Puls-4-Chefin: Medien und Politik machen sich aus, wie Wirklichkeit zu drehen ist

Corinna Milborn, Info-Chefin des österreichischen Privatsenders Puls 4, erhielt dieser Tage einen Preis des „Frauennetzwerks Medien“. Unter der Schirmherrschaft des linken Wiener Politikerinnen-Trios Renate Brauner, Sandra Frauenberger (beide SPÖ) und Maria Vassilakou (Grüne) werden mit diesem Preis seit 2011 „die oft herausragenden, aber im Vergleich zu männlichen Kollegen oftmals weniger beachteten Leistungen von Journalistinnen“ gewürdigt.

Feminismus und Systemkritik

Die politisch ebenfalls weit links stehende Milborn, die vor ihrer journalistischen Karriere als Kämpferin für Menschrechte und gegen Globalisierung auftrat, begnügte sich in ihrer Dankesrede nicht mit den üblichen Feminismus-Floskeln, sondern ließ nach etwas mehr als einem Jahrzehnt in der Medienbranche eine Bombe platzen. Mit folgendem Satz beschrieb sie die enge Verzahnung zwischen Politik, Wirtschaft und Medien – und deren publizistische Folgen:

Als ich stv. Chefredakteurin bei News wurde, gab es nur eine weitere Chefredakteurin im politischen Bereich, und meistens war ich bei diesen Hintergrundrunden, in denen sich Politik, Wirtschaft und Medien ausmachen, wie die Wirklichkeit zu sehen und zu drehen ist, die einzige Frau und einzige Person unter 40. Ein Fremdkörper – was durchaus seine Vorteile hat.

Pröll als Protagonist des kritisierten Systems?

Ob Milborn diesen Satz, der dem letzten Anschein von Objektivität österreichischer Medien den Todesstoß versetzt, formuliert hat, weil – wie die Preisträgerin in ihre Rede sagt – Journalistinnen „weniger anfällig dafür sind, nur die Botschaften eines Machtklüngels weiterzutragen“, wird sich zeigen. Wenn sie es ernst meint, wäre das schonungslose Enttarnen aller handelnden Akteure vonnöten, die da in Hinterzimmern die mediale Wirklichkeit auspackeln. Ein Name fällt – wenn auch in anderem Kontext – in der Dankesrede: der von Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP). Milborn:

Ich bin seit 10 Jahren mit Innenpolitik beschäftigt – aber erst bei PULS 4 konnte ich LH Pröll die Fragen stellen, die mich wirklich interessieren.

Dies ist durchaus als Andeutung zu verstehen. Längst wissen nicht mehr nur Insider, dass in niederösterreichischen Medien kein Wort geschrieben oder gesendet wird, dass nicht in Erwin Prölls Propaganda-Plan passt.

Mainstream-Journalisten überhörten Aufschrei

Die in großer Zahl von der Preisverleihung berichtenden Mainstream-Kolleg(inn)en würdigten Milborns Aufschrei gegen die Verdrehung der Wirklichkeit übrigens keines Wortes. Wohl auch aus Selbstschutz. Ihre Chefs sind mit Sicherheit regelmäßige Teilnehmer der beschriebenen „Hintergrundrunden“. Wie appellierte die Puls-4-Chefin doch am Ende ihrer Rede an junge Kolleginnen? „Seid mutig. Bleibt unbeugsam und immer kritisch.“

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