Zu großspurig? NZZ-Chefredakteur nach Mediengipfel in Lech abberufen

„Dieses Gejammer, alles geht den Bach runter, und der einzige der helfen kann, ist Papa Staat – das ist nicht die Welt, wie wir sie bei der NZZ sehen.“ – Mit diesem Zitat des Chefredakteurs der renommierten Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) eröffnete die Austria Presse Agentur eine ihrer Meldungen über den pompös inszenierten Mediengipfel, der von 4. bis 6. Dezember unter der Patronanz des „Verbands der Auslandspresse in Wien“ in Lech am Arlberg stattfand. Nur wenige Tage später ist Spillmanns Karriere bei der NZZ zu Ende, die Fachwelt rätselt über die Gründe, die bei näherer Betrachtung jedoch auf der hand liegen.

Fleischhacker als Österreich-Zugpferd

Tatsächlich versucht die NZZ derzeit – vor allem in Österreich – den Eindruck zu zerstreuen, dass die guten alten Zeitungen zum Sterben verurteilt seien, weil die Druckauflagen und damit die Einnahmen ständig sinken und sich mit Online-Journalismus kaum Geld verdienen lässt. Mit einem kostenpflichtigen Online-Ableger will man den österreichischen Markt aufmischen. Ex-Presse-Chefredakteur Michael Fleischhacker macht dafür das prominente Zugpferd, doch über einen „Werkstatt-Blog“ ist man bisher nicht hinausgekommen. Der tatsächliche Start von nzz.at – ursprünglich für 26. Oktober angekündigt – fand bisher nicht statt und ist nun für Anfang 2015 anberaumt.

Aus Journalistenkreisen ist zu hören, dass die NZZ von der Konkurrenz Schreiber – und durchaus nicht nur solche mit mehr oder weniger prominenten Namen – mit Traumgagen abzuwerben versucht. Von 30.000 benötigten Abonnenten ist die Rede, um schwarze Zahlen zu schreiben. Das klingt illusorisch – und ist es auch. Andreas Unterberger, als ehemaliger Presse-Chefredakteur wohl mindestens ebenso bekannt wie Michael Fleischhacker, verlangt von den vollberechtigten Lesern seines Online-Tagebuchs denselben Preis (120 Euro jährlich) wie die österreichische NZZ im Vorab-Lockabo. Das zahlen auch bei Unterberger wohl kaum ein Zehntel jener 30.000, auf die die Schweizer spitzen. Er muss jedoch keine teure Autorenschar erhalten, sondern hauptsächlich selbst leben – und das klappt.

Leser wollen für Mainstream nicht zahlen

Doch selbst diese überschaubare Schar der Zahlungswilligen gibt Unterberger Geld aus einem anderen Grund: Was er schreibt, spricht vor allem jene Leser an, die vom Mainstream-Journalismus genug haben. Jene, die keine Lust darauf haben, sich von drei Fernsehsendern und sieben Zeitungen dieselbe Einstellung zu lokalen bis internationalen politischen Themen vorkauen zu lassen.

Dass Markus Spillmann jetzt wegen „unterschiedlicher Vorstellungen“ vom Verwaltungsrat des NZZ-Konzerns per Jahresende abgelöst wird, könnte also nicht nur an dem mit übersteigertem Selbstbewusstsein präsentierten, aber ausgesprochen holprigen Start des Österreichs-Ablegers liegen. Es könnte auch mit dem inhaltlichen Grund zu tun haben, aus dem das Österreich-Projekt scheitern wird und die NZZ-Auflage in der Schweiz sinkt. Das Traditionsblatt hat sich in den journalistischen Mainstream eingereiht, und genau dort wird sich auch der Österreich-Ableger unter Michael Fleischhacker wiederfinden, dessen fallweises schreiberisches Anecken und Aufbegehren stets konstruierte, fast schon sterile Züge trug.

Ex-Weltwoche-Mann als Nachfolgekandidat

Die NZZ-Führung scheint den Lemmingspfad der angeschlagenen Mainstream-Blätter verlassen zu wollen. Nicht umsonst ist Markus Somm als Nachfolger Spillmanns im Gespräch. Er ist Chefredakteur und auch Verleger der Basler Zeitung, die im Mitbesitz der Schweizer Polit- und Unternehmer-Legende Christoph Blocher steht – jenes Mannes, der mit der Schweizerischen Volkspartei (SVP) eine Alternative zum politischen Einheitsbrei schuf und sie zur stärksten Kraft der Schweiz machte. Davor war Somm bei der Weltwoche tätig, die ebenfalls kritische Themen aufgreift, dafür vom linksliberalen Bürgertum bis zur Antifa bisweilen massiv angefeindet wird.

Sollte Somm tatsächlich Spillmanns Nachfolge antreten kann, so ist das wohl als Signal der NZZ-Führung zu verstehen, dass sie nicht mit großspurigen Bezahl-Angeboten, sondern mit klarer inhaltlicher Positionierung im Wettbewerb bestehen will: in einem Mitte-Rechts-Raum, der publizistisch jede Menge Bewegungsfreiheit bietet. Dort hofft man übrigens auch nicht – siehe Spillmanns Zitat eingangs dieses Artikels – auf „Papa Staat“, sondern stimmt das Angebot einfach besser auf die Nachfrage der Leser ab.

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