„Der Henker von Wien“: Eine hautnahe Zeitreise ins multikriminelle Wien des Kriegsjahres 1916

Im mittlerweile fünften Fall für (Ober-)Inspector Joseph Maria Nechyba taucht Autor Gerhard Loibelsberger tief ein in das Wien des Jahres 1916. Das dritte Kriegsjahr im Ersten Weltkrieg, in dem der österreichische Ministerpräsident Karl Graf Stürgkh (ein Vorfahre unserer heutigen Opernball-Lady DesiréeTreichl-Stürgkh) von einem Attentäter ermordet wird, im November Kaiser Franz Joseph I. stirbt und in dem das gemeine Volk zunehmend hungert und friert, während Adel, Kriegsgewinnler und hohe Militärs im Überfluss schwelgen.

Die Zwei-Millionen-Stadt Wien hungert und friert

Wien hat 1916 mehr als zwei Millionen Einwohner, darunter viel Militär, aber auch unzählige Verwundete, „Bettgeher“, Taglöhner oder Frauen, deren Männer an der Front dienen und die ihre Kinder alleine durchfüttern müssen. Der Schleichhandel blüht, und wer noch halbwegs leben will, muss selbst für einfache Dinge wie Brot, Butter oder Kohlen Phantasiepreise zahlen. Oder sich mit Lebensmittelkarten nächtens stundenlang in der Eiseskälte vor den Geschäften anstellen – ohne Erfolgsgarantie.

Mitten in diesem Schreckens-Szenario passieren plötzlich grausame Morde, die alle die gleiche Handschrift tragen: Die Opfer werden mit einem perfekten Henkersknoten aufgeknüpft. Wie sich später herausstellt, sind es allesamt korrupte Mitarbeiter der Bahn oder städtischer Lebensmittelversorger. Es scheint gar so, dass sich hier ein besonders gewiefter Schleichhändler, genannt „die Quelle“, skrupellos eine Monopolstellung erkämpfen will. Denn auch Konkurrenz am Schwarzmarkt wird mittels Erhängens oder Zutode-Schleifens am Strick eliminiert.

Kriegsrecht: Militär als Konkurrenz zur Polizei

Da einige Spuren zum allmächtigen und allgegenwärtigen Militär führen, bekommt der mittlerweile zum Oberinspector avancierte Nechyba einen hohen Offizier der Feldgendarmerie für seine Ermittlungen zur Seite gestellt. Der präsentiert ihm auch alsbald einen angeblich geständigen „Henker“ – der allerdings kurz nach dem Geständnis Selbstmord verübt und nicht mehr von Nechyba vernommen werden kann.

Dem erfahrenen Krimineser kommt das nicht ganz geheuer vor – und er landet bei seinen Recherchen letztlich selbst am Galgen des noch immer sehr lebendigen „Henkers von Wien“.

Wer Cognac statt Weinbrand sagt, gilt als Landesverräter

Autor Loibelsberger gelingt es wieder einmal, die bedrückende Atmosphäre des hungernden, von Einwanderern überfüllten, von Polizei-Spitzeln durchsetzen und von Kriegsgewinnlern und Gaunern ausgebeuteten Wien in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einzufangen.

Wer etwa im Kaffehaus einen Cognac bestellt, wird denunziert und wegen Landesverrats eingesperrt. Das bisher sprachlich stark präsente Französisch ist nämlich durch den Entente-Kriegsgegner Frankreich auf einmal „feindlich“. Wer nicht rasch von Cognac auf Weinbrand umstellt, bekommt große Schwierigkeiten.

Romanfiguren treffen auf historische Persönlichkeiten

Loibelsberger schickt den Leser auf eine veritable Zeitreise und vermischt real Existentes mit Fiktion. Wir treffen auf Plätze und Lokale wie das Café Landtmann, das Sperl oder das Gasthaus „Zur Goldenen Glocke“ auf der Wieden, die noch heute existieren – nur, dass es im Jahr 1916 dort nur noch mäßig beliebten Zichorien-Kaffee und fleischlose Menüs gab. Es sei denn, man hatte ausreichend Geld für Schwarzmarkt-Ware, die im Keller lagerte und im Hinterzimmer serviert wurde. Wir treffen genauso auf zahlreiche historische Persönlichkeiten von Kaiser Franz Joseph I. abwärts, zwischen denen sich Romanfiguren wie Nechyba & Co. bewegen.

Unterhaltsamer Sprachkurs in Alt-Wiener Dialekt

Abgesehen von der spannenden Kriminal-Geschichte ist der fünfte Nechyba auch wieder ein Genuss in Sachen Sprache und Wiener Dialekt der damaligen Zeit, dessen Eigenheiten mittels Fußnoten und Register auch für Nicht-Wiener „übersetzt“ werden.

Daneben finden sich – wie üblich – auch durchaus nachvollziehbare, zeitgenössische Kochrezepte von Nechybas Gattin Aurelia, ihres Zeichens virtuose Köchin im Haushalt der Hofratsfamilie Schmerda. Dass deren Verpflegung, ebenso wie die Hausmannskost im Hause Nechyba, nur unter massiver Zuhilfenahme des Schleichhandels, ja sogar der verbrecherischen „Quelle“, erfolgen kann, ist nur eines der schlimmen Erkenntnisse des Oberinspectors Nechyba in diesem Buch.

Gerhard Loibelsberger: Der Henker von Wien.
Das Buch kann zum Preis von € 13,40 über buecherquelle.at bezogen werden.

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