In deutschen Moscheen werden die Muslime getadelt, wenn sie sich in die westliche Gesellschaft integrieren, sagt der Islamwissenschaftler Tilman Nagel.

Bild: blu-news.org / Wikimedia (CC BY-SA 2.0)
Buchtipp: Angst vor Allah? Auseinandersetzungen mit dem Islam

„Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Dieser Satz deutscher Politiker steht am Anfang des über 400 Seiten starken Werkes eines der bekanntesten und besten deutschen Islamkenner.

Der Orientalist und Arabist Tilman Nagel zeigt auf, warum das so nicht stehen bleiben kann und welch ungeheure Leistung seitens der moslemischen Islamwissenschaftler noch erforderlich ist, bis man mit Recht sagen könnte, der Islam ist mit dem westlich-säkularen Recht kompatibel.

Faktenreich schildert er, geordnet in mehreren Sachgebieten, die jeweils von einer Einführung eröffnet werden, die Anordnungen des Koran und der Sunna sowie deren Auswirkungen auf das islamische Geistesleben und ihre Implikationen für die westlich-demokratische Gesellschaftsordnung.

Prediger kritisieren Muslime wegen Integration

Nagel bestreitet nicht, dass sich der durchschnittliche europäische Moslem einigermaßen in die europäische Welt integriert – oder zumindest integrieren kann –, aber das, was er bei jeder Predigt in der Moschee zu hören bekommt, muss in ihm zwangsläufig ein schlechtes Gewissen wegen eben  dieser Integration erzeugen. Denn der Islam, so wie er in der Schule gelehrt und in der Moschee gepredigt wird, besteht darauf, dass der Koran wortwörtlich von Allah Mohammed übergeben wurde und daher als ewig unveränderliche Wahrheit zu jeder Zeit und an jedem Ort gültig ist.

Der Koran, der nach Möglichkeit zur Gänze auswendig gelernt werden soll, gesteht dem menschlichen Verstand nicht zu, Regeln für das Zusammenleben selbst zu entwickeln und – beispielsweise in einer Rechtsordnung einschließlich einer Verfassung – niederzuschreiben. Der Verstand ist nach muslimischer Auslegung von Allah dem Menschen ausschließlich dazu gegeben worden, dass er die Einsicht gewinnen könne, dass der Islam die Vollendung der Religion sei. Für die Anpassung der Regeln an die zeitlichen und geografischen Umstände ist der Verstand hingegen nicht geeignet, da das Geschöpf niemals die Intentionen des Schöpfers voll erfassen könne.

Falscher Gebrauch des Verstands

„Allah verpflichtet die Muslime zum rituellen Gebet; dies sagt er mit eigenen Worten im Koran; wie jedes der Pflichtgebete im einzelnen zu vollziehen ist, erfährt der Muslim aus den in der Sunna überlieferten Aussagen über Mohammeds Art zu beten. Diese ist genau zu imitieren, unabhängig von den sich wandelnden Umständen; sie ist ein für allemal den Erwägungen des Verstandes entzogen.“ (S 94) Dies ist ein entscheidender Unterschied zur christlichen Lehrmeinung, dass Gott dem Menschen den Verstand gegeben habe, „damit er sich die Erde untertan“ mache, d. h. die Regeln des Zusammenlebens selbst geben könne.

Dieser „falsche“ Gebrauch des Verstandes durch Christen und Juden wird in moslemischen Augen durch Allahs/Mohammeds Wort „die Andersgläubigen seien 'törichter als das Vieh'“ bestätigt, das muslimischen Schülern beim vielfach wiederholten Lesen und Rezitieren des Korans immer aufs neue ins Gedächtnis gerufen wird.

Wer Mohammeds Verkündigungen zurückweist, verfügt laut Koran nicht über das, was den Menschen zum Menschen macht, den Verstand. Er ist ein Stück Vieh, und da Allah ihm, obzwar ein Mensch, die Gabe des Verstandes vorenthalten hat, ist er der Hölle verfallen. (S 347)

Durchsetzung der islamischen Weltherrschaft

Ein anderer Problembereich ist die kategorische Forderung im Koran nach Durchsetzung einer islamischen Weltherrschaft. Schon während der Regierungszeit des Kalifen Harun ar-Rašid (reg. 786–809), der bereits als Kronprinz viele Angriffskriege gegen das Byzantinische Reich anführte, wurden die bis heute gültigen schariatischen Grundbegriffe geprägt, in die man das Verhältnis der islamischen Welt zu den Andersgläubigen fasst. Dieses Verhältnis wird als ein unfriedliches definiert, solange der Islam noch nicht über den ganzen Erdball herrscht. Sein Territorium, das „Haus des Islams“, hat sich ständig auf Kosten der Gebiete der „Ungläubigen“, des „Hauses des Krieges“, zu erweitern. Abkommen zwischen beiden Seiten sind nur zulässig, wenn sie den vorübergehend in die Defensive geratenen Muslimen Vorteile bieten und insofern dem Endsieg förderlich sind. Eine muslimische Offensive soll natürlich nicht durch etwaige vertragliche Zugeständnisse an die „Ungläubigen“ beeinträchtigt werden.

Seitdem die osmanische Herrschaft über den Balkan zusammenbrach, ergänzte man dieses schlichte Konzept um die Konstruktion eines „Vertragsgebietes“, unter dem man die Territorien verstand, in denen muslimische Mehrheiten zurückblieben. Ihnen war von den neuen nichtislamischen Staaten zugesichert worden, dass sie ihre Religion ungehindert ausüben durften. Nach muslimischer Auslegung akzeptierten die betroffenen Glaubensgenossen diese „Verträge“ nur unter dem verschwiegenen Vorbehalt, dass sie alle Möglichkeiten nutzen würden, um erneut unter islamische Herrschaft zu gelangen.

Deutsche Staatsbürgerschaft nur ein Vertrag mit Vorbehalt?

Auf einen Nachhall dieser Vorstellungen trifft man in der sogenannten Charta, die der „Zentralrat der Muslime“ 2002 veröffentlichte. Den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit, so ist dort zu lesen, betrachte der Muslim als einen „Vertrag“ – mit dem eben erwähnten Vorbehalt, so ist in Kenntnis der Entstehungsgeschichte dieses Begriffs zu folgern.

Eine sogenannte „natürliche“ Ausweitung des Islams ist auch für den ehemaligen Präsidenten des türkischen „Amtes für religiöse Angelegenheiten“, Ali Bardakoglu, eine Selbstverständlichkeit; wenn jemand sie verhindern wolle, berechtige das die Muslime zur „Selbstverteidigung“, erklärte er im September 2006, nachdem er auf Sure 9, Vers 5 angesprochen worden war. An dieser Stelle fordert Mohammed zur Tötung der Heiden auf, nachdem er einseitig das Schutzabkommen, das er ihnen im Jahr vorher gewährt hatte, aufgekündigt hatte. (S 351)

Es gab in der Geschichte ab und zu auch – nach heutigem Sprachgebrauch –  „liberale“ Scharia-Gelehrte, die einen weltoffeneren Islam vor Augen hatten. Ihr Einfluss auf den moslemischen „Mainstream“ ist allerdings bis heute verschwindend, denn praktisch alle wurden hingerichtet. Der Herrscher ist nach verbreiteter Meinung auch dann legitimiert, wenn er despotisch bzw. als Usurpator die Macht an sich riss, sofern er der Vertiefung und Verbreitung des Islam dient. Das wiederum stellen die Gelehrten, die ihrerseits vom Herrscher bezahlt werden, fest. So stützen sie sich gegenseitig; einem Herrscher, der die Macht des konservativen Klerus beschneiden will, wird sehr schnell von den Predigern die Legitimität abgesprochen und zur Revolution gegen ihn aufgerufen. Daher ist auch die Tendenz festzustellen, dass als laizistische Demokratien gegründete Staaten (z. B. Pakistan, Türkei) sich zunehmend auf die „gottgewollte Scharia“ als Rechtsgrundlage beziehen.

Wesentliche Fragen zur Integration und zum Schutz liberaler Muslime

Nagel stellt am Ende seines äußerst interessanten kritischen Buches, das insbesondere  Mandataren, die mit Moslem-Vertretern zu tun oder gar über ein Islamgesetz abzustimmen haben empfohlen sei, bedeutsame Fragen:

  • Wie kann sichergestellt werden, dass die Muslime, die dem Scharia-Islam ablehnend gegenüberstehen und sich unserer freiheitlich-demokratischen Werteordnung und dem in ihr wurzelnden Gemeinwesen verpflichtet fühlen, in der den Islam betreffenden öffentlichen Diskussion und vor allem in den staatlicherseits zur Erörterung islamischer Angelegenheiten einberufenen Gremien entsprechend ihrer Bedeutung vertreten sind?
  • Wie kann sichergestellt werden, dass der islamische Religionsunterricht nicht zur Indoktrinierung der muslimischen Schüler im Sinne des Scharia-Islams mit seinem allumfassenden Wahrheitsanspruch missbraucht wird? – Wie kann sichergestellt werden, dass die muslimischen Schüler mit der freiheitlichen, ergebnisoffenen Streitkultur vertraut gemacht werden?
  • Wie haben sich die in diesen drei Fragen enthaltenen Prinzipien im Curriculum der Ausbildung islamischer Religionslehrer und im Curriculum der Ausbildung deutscher Imame niederzuschlagen?
  • Was  bedeuten diese Prinzipien für die Integrationsarbeit?

Nagel erweist sich mit diesem, seinem bisher letzten Werk als ein umfassender Kenner nicht nur des Korans und der gesamten islamischen Glaubensvorschriften, sondern insbesondere auch seiner Entstehungs- und Geistesgeschichte. Als profunder Kenner der maßgeblichen Strömungen in der Geschichte, der wiederholten Versuche unterschiedlichster islamischer Gelehrter zur Öffnung des Lehrgebäudes entsprechend der jeweiligen zeitgebundenen Entwicklungen (und ihres Scheiterns) legt er den Finger auf ein wesentliches Problem dieser Kultur:  Während ein überwiegender Großteil der Muslime an den Auswirkungen der Rigidität der koranischen Vorschriften erkennt, dass diese zeit- und ortsgebunden an das Arabien des 7. Jahrhundert waren, klammern sich die offiziellen Lehrer immer noch an die „ewige Gültigkeit“ Worte Allahs und verkünden diese in Moschee und Schule.

Gefahrenpotential durch Religionslehrer

Nagel sieht das Gefahrenpotential eindeutig durch die Religionslehrer und die Führer der  moslemischen Verbände gegeben, die der westlich-demokratischen Ordnung nur unter dem Mental-Vorbehalt zustimmen, dass dies nach Vorbild des Propheten selbst nur solange Gültigkeit hat, solange sie im „Land des Vertrages“, also unter nicht-mohammedanischer  Mehrheit leben, die Scharia aber selbstverständlich dann einführen wollen, sobald sie dazu politisch in der Lage sein werden.

Das Problem für die westliche Demokratie sind nicht die moslemischen Flüchtlinge, die sich von den Auswirkungen einer islamischen Gewaltherrschaft nach Europa retten, sondern die Jungen, die bereits in Sicherheit aufwachsen und den Predigern in den europäischen Moscheen und im Internet Glauben schenken, dass der Islam eine rationale Religion sei und die „Umma“ die „beste  für Menschen gestiftete Gemeinschaft“. Das Schlagwort „Der Islam ist die Lösung“ – für alle Unzulänglichkeiten der konkreten Situation, wird von ihnen geglaubt, ebenso dass die Herrschaft Mohammeds im spätantiken Medina Mitte des 7. Jahrhunderts ein Idealbild auch für die Zukunft einer entwickelten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts wäre.

Auch „Freitags-Moslems“ dürfen bekämpft werden

Nicht der Volksislam der Mehrheit der „Freitags-Moslems“ (entsprechen etwa den „Taufschein-Christen“ Westeuropas) stellt eine Gefahr dar, sondern diejenigen, die die Lehren des Islams wörtlich und ernst nehmen. Für diese stellen die „Freitags-Moslems“ bereits Abtrünnige dar, die zu Recht ebenso Ziel der Terroranschläge sind wie die „Ungläubigen“. Was von europäischen Politikern „Islamismus“ und „Islamisten“ genannt wird, ist der wörtlich ausgelegte Islam und sind die strenggläubigen Moslems.

Wer hingegen ernsthaft (nicht nur aus taktischen Erwägungen bis zum Erringen der Macht) den Koran modern interpretieren will, ist definitionsgemäß ein sich vom wahren Glauben Abwendender, der im Westen nur unter Polizeischutz eine Überlebenschance hat. Denn der Koran stellt fest: „Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen gestiftet wurde. Ihr gebietet, was zu billigen ist, verbietet das Verwerfliche und glaubt an Allah!“ (Sure 3, Vers 110). Damit erteilt er jedem einzelnen „Rechtgläubigen“ die Aufgabe, an „Abtrünnigen“ die im Koran vorgeschriebenen Strafen, in diesem Falle die Todesstrafe, zu vollziehen.

Islamische Staaten entwickeln sich immer weg von der Demokratie

Die existierenden islamischen Staaten beweisen, dass der Islam, wenn er den Staat einmal erobert hat, intolerant ist, egal ob es sich um die schiitische Richtung des Iran oder die sunnitische Richtung Saudi Arabiens handelt. Selbst als Demokratien gegründete Staaten, wie Pakistan oder die Türkei, werden längerfristig von den Islamisten, also den „rechtgläubigen Moslems“, auf die Scharia als Grundlage des Rechts eingeschworen. „Toleranten Islam“ gibt es ausschließlich dort, wo die gläubigen Moslems deutlich in der Minderheit sind.

Europäische Politiker lassen sich nur allzu gerne täuschen – und verspielen damit für ihren persönlichen Vorteil von ein paar zusätzlichen Wählerstimmen die Lebenschancen unserer Kinder und Enkel.

Das Buch „Angst vor Allah? Auseinandersetzungen mit dem Islam“ von Tilman Nagel (422 Seiten, ISBN 978-3-428-14373-3) ist 2014 im Berliner Verlag Duncker & Humblot GmbH erschienen und ist zum Preis von 29,90 Euro erhältlich.

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