Philosoph Precht: „Die EU handelt unverantwortlich“

In den vielen Sendungen und Berichten in memoriam des Publizisten und Nahost-Experten Peter Scholl-Latour, der kürzlich im 90. Lebensjahr verstarb, kam klar heraus, was der Grand Seigneur der Weltpolitik von der EU und ihre Maßnahmen im Hinblick auf die Ukraine-Krise hält: Nämlich gar nichts. „Wir leben in einer Zeit der Massenverblödung – den Journalisten und Politikern fehlt das Geschichts-Wissen“, war seine zentrale Aussage. Auch der Philosoph und Buchautor Richard David Precht versteht die Welt nicht mehr, konkret die Politik in Brüssel, denn im Kurier sagt er in Bezug auf das Handeln in der Ukraine: „Die EU handelt unverantwortlich“.

Precht sagt, dass er trotz der vielen Gedenkfeiern anlässlich des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren eine gewisse Geschichtsvergessenheit orte. Vor dem Hintergrund der Geschichte im 20. Jahrhundert ist die Einmischung der europäischen Länder in der Ukraine-Krise eigentlich unverständlich. Man müsse schon ein wenig um den Fortschritt bangen, den Europa nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht habe. In den vergangenen 69 Jahren habe man zwar gelernt, dass man internationale Probleme eher durch Handelsbeziehungen – also durch Annäherung – als durch Kriege lösen kann. Diese Erkenntnis hätte das Volk mit sehr hohem Blutzoll bezahlt. Und gerade deswegen sei das momentane repressive Verhalten der EU-Staaten gegenüber Russland unverantwortlich.

Dämonisierung von Wladimir Putin  

Die Dämonisierung Wladimir Putins und die Sanktionen seien der falsche Weg. Im Kurier mahnt der Philosoph zur Objektivität:

Schauen wir uns die Situation einmal objektiv an. Es wird ein Passagierflugzeug in der Ukraine abgeschossen, ein Unglück, bei dem wir derzeit überhaupt nicht wissen, wer tatsächlich dahintersteckt. Es gibt bis jetzt keine sicheren Beweise. Wenn es die Separatisten gewesen sein sollten, was keineswegs erwiesen ist, dann war es ein Unfall. Dafür nun Putin verantwortlich zu machen, ist unfassbar. Es gibt keine Spur, die darauf hindeutet, dass Putin mit Absicht dieses Flugzeug abschießen ließ. Trotzdem titelt Der Spiegel „Stoppt Putin jetzt“. Das ist ein Rückfall in die Art der Politikbetrachtung wie zur Zeit des Kalten Krieges und davor.

NATO geht Ukraine-Konflikt nichts an

Richard David Precht spricht auch von einer geistigen Mobilmachung für einen Krieg, der derzeit in den deutschsprachigen Medien passiert. Es werde medial gezündelt, aber keiner wolle den Brand legen. Ein gefährliches Spiel, das Precht auch der NATO zuschreibt, die sich gleich in den ersten Tagen des Konflikts in einer unverantwortlichen Weise eingemischt hätte: Der NATO-Generalsekretär habe frühzeitig eine Pressekonferenz gegeben und einen scharfen Ton eingeschlagen. Dabei gehe die NATO der Konflikt nun wirklich nichts an. Die Ukraine sei kein NATO-Mitglied. Precht: „Allein, dass wir glauben machen wollten, dass die Ukraine ein NATO-Fall ist, war ein gefährliches und aggressives Signal in Richtung Russland.“

Denken aus der Zeit des Kalten Krieges

Der Konflikt wäre nach Meinung von Precht leicht zu entschärfen gewesen: Die Ukraine als ganzer Staat hätte mit der EU ein Assoziierungsabkommen schließen können und sie hätte Russland gleichzeitig garantieren sollen, nicht Mitglied der NATO zu werden. Denn das sei der Punkt, den die Russen am meisten fürchten würden. Aber die EU wollte alles, sie wollte keinen Kompromiss, sondern sie wollte das ganze Land in den Westen ziehen. Das sei ein Denken aus der Zeit des Kalten Krieges. Bei der Wiedervereinigung Deutschlands wäre garantiert worden, dass die NATO-Grenze nicht weiter nach Osten geschoben werden würde. Das sei aber passiert, und die Russen hätten immer stillgehalten. Deswegen hätte sich die EU gedacht, dass sie so mächtig wäre und wollte auch die Ukraine in seine militärische Einflusszone bringen.

 

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, unterstützen Sie bitte das Projekt unzensuriert mit einer Spende. Per paypal (Kreditkarte) oder mit einer Überweisung auf AT58 1420 0200 1086 3865 (BIC: BAWAATWW), ltd. Unzensuriert

Copy link