Kawasaki-Roller mit fremdem Innenleben

Als Kawasaki mit der J300 im Vorjahr seinen ersten Roller vorstellte, wandten eingefleischte Kawa-Fahrer entsetzt die Augen ab. Hatten die ehemaligen Schlachtschiffbauer bisher doch über mehr als vier Jahrzehnte aus Prinzip nur echte Motorradln gebaut, ab 300 Kubik aufwärts, keine Mopeds und keine Roller. Und obwohl der Markt angesichts des Überangebotes zwischen Vespa und Yamaha stagniert, ließ sich Kawasaki dennoch auf ein Roller-Abenteuer ein.

Für alte Motorradfahrer wie mich, die es gewohnt sind, mit Gang einlegen und Kupplung loslassen wegzufahren, ist schon der Start mit der J300 (und ähnlichen Geräten) ungewöhnlich: Man muss dazu nämlich die Bremse ziehen, die dort liegt, wo bei Motorrädern die Kupplung ist. Das allein reicht aber nicht, denn die J300 lässt sich erst starten, wenn auch der Seitenständer oben ist.

Ohne Schalten von 0 auf 150

Hat man all dies berücksichtigt, tuckert der Einzylinder endlich brav vor sich hin. Angesichts des mächtigen Auspuffes eigentlich zu brav. Nun braucht man nur noch Gas zu geben, und los geht’s. Gleich bei der ersten Kreuzung haut’s mich fast um: In alter Gewohnheit wollte ich links die Kupplung ziehen, um stehen zu bleiben. Noch dazu ist beim Roller auf dieser Seite die viel stärkere Vorderbremse. Nur dank ABS lege ich keinen Salto hin.

Gut, schauen wir einmal, wie das Ding angast. Schon wieder ungewohnt: ohne Schalten mit Automatik bis 140 durch zu beschleunigen (auf der Autobahn erreicht man sogar gute 150 Sachen…). Gar nicht schlecht auch der Biss, wenn man bedenkt, dass der Motor nur bescheidene 28 PS liefert. Angenehm wirkt der große (leider nicht verstellbare) Windschild, der auch bei Regen gute Dienste leistet. Die relativ großen Räder sorgen – etwa im Vergleich mit der 300er Vespa – für stabile Spur.

Die Kawa ist keine ganze Kawa

Zur Ehrenrettung Kawasakis muss gesagt werden: Das Innenleben des Rollers ist von Kymco, gebaut wird er in Taiwan, die Japaner zeichnen nur für das flotte Design verantwortlich: etwa den typischen Kawa-Insektenkopf, der in Verbindung mit den großen Rädern von vorne so kräftig wirkt, dass man mit der J300 regelmäßig von entgegenkommenden Motorradlern gegrüßt wird, die glauben, es mit ihresgleichen zu tun zu haben.

Auch die mächtige Sitzbank mit dem großen Stauraum darunter war Kawasaki ein Anliegen. Neben einem Haufen Badesachen passt selbst ein Vollvisier-Helm hier hinein – der Sozius muss seinen allerdings mitnehmen. Oder rechtzeitig in eine als Zubehör angebotene Heck-Kofferei investieren. Von der Bequemlichkeit her ist die J300 dank der riesigen Sitzflächen und der von Kawa perfekt nachgerüsteten Federung quasi die Goldwing unter der inflationären Roller-Konkurrenz.

Vorne unten in der Verschalung liegt gut geschützt der Tankdeckel, darüber ein aufklappbarer Haken für allfällige Sackeln und Packeln, die nicht mehr unter den Sitz passen. Die analog-digitalen Armaturen ganz oben gewinnen wohl keinen Schönheitswettbewerb, zeigen aber alles, was man braucht, gut aufgeschlüsselt und groß genug. Auch der Beifahrer kann sich fast hinlegen, so viel Platz hat er, die Haltegriffe hinterm Sitz sind ebenfalls voluminös.

Viel Plastik, wenig PS

Insgesamt erscheint Kawas erster Roller recht gelungen, lediglich die Motorleistung könnte stärker sein, vor allem hinsichtlich Kawasakis Ruf als Glüheisen-Hersteller. Im Gegensatz zu den meisten anderen Großrollern fehlt der J300 eine Feststell-Bremse für das Parken in abschüssigen Gassen. Etwas störend ist auch das viele Plastik rundherum, von dem sich der Lack relativ leicht abreibt – was allerdigns auch für die meisten anderen Großroller zutrifft. Trotzdem bringt das Ding satte 191 Kilo auf die Waage, was zumindest einen guten Schwerpunkt bringt. Ein wendiges Stadtfahrzeug, auch reisetauglich, allerdings für zwei Personen eindeutig untermotorisiert.

Technische Daten:

Motor: wassergekühlter Einzylinder, Viertakter

Hubraum: 299 ccm

Leistung: 28 PS

Gewicht: 191 Kilo fahrfertig

Sitzhöhe: 775 mm

Tankinhalt: 13 Liter

Preis: 5.495 Euro

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