Warum Van der Bellen auf verlorenem Posten steht

Wenn Van der Bellen die Gräben zu den Wählern Norbert Hofers zuschütten will, reicht es nicht, die Diskussion darüber einzustellen. Foto: FPÖ
Wenn Van der Bellen die Gräben zu den Wählern Norbert Hofers zuschütten will, reicht es nicht, die Diskussion darüber einzustellen.
Foto: FPÖ

"die Gräben oder, sagen wir besser, die gravierenden Unstimmigkeiten zuzuschütten" - derstandard.at/2000037515950/Van-der-Bellen-wird-Praesident-31-026-Stimmen-vor-Norbert"die Gräben oder, sagen wir besser, die gravierenden Unstimmigkeiten zuzuschütten" - derstandard.at/2000037515950/Van-der-Bellen-wird-Praesident-31-026-Stimmen-vor-Norbert"die Gräben oder, sagen wir besser, die gravierenden Unstimmigkeiten zuzuschütten" - derstandard.at/2000037515950/Van-der-Bellen-wird-Praesident-31-026-Stimmen-vor-Norbert"die Gräben oder, sagen wir besser, die gravierenden Unstimmigkeiten zuzuschütten" - derstandard.at/2000037515950/Van-der-Bellen-wird-Praesident-31-026-Stimmen-vor-Norbert"die Gräben oder, sagen wir besser, die gravierenden Unstimmigkeiten zuzuschütten" - derstandard.at/2000037515950/Van-der-Bellen-wird-Praesident-31-026-Stimmen-vor-Norbert"die Gräben oder, sagen wir besser, die gravierenden Unstimmigkeiten zuzuschütten". - derstandard.at/2000037515950/Van-der-Bellen-wird-Praesident-31-026-Stimmen-vor-Norbert"die Gräben oder, sagen wir besser, die gravierenden Unstimmigkeiten zuzuschütten". - derstandard.at/2000037515950/Van-der-Bellen-wird-Praesident-31-026-Stimmen-vor-Norbert"die Gräben oder, sagen wir besser, die gravierenden Unstimmigkeiten zuzuschütten". - derstandard.at/2000037515950/Van-der-Bellen-wird-Praesident-31-026-Stimmen-vor-NorbertvvvEin winziger Tropfen hat noch gefehlt. Dennoch wird niemand mehr das Fass vor dem Überlaufen bewahren können. Man täusche sich auch nicht über all das unvermeidliche salbungsvolle Gerede, das nun allerorts zu hören ist: "Grüne wollen jetzt Brücken über Gräben bauen", Van der Bellen wolle "Gräben wieder zuschütten" oder "die aufgerissenen Gräben, von denen viel die Rede war, nicht dramatisieren" und auch Noch-Präsident Heinz Fischer, der gewiss schmerzlich vermisst werden wird, hat ein paar Tips für seinen Nachfolger parat: seine Aufgabe sei vor allem, "die Gräben oder, sagen wir besser, die gravierenden Unstimmigkeiten zuzuschütten."

Kommentar von Martin Lichtmesz

Damit ist wohl vor allem gemeint, dass, sagen wir noch besser, von Van der Bellen erwartet wird, nun wieder all den Dreck unter den Teppich zu kehren, den seine Vorgänger produziert haben, und sozusagen die Schützengräben der Widerständler und Protestler wieder zuzuschütten. All dies ist im Grunde ein Betteln des Establishments, doch endlich wieder Frieden zu machen, damit alles beim alten bleibe und man so weiter wurschteln könne wie bisher.

Auch Bundeskanzler Kern gibt sich als generöser Brückenbauer und versichert den Wählern Norbert Hofers, man habe an der Regierungsspitze "den Protest verstanden":

„An einem Tag wie heute gibt es einen Wahlgewinner. Wir müssen aber gemeinsam Sorge tragen, dass sich kein Wähler als Verlierer fühlt“, sagt Kern. An alle, die ihre Stimme aus Protest abgegeben hätten, meint Kern: „Wir haben verstanden.“

Die „Botschaft dieser Wahl“ sei angekommen, findet auch Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP). „Ich möchte auch Norbert Hofer meinen Respekt aussprechen – und jenen fast 50 Prozent, die ihn gewählt haben.“ Es gab eine „gewisse Polarisierung“ im Wahlkampf. Jetzt müsse man „das Gemeinsame vor das Trennende stellen“. Denn: „Es geht nicht darum, ob man die Wahl für richtig oder falsch hält. Es geht um unser Österreich.“

Gut geschmeichelt und geschnurrt, Säbelzahntiger, aber eben weil es "um unser Österreich geht" darf er sich kaum erwarten, dass nun Ruhe im Karton einziehen wird und das halbe Land Frieden mit ihm und seiner Kaste machen wird. Es reicht nicht aus, nun den "guten Polizisten" zu spielen und den Hofer-Wählern, die sonst eher Verunglimpfung und Beschimpfungen gewohnt sind, verbalen Balsam auszuhändigen, und im Gegenzug zu erwarten, dass "die gravierenden Unstimmigkeiten" im Handumdrehen wieder geglättet werden.

Es müssen jetzt Taten folgen

All diesen schönen Worten müssen Taten folgen, insbesondere in der "Asylpolitik", die das ausschlaggebende, einmal explizite, ein anderer mal implizite Thema des Wahlkampfes war, auf der Seite der Kandidaten ebenso wie der Wähler. Andernfalls kann die gerade noch gerettete, auf einem wackeligen Kartenhaus sitzende Macht-Elite die Sache mit den "zugeschütteten Gräben" vergessen. Vor allem sollten sie unablässig daran erinnert werden, wer diese Gräben eigentlich ausgehoben hat und seit Jahr und Tag mit Wühlarbeit beschäftigt ist. In dieser Hinsicht hat man am Sonntag einen Oberbock zum Gärtner gemacht. Wenn sie davon reden, diese Gräben "zuzuschütten", meinen sie im Grunde nichts anderes, als dass das werte Wahlvolk bitteschön das Murren einstellen und aufhören soll, weiter davon zu reden. Nicht die Gräben sollen "zugeschüttet", sondern die Debatte darüber. Das Problem soll also auf klassisch österreichische Art des Verdrängens und Verschweigens entsorgt werden. Aber das wird nicht passieren, erst recht nicht, wenn die Machthaber fortfahren wie bisher.

Sie sind blind dafür, dass es ihre eigene Einwanderungs-, Asyl-, Europa- und Gesellschaftspolitik war, die das Land fragmentiert, gespaltet, seine Einheit und Souveränität unterminiert, seine kulturellen Grundlagen zerstört, seinen Wohlstand gefährdet und es nun an den Rand einer dramatischen 50:50-Spaltung gebracht hat, die durch die Präsidentschaft eines wendehalsigen, demagogischen Alt-Grünen als letztes Aufgebot der Politik von gestern eher sichtbar gemacht wie eine Eiterbeule als "zugeschüttet" wird.

"Hofer verhindern" als Wahlprogramm

Ein Mann, der zu einem erheblichen Teil weniger um seiner selbst willen gewählt worden ist, sondern als kleineres Übel, "um Hofer zu verhindern". Das ist der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Kandidaten und ihren 50 Prozent: Die meisten, die Hofer gewählt haben, haben auch Hofer gewählt. Auf der Van der Bellen-Seite steht dann eher ein Fleckerlteppich, den unterschiedliche Interessen und Motive treiben, von rotschwarzen Systemlingen, die keinerlei Veränderung wollen, obwohl ihnen die Macht längst entgleitet, über Luftblasenbewohner wie die berüchtigten urbanen Bobos über linksradikale Anhänger der angeblich "bunten" Gesellschaft bis hin zu bestimmten Typen von eingebürgerten Migrationshintergründlern, die alles andere als grün sind, aber darauf setzen, dass unter Van der Bellen die Islamisierung des Landes ungestört weiterlaufen kann.

Durchbruch zum Greifen nah

Dass Hofers Präsidentschaft und damit auch ein beinahe revolutionärer Durchbruch zum Greifen nah zu sein schein, nur um ein weiteres Mal mit einem Korken aus der altbekannten Menagerie zugestopft zu werden, hat natürlich ein erhebliches Enttäuschungs- und damit Zornpotenzial geschaffen, das nicht so schnell verpuffen, sondern sich eher in Gewitterwolken sammeln wird. Die Wahlsieger täten jetzt gut daran, ihren Sieg den Verlierern nicht allzu triumphalistisch unter die Nase zu reiben. Indes ist das Aufatmen in den überwiegend rot-grünen Medien nicht zu überhören - eben jene Medien, die hauptsächlich dafür zuständig sind, ein virtuelles "Wir"-Gefühl zu erzeugen, wobei der "FPÖ-Wähler" in der Regel stets als der unheimliche, verwerfliche, suspekte "Andere" fungiert, der eigentlich nicht zur Gemeinschaft der Guten, Menschlichen, Aufgeklärten und Richtigdenkenden gehört. Eine der wenigen, aber immerhin ziemlich gewichtigen Ausnahmen ist die alte nationale Institution Kronen Zeitung, die sich weiterhin angestrengt bemüht, paritätisch zu bleiben, und weder die Hofer- noch die Van der Bellen-Wähler zu vergraulen - ein Spagat, der immer größer wird und allmählich eine gewisse Komik mit sich bringt.

Mit 50 % Hofer-Wählern bei einer sehr großen Wahlbeteiligung wird es in Zukunft unmöglich sein, wie selbstverständlich vorauszusetzen, dass der rotgrüne Konsens und die Gutmenschendenke für alle gleichermaßen gültig sind. Man kann nicht die Hälfte des Landes marginalisieren, sozial ächten oder von den Debatten ausschließen. Schon heisst es wieder einmal gönnerhaft, man müsse und werde "die Ängste der Menschen ernst nehmen", aber vielleicht sollte uns die Meinung dieser Leute immer weniger interessieren. Wer sagt, dass sie noch ernstzunehmen sind? Was für Ängste treiben sie an? Tatsache ist, dass sich immer mehr Menschen nicht mehr vom "Wir" der Medien und des politischen Establishments repräsentiert fühlen, erst recht, wenn nun allgemeines Aufatmen über den Wahlsieg Van der Bellens auf der vorgeschriebenen Tagesordnung steht.

Bis hierher lief's noch ganz gut...

Diejenigen, die sich jetzt übermäßig über Van der Bellen freuen und in letzter Sekunde gerettet glauben wie von der Kavallerie im Western, verhalten sich äußerst kurzsichtig, und sie sind geradezu blind, was die wesentlichen Probleme betrifft. Sie gleichen dem Mann, der von einem Hochhaus fällt, und bei jedem Stockwerk, an dem er vorbeikommt, um sich zu beruhigen, sagt: "Bis hierher lief's noch ganz gut... bis hierher lief's noch ganz gut..." Van der Bellen hat seinen Wahlsieg paradoxerweise den Blauen zu verdanken, und diese wiederum ihre Wahlsiege den Folgen der Politik jenes Machtkartells, in das Van der Bellen fest integriert ist, wie er ja selbst nicht müde wird zu betonen, wenn er etwa hervorhebt, wie viel Ansehen er in "Europa" im Gegensatz zu seinem Herausforderer genieße.

Das ganze Geharfe über die "Gräben", die man nun zuschütten müsse, ist vergeblich, solange die Regierung nicht entweder die FPÖ zum Zuge kommen lässt oder zumindest einige ihrer wesentlichen Positionen übernimmt und in Taten umsetzt. Das aber wird ein Dinosaurier wie Van der Bellen, der so spricht und handelt (und auch so aussieht), als dürfe nach ihm getrost die Sintflut kommen, kaum zulassen. So gesehen ist er am Ende doch der passende Repräsentant, der ideale Präsident für das kommende eskalierende Desaster.

Aus diesem Grund ging es bei dieser Wahl um mehr als die übliche langweilige Frage, ob der Präsident nun eine schwarze oder eine rote Krawatte tragen soll. Das haben wohl auch die Wähler gespürt, weshalb die Wahlbeteiligung sehr hoch war. Es macht keinen Spaß, ständig ein Spiel zu spielen, bei dem man nicht gewinnen kann. Wahlen in Österreich hatten schon allzu lange den Charakter einer rituellen Beglaubigung des Status Quo. Wozu noch zur Wahl gehen, wenn das eigene kleine Stimmchen am Ende ohnehin nichts am Lauf der Maschinerie verändern kann? Zum ersten Mal seit langem schien es so, als ginge es endlich wieder um etwas ganz Substantielles, um einen Grundkonsens über die Existenz unserer Nation, und endlich hatte auch der Durchschnittswähler wieder das Gefühl, seine Stimme könne etwas erreichen.

Wer steht heute zur österreichischen Nation?

In den guten alten Zeiten der rot-schwarzen Hegemonie, noch vor, sagen wir dreißig Jahren, gab es diesen selbstverständlichen nationalen Grundkonsens, der ironischerweise vor allem seitens der FPÖ in Frage gestellt wurde, deren deutschnationaler Flügel die österreichische Nation als eher vorläufige Angelegenheit betrachtete (noch Jörg Haider sprach berüchtigterweise von einer "ideologischen Mißgeburt"). Heute scheint der schwarzrotgrüne Parteienblock ein eher loses Verhältnis zur österreichischen Nation zu haben, hängt er doch über weite Strecken an der Strippe der Eurokraten von Brüssel, die, wie sie ganz offen sagen, letztlich eine globalistische Agenda vertreten und die europäischen Nationalstaaten mitsamt ihrer Völker aufzulösen trachten.

Um ein Bild zu benutzen: Anno Kreisky oder Waldheim hat man noch nicht in Frage gestellt, dass das Schiff seetüchtig, flott, wasserdicht und souverän bleiben soll (die ganze, eher affektive Debatte um die "Neutralität" hatte viel damit zu tun). Heute diskutiert man darüber, ob es nicht doch besser ist, Lecks in seinen Boden zu schlagen, oder ob Wasser bereichernd ist oder man es besser umverteilen soll oder ob feste Planken "ausgrenzen" und daher diskriminierend sind oder gar ob das Meer überhaupt existiert oder ob das Schiff überhaupt existiert.

Vor dreißig oder auch noch zwanzig Jahren war es für den Durchschnittswähler nicht besonders schwer hinzunehmen, wenn ein Kandidat einer anderen Partei als der eigenen Kanzler oder Präsident wurde, sei es ein Roter oder ein Schwarzer. Es gab auch Zeiten, da zählten integere Persönlichkeiten mehr als Parteien, aber seit es mit der Integrität und der Persönlichkeit der Politiker bergab geht, treten sie zunehmend als bloße Repräsentanten ihrer Parteien auf. 

Von der Realität abgekoppelt

Das alles ist heute grundlegend anders. Man kann einen Mann wie Van der Bellen nicht einfach sportlich hinnehmen, und so tun, als könnte er unseren Schirmherr und Landesvater spielen, weil er für die Negation all dessen steht, was offenbar nunmehr 50% der Österreicher als die Grundlagen ihrer nationalen Existenz erkannt haben. Oder konkreter und entschiedener: Österreich teilt sich heute in jene, die begriffen haben, ob intuitiv oder analytisch, was die Grundlagen unserer Existenz sind, und jene, die es nicht begriffen haben.

Hier liegt auch der wesentliche Unterschied zwischen den Bildern, die die Hofer- und Van der Bellen-Wähler jeweils voneinander haben: Ich denke, wir Hofer-Wähler halten nur einen kleinen Bruchteil der Unterstützer oder Anhänger Van der Bellens für ernsthaft bösartig oder korrupt. Der weitaus größte Teil hat sich von der Realität abgekoppelt und ist außerstande, die Tragweite der Politik zu erkennen, für die Van der Bellen steht. Ganze Knäuel aus Affekten, irrationalen Ängsten, Fluchtreflexen, Selbstbilderhaltungstrieben und Klassen- wie Kasteninteressen verstellen ihnen den Blick. Sie kennen keine Solidarität mehr mit den ökonomisch schlechtergestellten Schichten im Lande, und stecken den Kopf in den Sand vor den Kollateralschäden des Multikulturalismus.

Viele sind so verwirrt, dass sie allen Ernstes auf Van der Bellens heuchlerische, auf patriotische Gefühle appellierende Wahlkampagne hereingefallen sind. Sie wollen alles gleichzeitig haben: ihr kuscheliges Wohlstands-, Wald-, Feld- und Almwiesen-Österreich und offene Grenzen, verschwiegene Gräben, konfliktfreie "Weltoffenheit", "Refugees-Welcome"-Rausch und das Gefühl, ein "guter", "toleranter" etc. Mensch zu sein. Dafür reagieren sie immer gereizter auf alle, die es wagen, ihre Illusionen in Frage zu stellen oder sie auf bestimmte Fakten hinzuweisen.

Verzerrtes Bild von Hofer und seinen Wählern

Da die Hofer- und Van der Bellen-Wähler nicht isoliert voneinander leben können, auch wenn sie sich in diversen mal mehr, mal weniger abgedichteten Milieus sammeln, wissen wir Hofer-Wähler zumindest eines ganz genau: dass diejenigen, die sich vor Hofer gefürchtet haben, ein grotesk verzerrtes Bild sowohl von ihm selbst und wofür er steht, als auch von uns, seinen Wählern, haben. Hier ist die Saat der Anti-Hofer-Angstmache der Medien voll aufgegangen: wenn man von "kruden" oder "diffusen" Ängsten reden kann, dann angesichts all der vor allem bürgerlich-linken Schichten, die einen bizarren Nazi-Film im Kopf laufen haben, und allen Ernstes Angst davor hatten, mit einem Präsidenten Hofer würde schlagartig das Dritte Reich 2.0 anbrechen, inklusive Dirndlzwang und Parkbanksbenutzungsverbot für Türken.

In dieser Hinsicht wurden mir von Betroffenen die absurdesten Geschichten erzählt. Normale Menschen beginnen sich wie Borat gegenüber dem kippatragenden Interviewer zu verkrampfen, so bald sich ein Freund oder Bekannter als Hofer-Unterstützer zu erkennen gibt. Dann werden Diskussionen abgebrochen, Dialoge verweigert, wilde Spekulationen angestellt, Anklagen erhoben, Freundschaften gekündigt oder im schlimmsten Fall regelrechte Mobbings losgetreten. Sie haben geradezu Angst, die Argumente des Anderen zu hören, und wenn, dann werden sie zuverlässig verdreht, verzerrt und kreativ uminterpretiert, je nachdem, welcher Filter gerade eingestellt ist. Am Ende sieht man sich von Armeen von Strohmännern umzingelt und wird genötigt, sich für Dinge zu rechtfertigen, die man nie behauptet hat. Derartige Erlebnisse hat wohl schon jeder gehabt, dessen Überzeugungen jenseits des rotgrünen Trampelpfads angesiedelt sind. Täglich machen nun mehr Leute diese Erfahrung, und auch das entfesselt eine Dynamik, die Folgen haben wird.

"Sieg der Menschlichkeit, Weltoffenheit und Toleranz" wird verkündet

Die Angst dieser Leute scheint oft aufrichtig zu sein, und häufig argumentieren sie mit denselben Worten wie jene, die etwa einen Stopp der bisherigen Asylpolitik fordern: dass sie Angst um ihre Kinder haben, deren Zukunft gefährdet sehen, nicht mehr guten Gewissens zusehen können etc.- allerdings aus genau entgegengesetzten Gründen. Sie gestehen uns allerdings nicht zu, dass unsere Ängste genauso legitim sein könnten. Sie vermuten, dass stattdessen sinistre mentale Viren am Werk sind oder eine seltsame Krankheit namens "Rassismus", von der sie sich gänzlich frei wähnen. Nun, da Van der Bellen knapp gewonnen hat, verkünden sie einen "Sieg der Menschlichkeit, Weltoffenheit und Toleranz", wie man nun in der einen oder anderen Variante in den sozialen Netzwerken und anderswo lesen kann, und sind offenbar zum Zwecke ihrer eigenen Beruhigung der Meinung, wir Hofer-Wähler wären im Vergleich zu ihnen besonders unmenschliche, bornierte und intolerante Zeitgenossen. Sie halten alle Warnungen vor dem "Großen Austausch" und der Islamisierung des Landes für "paranoid" oder "verschwörungstheoretisch". Sie saugen aufbauschende Artikelchen auf und lassen sich von deren Schlagworten manipulieren wie Pawlow'sche Hunde. Sie glauben tatsächlich, dass "die Gefahr" von rechts droht, und sie scheinen reflexhaft auf diese Angst konditioniert zu sein. Dabei scheint es egal zu sein, was Hofer nun tatsächlich gesagt hat und was nicht. Wo jeder Maßstab verloren gegangen ist, und vor allem die Blase der eigenen Lebenslüge so groß geworden ist, ist man auch taub für Stimmen der Vernunft und fürchtet sich panisch schon vor nur moderaten Gegenpositionen zum rotgrünen Mainstream.

Soll man "ihre Ängste Ernst nehmen", um die alte herablassende Formel einmal in diese Richtung anzuwenden? Was auch immer dieses "Ernstnehmen" bedeuten mag, eines können sollten wir klipp und klar sagen: dass sie sich wie Kinder vor Gespenstern fürchten, die sie sich selbst an die Wand gemalt haben; und dass sie dies tun, weil sie außerstande sind, die tatsächlichen Gefahren, auch für ihre Kinder und für deren Zukunft, zu erkennen. Sie sind nicht unser Spiegelbild. Was sie in uns sehen, ist die Projektion ihrer eigene Ängste, auch vor sich selbst. Denn sie scheinen auch Angst vor ihrer eigenen Angst zu haben, denn tief drinnen ahnen wohl viele von ihnen, dass ihre Positionen im Grunde unhaltbar sind. Sagen wir es deutlich: Ihre "Ängste" sind weitgehend irrational, hysterisch, unbegründet, uninformiert. Unsere sind weitgehend berechtigt, rational und realistisch. 

Aufschrei wäre bei Hofer-Sieg weit heftiger ausgefallen

Die Parteigänger Hofers hatten durch diese Wahl mehr zu gewinnen als jene Van der Bellens: zuallerst nämlich ein neues gesellschaftliches Vorzeichen und eine Schwächung des sozialen Drucks, der auf allen lastet, die sich zu ihm und der Politik, für die er steht, bekennen. Endlich auf eine gültige Repräsentanz verweisen zu können, das hätte eine enorme Aufwertung bedeutet. Der Widerstand und Aufschrei der Gegenseite wäre im Fall eines Hofer-Siegs ungleich heftiger ausgefallen; dann würden die Medien jetzt die Dauersirenen anwerfen, die internationalen "shit-storms" würden herabprasseln wie Gewitter und man müßte sich auf WKR-Ball-artige Ausschreitungen gefaßt machen. Wie gesagt, der jetzige 50:50 "deadlock" kann nur vorläufig sein. Wenn Van der Bellen & Co. an ihrem bisherigen Kurs festhalten, und weiterhin versuchen werden, die Blauen auszuschließen und zu neutralisieren, wird sich die Stimmung weiterhin zu ihren Ungunsten verschieben. 

Am Montag nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse bekam ich eine Flut von Simsen und Emails aus dem Freundes- und Bekanntenskreis. Es gab viele Enttäuschte, aber auch ebenso viele Trotzige. Ein Freund meinte, sein Thymos-Pegel wäre gerade am Platzen. Da schlug ich spontan vor, uns zur Katharsis den Animationsfilm "Angry Birds" anzusehen, der dann auch unseren Abend rettete. Er hat großen Spaß gemacht, und er passt verblüffend in unsere Zeit. Ich sehe in ihm den Anti-Willkommenskulturfilm des Jahres.

"Angry Birds" als Metapher

"Angry Birds" handelt von einer Insel der Seligen voller glücklicher Vögel, die nicht mehr fliegen können und offenbar keine natürlichen Feinde mehr haben, weshalb sie ziemlich weichlich und arglos geworden sind. Eine softe, feminine Atmosphäre herrscht vor. Der cholerische und "misanthropische" (was wäre das Äquivalent? "misornithisch"?) Vogel Red ist in diesem Tralala-Land ein einzelgängerischer Outsider, der wie ähnlich asoziales Federvieh, das seine Aggressionen nicht unter Kontrolle hat, auf weichspülende "Ärgerbewältigungs"-Therapien geschickt wird. Als à la Jean Raspail ganze Schiffsladungen mit grünen(!) Schweinen auf der Insel landen, angeführt von einem "König" mit einem Salafistenbart, werden wilde "Willkommenskultur"-Parties gefeiert, die allen Beteiligten die Sinne und das Hirn verdrehen. Die Vögel ahnen nicht, dass die Schweine ihre Eier stehlen wollen; der einzige, der es rasch bemerkt, ist der gegenüber sozialem Druck unempfängliche, unsentimentale, "intolerante"  Red, der am Ende die Vögel zum Aufstand gegen die Invasoren führen wird. Er bringt ihnen bei, dass man nicht nur "nett" sein darf, man muss auch mal zornig werden, und dass man nicht jedem Fremden die Grenzen öffnen und das Vertrauen schenken darf. Am Ende zeigen die frischgeschlüpften Vögelchen, was für Tugenden sie von Red gelernt haben: "Tapferkeit!" "Bescheidenheit!" "Wütigkeit!" Am Schluss sieht man drei entschlossene blaue(!) Vögelchen der Sonne entgegen übers Meer sausen - vielleicht werden sie das Fliegen wiedererlernen.

Dieser Kinderfilm hat also eine Menge eher politisch unkorrekter Lektionen anzubieten. Tun wir also Van der Bellen nicht den Gefallen, versöhnlich zu sein und die Gräben, die er und seinesgleichen aufgerissen haben, wieder zu verdecken oder zu beschweigen. Denken wir immer daran, dass nun das halbe Land bereit für einen Wandel ist und daher imstande ist, den bisherigen sozialen Druck aufzubrechen. Jetzt liegt es an uns, zu zeigen, dass wir den bisherigen Konsens nicht mitmachen, dass wir anders denken, und dass wir uns nicht davon abschrecken lassen, mangels besserer Argumente als die bösen, menschenfeindlichen, intoleranten Vögel hingestellt zu werden, die wir nicht sind. Und bedenken wir, dass die meisten Vögel auf der anderen Seite einfach noch nicht begriffen haben, was auf sie zukommt und was für Konsequenzen Van der Bellens Politik hat. Diejenigen unter ihnen, die erreichbar sind, sollten wir zu erreichen suchen. Unterdessen können wir uns getrost darauf verlassen, daß die nächste Flutwelle gegen das Establishment dank des neuen Präsidenten noch größer werden wird.

Wollen Sie täglich per Mail über die neuesten Artikel informiert werden? Hier können Sie sich anmelden.
Gefällt Ihnen unsere Berichterstattung? Dann unterstützen Sie uns mit einer Spende:
IBAN: AT581420020010863865, BIC: EASYATW1, Unzensuriert.at
SPENDEN
Loading...
in

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.