Gedenktafel für Udo Jürgens wird zur Groteske: Bruder gegen Anbringung der Tafel am "Nazi-Kaffeehaus"

Udo Jürgens Weltkarriere begann im Klagenfurter Tanzcafé Lerch - doch dort will sein Bruder keine Gedenktafel für den Künstler anbringen lassen. Foto:  Steindy (talk) / Wikimedia CC BY-SA 3.0
Udo Jürgens Weltkarriere begann im Klagenfurter Tanzcafé Lerch - doch dort will sein Bruder keine Gedenktafel für den Künstler anbringen lassen.
Foto: Steindy (talk) / Wikimedia CC BY-SA 3.0
20. Dezember 2015 - 10:00

Udo Jürgens war noch nicht einmal unter der Erde, schon fanden Presseleute heraus, dass seine Weltkarriere ja eigentlich in einem Kaffeehaus begann, in dem sich Nazis trafen. Die Tageszeitung Die Presse veröffentlichte vergangenes Jahr, ausgerechnet am Heiligen Abend, einen Artikel mit dem Titel "Tanzcafé Lerch: Vom Nazi-Treffpunkt zu Udo Jürgens' Bühne". Grotesk, dass nun ausgerechnet die Klagenfurter SPÖ-Bürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz vorhat, eine Gedenktafel am Gemäuer jenes Kaffehauses anzubringen, wo der junge Unterhaltungsmusiker Udo Jürgens erste Bühnenerfahrungen sammelte und pro Stunde fünf Schilling verdiente - und das angeblich ein Nazi-Kaffeehaus war.

Mitglied der Hitlerjugend

Als in einem Fernsehbeitrag herauskam, und das verschwieg Udo Bockelmann (so der Geburtsname von Udo Jürgens) auch nie, dass er Mitglied der Hitlerjugend war, begannen die Journalisten offenbar zu graben. Sie fanden heraus, dass die Karriere des Kärntner Sängers im Klagenfurter Tanzcafé Lerch begann. In einem Lokal, das Ernst Lerch gehörte. Er soll laut Presse-Berichten zufolge ein zentraler Mann der "Aktion Reinhardt" und daher für den Tod von 50.000 Roma in Polen und der Ukraine mitverantwortlich gewesen sein. 1972 gab es deshalb einen Prozess gegen ihn. Dieser wurde nach zwei Verhandlungstagen auf unbestimmte Zeit vertagt und nie mehr aufgenommen. Als Ernst Lerch 1997 in Klagenfurt starb, tat er dies nicht als geächteter Massenmörder – sondern als der beliebte Tanzcafé-Betreiber.

SPÖ für Tafel am "Nazi"-Kaffeehaus

Das alles ist der Klagenfurter SPÖ natürlich bekannt. Dennoch gab es nun den Vorschlag der roten Bürgermeisterin Mathiaschitz, in der Wiener Straße 10, wo das Café Lerch beheimatet war, eine Gedenktafel für Udo Jürgens anzubringen. "Dieses Lokal ist untrennbar mit dem Karrierestart des Künstlers verbunden", sagt Abteilungsleiter Arnulf Rainer gegenüber dem Kurier. Mathiaschitz ergänzte: "Im Kulturausschuss gab es keinerlei andere Vorschläge. Es gibt diesen Bezug zwischen dem Tanzcafé und Udo Jürgens."

Manfred Bockelmann, der Bruder von Udo Jürgens, lehnt eine Erinnerungstafel auf dem Gebäude des ehemaligen Café Lerch allerdings dizidiert ab, berichtet der Kurier. "Udo hatte keine Ahnung, wer Lerch war, daher will man ihn aus diesem Kontext heraushalten," wird Peter Gstättner, ein Freund der Familie, zitiert. Die Tafel soll nun - und das wäre mit Manfred Bockelmann akkordiert - am Klagenfurter Konservatorium angebracht werden, wo Udo Jürgens gelernt hat.

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