Die Umstände, die ursächlich für einen Kampfjetabsturz in Venezuela sind, konnten bis heute nicht geklärt werden.

Foto: Bild: Dmitry Terekhov / flickr.com (CC BY-SA 2.0)
Absturz eines venezolanischen Kampfjets bleibt ein Mysterium

Am 18. September 2015 stürzte ein Kampfjet der Bolivarischen Luftwaffe Venezuelas in Grenznähe zu Kolumbien ab. Die Umstände, die ursächlich für diesen Absturz sind, konnten bis heute nicht abschließend geklärt werden. Somit bietet das Desaster, bei dem zwei venezolanische Offiziere den Tod fanden, Anlass zu diversen Deutungen und Erklärungsversuchen. Es könnte in die wechselseitige Geschichte der Nachbarn Venezuela und Kolumbien eingehen als mysteriöses Ereignis, tragisch für die betroffenen Menschen auf beiden Seiten der Grenze.

Gastbeitrag von Michael Johnschwager

Venezuelas Luftwaffe ist seit 2006 mit ultramodernen russischen Kampfjets des Typs Sukhoi 30 MK2 ausgerüstet, die der sogenannten vierten Generation zugeordnet werden. Auslöser für den Einsatz der Bolivarischen Luftwaffe war die Nachricht, dass ein Flugzeug aus Richtung Kolumbien in den venezolanischen Luftraum eingedrungen sei. Dort unterhält die Drogenmafia klandestine Landepisten. Als Abfangjäger stiegen zwei Su-30 von der Basis Manuel Ríos (Guárico) auf. Dabei übernahm die später in Bodennähe abgestürzte Maschine die Funktion des Leitflugzeugs. Möglicherweise wurde der Pilot von Leuchtraketen geblendet. Außerdem ist ein schwerer Kampfjet in Bodennähe nur eingeschränkt manövrierfähig, eine halsbrecherische Aktion. Den Verantwortlichen auf der Luftwaffenbasis wiederum öffnet sich nur ein extrem kleines Zeitfenster, um exakt bestimmen zu können, dass es sich um ein Narcoflugzeug handelt. Die zu bekämpfen eignen sich in erster Linie Kampfflugzeuge vom Typ Bronco Ov10, oder bewaffnete Tucanos.

Bei dem Eindringling handelt es sich um ein Kleinflugzeug mit Propellerantrieb. Diese Kategorie fliegt in einem wesentlich niedrigeren Geschwindigkeitsbereich als strahlengetriebene Flugzeuge. Um ein derart langsam fliegendes Flugzeug abzufangen, muss der Kampfpilot die Geschwindigkeit seines Jets drastisch reduzieren. Dazu bedarf es eines eher waghalsigen Manövers: Er fährt Landeklappen und Fahrwerk aus und bringt damit seine Kampfmaschine in einen Flugzustand wie bei einem Landeanflug.

Was war der tatsächliche Grund des Absturzes?

Auch ein halbes Jahr nach der Katastrophe kursiert hartnäckig eine Version, die den Absturz in einem ganz anderen Kontext ansiedelt. Der Zwischenfall ereignete sich auf venezolanischem Territorium nahe der Grenze zu Kolumbien exakt fünf Tage bevor in Havanna ein Friedensabkommen formuliert werden sollte zwischen den Unterhändlern des kolumbianischen Staatspräsidenten Juan Manuel Santos und den FARC-Aufständischen. Deren Führungsspitze soll sich Mitte September 2015 just in der besagten Region aufgehalten haben. Nicht gänzlich auszuschließen ist, dass Angehörige eines besonders militanten FARC-Ablegers, der Teile des östlichen Kolumbiens (Llanos Orientales, Grenzregion zu Venezuela) dominiert, nicht davor zurückschreckten, die Vorbereitung zur Unterzeichnung des Friedenspaktes gewaltsam zu vereiteln. Aus ihrer Sicht in Zugzwang geraten, könnten sie den verhängnisvollen Versuch unternommen haben, in letzter Minute die langersehnte Befriedung Kolumbiens zu konterkarieren. Ausgestattet mit Boden/Luft-Missiles vom Typ IGLA sind die logistischen Voraussetzungen gegeben, in einer Art verdeckter Kommandoaktion ein Flugzeug in niedriger Höhe abzuschießen. Mutmaßlich an Bord: Ein zum endgültigen Frieden entschlossener FARC-Führungskader auf seinem Weg in Richtung Kuba. Im Gepäck konkrete Pläne zur Beilegung eines 60 Jahre andauernden gravierenden internen Konflikts (offener, teils latent geführter Bürgerkrieg), dem vorsichtigen Schätzungen zufolge mehr als 200.000 Menschen zum Opfer gefallen sind.

Michael Johnschwager, 1949 in Hamburg geboren, war als Außenhandelskaufmann von 1980 bis 1990 in Kolumbien, Venezuela und Honduras privatwirtschaftlich, sowie in Entwicklungsprojekten in Costa Rica in beratender Funktion im Einsatz. Seit 2004 ist Johnschwager als fremdsprachlicher Dozent und Autor mit Schwerpunkt Lateinamerika freiberuflich tätig.

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