Trotz einer bedrohlich in die Bredouille geratenen Wirtschaft kann Venezuela auf eine Reihe bemerkenswerter Errungenschaften verweisen.

Foto: Bild: Drew Geraets / flickr.com (CC BY-NC 2.0)
Venezuela – die unerwähnte Erfolgsbilanz neben dem Billig-Erdöl-Schock

Venezuelas Wirtschaft sieht sich mit immensen Problemen konfrontiert. Venezuela generiert 96 Prozent seiner Exporterlöse aus der Erdölförderung, was die Abhängigkeit vom schwarzen Gold verdeutlicht. Die staatliche Petroleos de Venezuela S.A. (PDVSA) ist mit Abstand der bedeutendste Arbeitgeber. Das Land mit dem weltweit größten Erdölvorkommen treffen die immens geschrumpften Einnahmen aus der Erdölförderung hart. Die Inflationsrate lag im vergangenen Jahr bei ca. 160 Prozent! Versorgungsengpässe werden offensichtlich durch lange Schlangen vor den Supermärkten. Der erdrutschartige Wahlsieg  im Dezember 2015 verschafft dem Oppositionsbündnis nun die erforderliche Dreifünftel-Mehrheit, um ein Referendum durchzuführen. Dann soll Volkes Stimme über die Fortführung des Mandats seines Präsidenten Nicolás Maduro entscheiden.

Gastbeitrag von Michael Johnschwager

Trotz einer bedrohlich in die Bredouille geratenen Wirtschaft kann die sozialistische Regierung des Chávez-Wunschnachfolgers Nicolás Maduro auf eine Reihe bemerkenswerter Errungenschaften verweisen. Sozialpolitik fand vor der Machtübernahme der Sozialisten 1999 praktisch nicht statt. Daraus resultiert ein gewaltiger Nachholbedarf. Aber nicht nur die Wünsche der armen Bevölkerungsschicht werden bedient. Die Autofahrer in Caracas profitieren von einer spürbaren Verbesserung des innerstädtischen Verkehrsflusses. Ein agiler Minister für Infrastruktur treibt den Ausbau durch die Verbreiterung der innerstädtischen Autobahn Francisco Fajardo vehement voran. Dazu werden im Eiltempo – die Arbeiten daran ruhen auch nicht an Sonntagen – in den parallel zur Stadtautobahn verlaufenden Fluss Rio Guaire Pfeiler gerammt.

Weltmeister im sozialen Wohnbau

Den dringend benötigten Wohnraum für die sozial Benachteiligten forciert bereitzustellen, haben sich die regierenden Sozialisten als eines ihrer vordringlichen Ziele auf die Fahne geheftet. Mit Unterstützung des „Grán Misión Vivienda Venezuela“ (GMVV) = Große Mission Wohnraum Venezuela, genannten Förderungsprogramms haben bereits tausende Familien großzügig geschnittene Apartamentos bezogen. Hier sind es vor allem chinesische Baukonzerne, die ein atemberaubendes Tempo vorgelegt haben, neue Gebäude aus dem Boden zu stampfen, häufig in den Farben der venezolanischen Trikolore. Die Vorgaben des ambitionierten Projekts sprechen für sich: im Distrikt Caracas 47.896. Spitzenreiter ist der Bundesstaat Zulia am Maracaibo-See (Ölförderung) mit 64.660 neuen Wohnungen. Insgesamt sind es etwas über eine halbe Million. Damit rangiert Venezuela weltweit an vorderster Front im sozialen Wohnungsbau.

Die Menschen in den neuen Quartieren erwerben die von ihnen bewohnte Immobilie käuflich. Die Finanzierung erfolgt zu moderaten Bedingungen, die es den neuen Besitzern erlauben, den Kredit in erschwinglichen Raten abzulösen.

Job-Offensive für Behinderte

Ein Programm berücksichtigt auch die absoluten Schlusslichter der venezolanischen Gesellschaft, geistig und körperlich Behinderte (Minusválidos). Unternehmen wurden per Gesetz (Ley Orgánica) auf eine Quote verpflichtet, diesem Personenkreis eine Partizipation in der Wirtschaft zu ermöglichen. So bewerben sich Menschen mit Down-Syndrom erfolgreich um einen Job im Servicebereich, etwa der Gastronomie.

Preistreibern droht Schließung ihrer Geschäfte

Last not least hat Maduros Wirtschaftsressort einem Mißstand den Kampf angesagt, der wohl jeden Konsumenten betrifft: der weitverbreiteten Unart zahlreicher Einzelhändler, dem Käufer überhöhte Preise abzuverlangen. Eine speziell dafür abgestellte Taskforce für gerechte Preise (Superintendencia de Precios Justos) wirft ein wachsames Auge auf die Einhaltung der Preise. Vor der Behörde ist eine kleine Motorradflotte geparkt. Verstöße ahndet ein mobiles Duo:  Ein Staatsanwalt schwingt sich auf den Rücksitz eines dieser Motorräder. Er ist berechtigt, Sanktionen per sofort zu verhängen. Diese sind abhängig jeweils von der Schwere des Vergehens bei Berücksichtigung des wirtschaftlichen Hintergrundes des Preissünders. Auf Dauer Uneinsichtigen oder hartnäckigen Verweigerern, die Regeln zum Schutz des Verbrauchers zu respektieren, droht die Schließung ihres Geschäfts von Amts wegen. Eine Maßnahme, von der alle Venezolaner profitieren, schichtenübergreifend.

Aber nicht nur Einzelhändler, auch Gastronomen wurden verpflichtet, auf gut einsehbar angebrachten Tafeln die zu entrichtenden Preise für ihre Produkte oder Dienstleistungen auszuweisen. Die Regelung erstreckt sich auch auf Konsultationen und Behandlungen in Arztpraxen.

Mit den Programmen zur Förderung eigenen Wohnraums, des forcierten Ausbaus der Verkehrsinfrastruktur, der Inklusion Behinderter sowie der Transparenz im Angebot von Waren und Dienstleistungen hat die sozialistische Regierung während der letzten 17 Jahre Standards gesetzt. Davon hat die Bevölkerung insgesamt profitiert. „Wir sind keine Bedrohung. Wir sind eine Hoffnung!“  So artikulierten die Venezolaner ihre Eigenwahrnehmung als Reaktion auf die angespannte Lage mit den USA. Als Adressaten dürfen sich ebenso Oligarchen und Eliten des Landes angesprochen fühlen. Fortan werden Regierungen, ungeachtet ihrer Zusammensetzung und politischen Ausrichtung, auch daran gemessen, diese hart erkämpften und lange überfälligen sozialen Standards zu übernehmen, festzuschreiben und mit den beteiligten gesellschaftlichen Sektoren kontinuierlich voranzutreiben.

Michael Johnschwager, 1949 in Hamburg geboren, war als Außenhandelskaufmann von 1980 bis 1990 in Kolumbien, Venezuela und Honduras privatwirtschaftlich, sowie in Entwicklungsprojekten in Costa Rica in beratender Funktion im Einsatz. Seit 2004 ist Johnschwager als fremdsprachlicher Dozent und Autor mit Schwerpunkt Lateinamerika freiberuflich tätig.

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