Wiener SPÖ im Umfragetief: Der Weckruf kommt nicht ganz zufällig von der Gratiszeitung „Heute“

„Weckruf!“ Dramatisch gestaltete die Gratiszeitung Heute am 9. Oktober ihren Aufmachertitel. Denn die Wiener SPÖ würden nur noch 35 Prozent wählen. Historisch gesehen wäre dies das schlechteste Wahlergebnis für die Roten in Wien. Grund genug, sich von Heute-Seite Sorgen zu machen – es steht viel auf dem Spiel: Geht es den Genossen schlecht, könnte auch der wirtschaftliche Erfolg der Gratiszeitung leiden.

Wie berichtet, ist die Stadt Wien größter Inseratenkunde von Heute. Die von Journalisten für die Internetseite dossiert.at erhobenen sämtlichen Anzeigen der Jahre 2004 bis 2014 in Heute zeigen, dass die bis Ende 2010 von der SPÖ allein regierte Stadt Wien gemeinsam mit ihren Unternehmen der größte Anzeigenkunde der Gratiszeitung ist. Insgesamt schalteten sie – ohne mögliche Rabatte – Anzeigen im Wert von rund 41,5 Millionen Euro in der Heute.

Großkoalitionär aufgestellt

Vieles spricht dafür, dass hinter Heute die Genossen stecken. Die stärksten Indizien dafür liefern Wolfgang Jansky, der plötzlich den Pressesprecher-Job beim Wohnbaustadtrat hinschmiss und Geschäftsführer der Zeitung wurde, und Günther Havranek: Der Steuerberater und Treuhänder, der 2010 von der SPÖ zur Sanierung der Parteifinanzen gerufen wurde, spielt im Heute-Netz eine zentrale Rolle. Jedenfalls wurde ein Stiftungs-Wirrwarr geschaffen, bei dem wohl nur noch Wirtschaftsjuristen durchblicken und das offenbar für Verwirrung sorgen sollte.

All das Bemühen, das vermutlich dazu dienen sollte, die Nähe zur SPÖ zu verschleiern, nützte wenig, um das Image einer Genossen-Zeitung loszuwerden. Vielleicht deshalb wartet Eva Dichand nun mit einer neuen Überraschung auf: Ab 13. Oktober werde Rainer Newald gemeinsam mit Wolfgang Jansky das Printgeschäft als Geschäftsführer leiten. Newald sei der ÖVP zuzuordnen, betonte Dichand in der Tageszeitung Die Presse. Mit der neuen Geschäftsführung sei Heute vielmehr quasi großkoalitionär aufgestellt. Ein Schelm, wer nun denkt, dass Dichand mit dieser Aussage indirekt die Nähe zur SPÖ bestätigt hat. Denn in der großen Koalition sitzt neben der ÖVP auch die SPÖ.

Profit durch Steuergeld-Inserate

Jedenfalls kann man Eva Dichand nicht vorwerfen, keinen Weitblick zu haben. Wohl in Ahnung, dass die SPÖ an Terrain verlieren wird, hat der vermutlich verlängerte Arm Faymanns in der Heute-Geschäftsführung, Wolfgang Jansky, einen wahrscheinlich Vertrauten von Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) zur Seite bekommen. Und damit könnte geschickt vorgesorgt worden sein, auch in Zukunft von den mit Steuergeld finanzierten Inseraten profitieren zu können.

Dass sich die SPÖ Wien ein Jahr vor der Wahl in einem Tief befände, glaubt der neue Parteimanager Georg Niedermühlbichler nicht. In der Tageszeitung Die Presse weist Niedermühlbichler auf andere Umfragen hin: „Wie verschieden Umfragen sein können, zeigt, dass eine aktuelle Gallup-Umfrage 38 Prozent für die SPÖ Wien ausweist“, so der Wiener Landesparteisekretär. Die SPÖ bäckt also mit kleineren Brötchen. 38 Prozent wären für Niedermühlbichler offenbar genug. Nur zur Erinnerung: Bei der letzten Gemeinderatswahl in Wien, 2010, kreuzten noch 43 Prozent auf dem Stimmzettel die SPÖ an.

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