dieser Besuch eine gut geplante öffentliche Inszenierung.

Und natürlich war und ist Erdogan das Lamento von Außenminister Sebastian Kurz völlig egal, der Auftritt des Paschas schade der Integration. Diese wäre ja seinen Bemühungen eher abträglich, sich die Auslandstürken europaweit als lenk- und leitbare Masse politisch und ideologisch verfügbar zu halten.

Anatolier werden Staatsbürger, aber nicht Österreicher

Wenn, wo ein Türke ist auch die Türkei ist, dann ist dies die Verneinung kultureller Anpassung. Es wird Abgrenzung gelebt, die Überwindung der westlichen Werteordnung angestrebt. Der Schafhirte aus Anatolien wird Staatsbürger der Alpenrepublik, aber gesellschaftspolitisch nicht Österreicher. Wenn z. B. der Vizepräsident des SP-Wirtschaftsverbandes, Resul Ekrem Gönültas, von „unserem Ministerpräsidenten“ spricht, meint er natürlich den Mann in Ankara. Viele Grätzeln in Wiener Bezirken sind im Kern schon ein Klein-Istanbul, zeigen ein morgenländisches Ambiente und fast niemand spricht deutsch. Türkische TV-Satellitenprogramme als Nabelschnur sorgen auch im längst eroberten Gemeindebau für die Anbindung an die ferne Heimat, verfestigen die Sprachbarrieren. Was das Fernsehen nicht leistet, das leisten die aus der Türkei importierten Imame, die Moscheenvereine von Milli Görüs und die zahlreichen Kulturvereine der von der Türkei finanzierten ATIB. Ziel beider Organisationen ist die Islamisierung Europas und Schaffung einer Großtürkei.

Statt der verbal ständig eingeforderten Integration existieren in den Ballungsräumen längst Parallelgesellschaften. Auch in Deutschland wurde diese Entwicklung durch Einführung der Doppelstaatsbürgerschaft begünstigt. Man bleibt und lebt als Türke und genießt die materiellen Vorzüge und das soziale Netz der Gastgebergesellschaft. Assimilierung hat Erdogan schon früher als „Verbrechen“ bezeichnet. Den Türken darf in der EU nicht abverlangt werden, was Ankara rigoros von seiner kurdischen Minderheit einfordert.

Nachfahren der türkischen Heerscharen

Nicht zufällig hat Erdogan seine Landsleute daran erinnert, dass sie Nachfahren der türkischen Feldherren und Heerscharen seien, die 1683 Wien belagerten. Er insinuierte damit, dass jetzt  glückt, was damals gescheitert ist: Wien zu erobern. Mehr als 100.000 türkische Muselmanen leben in der Stadt. In vielen Schulklassen Wiens haben mehr als 90 Prozent der Kinder einen Immigrationshintergrund. Schon das schließt die Integration in die autochthone Gesellschaft aus. Eher der umgekehrte Weg ist denkbar – die Türkisch-Matura ein erster Ansatz dafür.

Unsere Regierungsmitglieder plapperten den Sager des deutschen Außenministers Steinmeier zur Erdogan-Visite nach: Unsere Demokratie muss das aushalten. Als abstrakte Staatsform schon, aber die Menschen, um deren Willen es eigentlich geht, reagierten irritiert auf die fremdbestimmte Agitation im eigenen Lande und lehnten sie ab. Wie wird man reagieren, wenn Erdogans Konkurrenten um das Präsidentenamt nun ebenfalls ihren Wahlkampf über die Grenzen in unser Land tragen?

Prof. Dr. Charles Bohatsch war Redakteur des Magazins Profil und des ORF sowie Mitarbeiter im Büro des Landeshauptmanns von Niederösterreich, Erwin Pröll. 

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