Zehn Jahre “Heute”: Ein 84-Millionen-Euro-Inseratenskandal?

Die Wikipedia-Affäre, in der Einträge – auch zum Nachteil der Konkurrenz – offenbar verändert wurden, hat die Gratiszeitung Heute wieder einmal in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Am 6. September feierte das Medium sein zehnjähriges Bestehen – und einen sagenhaften wirtschaftlichen Erfolg. Laut Recherchen von Journalisten für die Webseite dossier.at können sich die Gesellschafter in dieser Zeit rund 38,5 Millionen Euro an Gewinnen ausschütten. Dank Inseratenschaltungen vor allem öffentlicher Stellen oder Unternehmen, die vornehmlich im Einflussbereich der SPÖ stehen.

Wie Dossier-Erhebungen sämtlicher Anzeigen der Jahre 2004 bis 2014 in Heute zeigen, ist die bis Ende 2010 von der SPÖ allein regierten Stadt Wien gemeinsam mit ihren Unternehmen der größte Anzeigenkunde der Gratiszeitung. Insgesamt schalteten sie – ohne mögliche Rabatte – Anzeigen im Wert von rund 41,5 Millionen Euro in Heute. In den vergangenen zehn Jahren inserierten öffentliche Stellen bzw. Unternehmen um sogar rund 84 Millionen in der Gratiszeitung. Dabei handelt es sich um Steuergeld oder um Kapital aus öffentlichen Unternehmen, die in vielen Fällen mit Steuergeld subventioniert werden.

Süddeutsche: Irgendeiner verdient immer

Wohin fließt das viele Geld, das mit der Gratiszeitung Heute verdient wird? Von Anfang an wird ein Firmengeflecht augenscheinlich zur Verwirrung geschaffen. Im August 2011 schreibt sogar die Süddeutsche Zeitung:

Es ist bislang keinem Rechercheur gelungen, die Personen, die da auf offener Bühne spielen, durch die Tapetentüren zu begleiten, um zu sehen, wer da eigentlich im Hinterzimmer beieinanderhockt. Irgendeiner verdient immer.

Aber wer ist das? Im Mai 2012 macht Herausgeberin Eva Dichand völlig überraschend öffentlich, wem Heute wirklich gehört: Demnach fungieren als Eigentümer die Pluto Privatstiftung mit 74 Prozent sowie die Periodika Privatstiftung mit 26 Prozent. Die beiden Stiftungen halten die Ultimate Media Beteiligungs- und Management GmbH, die wiederum zu 100 Prozent an der Heute-Herausgeberin AHVV-Verlags-GmbH beteiligt ist. Die Pluto Privatstiftung ist eine Familienstiftung, als Stifter fungieren Eva Dichand und ihr Bruder Georg Kriebernegg, Begünstigte sind Eva Dichand und Kinder.

Und Eva Dichand warnte Journalistenkollegen: Wer künftig behaupte, dass Heute der SPÖ gehöre, werde “vorbehaltlos auf Verleumdung und Schadenersatz geklagt”. Die Redaktion von dossiert.at bekam direkt Post von Eva Dichand, die am 26. April 2012 folgendes Mail schickte:

Sollten Sie unwahre Behauptungen publizieren wie etwa: eine Nähe zur SPÖ/Finanzierung durch SPÖ oder SPÖ nahe Personen/ Gesellschaften (…) werden wir das sofort klagen! Diese Behauptungen sind einfach FALSCH!

Auch wenn Eva Dichand stets – und sogar mit Klagsdrohung – versucht, die Nähe zur SPÖ abzustreiten, fällt es einem aufmerksamen Beobachter nicht leicht, diese Tatsache zu überblättern. Die Nähe zur SPÖ spiegelt sich allein in den handelnden Personen wider. Wolfgang Jansky etwa, Dichands Partner in der Heute-Geschäftsführung, war vor seinem Job ein Jahrzehnt lang Pressesprecher des einstigen SPÖ-Wohnbaustadtrates und heutigen Bundeskanzlers Werner Faymann. Oder Günther Havranek, von Beruf Steuerberater und Treuhänder und ein Heute-Stiftungsrat, der laut Firmenbuch jahrelang indirekt auch als Eigentümer an der Zeitung beteiligt war. Der Mann, der 2010 von der SPÖ zur Sanierung der Parteifinanzen gerufen wurde, spielt im Heute-Netz eine zentrale Rolle. Mehrmals hatte Havranek – auch bei Gericht unter Wahrheitspflicht – ausgesagt, er halte Anteile an der Gratiszeitung “im eigenen Namen, auf eigene Rechnung”. Einer von vielen Widersprüchen: Denn 2012 wurde bekannt, dass Havranek nur der Treuhänder für eine Stiftung war, die Eva Dichand gegründet hatte.

Faymanns Rolle im Heute-Wirrwarr

Brisant ist auch die Rolle von Bundeskanzler Werner Faymann im allgemeinen Heute-Wirrwarr. Dossier.at stellt dazu fest: “Wann immer Faymann das Amt wechselt, bleibt eine Konstante: Ressorts und Unternehmen, die in seinen Einflussbereich fallen, schalten mehr Anzeigen in Heute, deutlich mehr.” Faymann gilt quasi als Erfinder von Heute: Als in Wien der U-Bahn-Express, eine von der Mediaprint herausgegebene Gratiszeitung eingestellt wird, gründet der damalige Wohnbaustadtrat Faymann (und Intimus von Kronen-Zeitung-Herausgeber Hans Dichand) eine neue Gratiszeitung namens Die Stadt – ein monatlich erscheinendes Magazin für Wiener Gemeindebauten. Herausgeberin des Magazins ist die Urbania Privatstiftung. Vorstandsvorsitzender der Urbania ist Josef Ostermayer, damals Faymanns Büroleiter und heutiger SPÖ-Kulturminister. Zu dieser Zeit kündigt der Pressesprecher des Wohnbaustadtrates Faymann, Wolfgang Jansky, überraschend den Job und wird Geschäftsführer der AHVV-Verlags GmbH, dem Verlag hinter Heute.

Werbeausgaben um das Sechsfache erhöht

Noch bevor die erste Heute-Ausgabe erscheint, beginnt Janskys früherer Boss Faymann die Werbeausgaben der Magistratsabteilung 50 zu erhöhen. Insgesamt steigen diese im Gründungsjahr von Heute laut dossier.at auf fast das Sechsfache von 400.000 Euro auf rund zweieinhalb Millionen Euro. Am 6. September 2004 erscheint Heute zum ersten Mal und im selben Monat wird eine neue Stiftung gegründet, die Periodika-Privatstiftung. Sie übernimmt bald alle Anteile an Heute. Jetzt zieht sich Josef Ostermayer als Vorstandsvorsitzender der Urbania-Privatstiftung zurück. Kurz vor Weihnachten 2004 entsteht die Fidelis-Medien und Zeitschriftenverlags GmbH. Die Anteile an der Fidelis halten zu 49 Prozent die Urbania Privatstifung und zu 51 Prozent der SPÖ-nahe Steuerberater und Treuhänder Günther Havranek. Im Februar 2005 übernimmt die Fidelis die Anteile am Magazin Die Stadt. Im September 2005 beteiligt sich die Fidelis zu 74 Prozent an der Gratistageszeitung Heute. Eva Dichand, zuvor Geschäftsführerin des Magazins Die Stadt (später Unsere Stadt) wird neben Jansky nun auch Geschäftsführerin von Heute. Die nächsten Monate sind das von Faymann initiierte und das von ihm stark geförderte Wohnmagazin (Inseratenschaltungen im Volumen von 1,5 Millionen Euro) und die Gratiszeitung Heute miteinander verbunden. Im Dezember 2005 stiftet Eva Dichand gemeinsam mit ihrem Bruder Georg Kriebernegg die Pluto Privatstiftung. Im selben Monat übernimmt die Fidelis für Dichands Pluto die Treuhandschaft über 74 Prozent der Anteile an Heute. Im November 2006 überträgt die Urbania ihre Anteile an der Fidelis zur Gänze an die Periodika Privatstiftung. Nichts leichter als das – da wie dort sitzen Wolfgang Jansky und Günther Havranek im Stiftungsvorstand. Bis heute hält die Periodika Anteile an der Gratistageszeitung. Das Wohnmagazin erscheint danach nur noch einmal, im Dezember 2006.

Diese jahrelange Stiftung von Verwirrung macht es einem wirklich schwer, die Nähe zwischen Heute und der SPÖ auf den ersten Blick zu erkennen. “Irgendeiner verdient immer”, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Bei Heute kann weiterhin nur spekuliert werden, wer der wahre Nutznießer dieses wirtschaftlichen Erfolges ist – den die Zeitung vor allem den vielen Inseratenschaltungen verdankt, für die die Steuerzahler aufkommen müssen.

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