Türken treu zu Erdogan: Neue Autobahnen und "osmanische Werte"

Erdogan schickt sein Volk für seine Machtbestrebungen auf die Straßen - und das nicht nur in der Türkei. Foto: Unzensuriert.at
Erdogan schickt sein Volk für seine Machtbestrebungen auf die Straßen - und das nicht nur in der Türkei.
Foto: Unzensuriert.at
21. Juli 2016 - 18:00

Um die aktuelle Stimmungslage unter den hier ansässigen Türken zu evaluieren, begab sich unzensuriert.at auf die Suche. Die Geschehnisse des letzten Wochenendes in der Bundeshauptstadt, als tausende Türken teils gewalttätig für Erdogan demonstrierten, sind uns hinlänglich und einprägsam in Erinnerung, doch wie sieht es in den ländlichen Regionen mit der Stimmungs- und Meinungslage aus. Im idyllischen Norden Niederösterreichs an der Grenze zur Tschechischen Republik wurden wir fündig.

Seit den siebziger Jahren, wo viele türkische Migranten auf der Suche nach gut bezahlter Arbeit zuwanderten, hat sich dort bis dato eine zahlenmäßig recht stattliche türkische Community gebildet. Anfang der Siebziger wurden die ersten Einwanderer in den Granitsteinbrüchen der Gegend als Arbeiter beschäftigt und für diese schwere Arbeit gab es guten Lohn. Heute findet man kaum noch jemanden, der seine Brötchen im Steinbruch verdient. Von Arbeitern in namhaften Straßenbauunternehmen bis hin zu grünen Gemeinderäten ist in der türkischen Gemeinschaft so ziemlich alles vertreten.

Stimmungsbilder aus dem türkischen „Szenelokal“

Auf der Suche nach bereitwilligen Gesprächspartnern am Tag nach dem Putschversuch wurden wir schließlich in einem türkischen Freizeittreff einer 3000-Seelen-Gemeinde fündig. Recht nett willkommen geheißen und auch gleich mit Kaffee versorgt, scharte sich alsbald ein Grüppchen gesprächsbereiter Türken aller Altersgruppen um uns. Abends sei das Lokal (nach guter orientalischer Sitte, Anm.) selbstredend rappelvoll und man warnt uns, dass die Debatten oftmals recht lautstark geführt würden. Auch das überrascht uns nicht wirklich, spätestens seit den Medienberichten von Wiens Straßen.

Im Großen und Ganzen herrschte unverhohlene Freude und euphorische Begeisterung ob des Scheiterns des Putsches, im Hintergrund lief das Programm des türkischen Staatsfernsehens TRT,mit Bildern begeisterter Menschenmassen aus den Großstädten der Türkei. Es sei eine wunderbare Sache, dass Erdogan den Putsch niederschlagen konnte und den Amerikanern gezeigt hätte, wo es in der Türkei lang geht, so der einhellige Tenor der Anwesenden.

Auf die Frage nach den vermeintlichen Hintermänner des gescheiterten Putsches kam wie aus einem Munde der Name Fethullah Gülen, der ja mit den Amerikanern gemeinsame Sache machen würde. Einst der, so die Anwesenden einhellig, beste Freund Erdogans, sei er eindeutig der Drahtzieher und mit Teilen des Militärs „verbandelt“. Ein wenig beschleicht uns das Gefühl, die Aussagen und Meinungen mögen wohl gesteuert sein. Die Frage ob man in der örtlichen, recht stattlichen und über drei Stockwerke reichenden Moschee denn über politische Themen diskutiere, wurde eindeutig mit zustimmendem Ja beantwortet. Seien doch alle Anwesenden, ausnahmslos fleißige „Freitagsbeter“ und auch sonst recht gerne in der hiesigen Moschee aufhältig. Bei dieser Gelegenheit werden wir auch gleich freundlichst zu einem Besuch ebendort eingeladen.

Die „Sache“ mit dem Koran

Nun wenn dem so ist, wollten wir doch gleich einmal die „Koranfestigkeit“ der Anwesenden überprüfen, um über jeden Zweifel erhaben zu sein. Auf einzelne bezifferte Suren (30, 52, 58), die sich zum Beispiel mit der Verschleierung der Frauen befassen, wusste man nicht so recht zu antworten. Es waren wohl eher allgemeinere Themen, die man aus der Moschee mit auf den Weg bekam.

Ganz plötzlich taucht ein Mann, Mitte vierzig, aus dem Hintergrund auf, der die Gespräche scheinbar aus sicherer Entfernung belauscht hatte. Aber jetzt wo es um den Koran gehe, da habe vor allem er etwas dazu zu vermelden. Der Islam sei ja an sich eine friedliche Religion und man würde ja sogar Jesus als Propheten anerkennen, vom IS der ja gar kein Staat sei, grenze man sich selbstverständlich striktest ab, so der ortsansässige „Koranexperte“, der während des Gespräches eifrigst mit seiner Tesbih (türkische Gebetskette), hantierte. Alsbald verabschiedete sich das „Mastermind“ der Gruppe mit den Worten, er müsse noch in die Moschee. Samstag 22:30 Uhr abends? Wohl um Bericht zu erstatten über den Verlauf des Interviews, so hatte es den Anschein.

Türken: Männliche Flüchtlinge nicht ins Land lassen

Nun kam es zum Thema Flüchtlinge, da uns auch dieser Standpunkt aus Sicht der ehemals selbst Migranten (nun zumeist seit vielen Jahren österreichische Staatsbürger) interessierte. Die Frauen, Kinder und alten Leute seien freilich willkommen, aber all die jungen Männer, die ja ohnedies nicht arbeiten wollen, die will man da in Österreich nicht haben. Auch das klang für uns ein wenig einstudiert und „scheinangepasst“.

Was uns jedoch brennend interessierte war, warum den alle Anwesenden so bedingungslos hinter Erdogan stünden. Er sei der Retter der Türkei, der Vater der Nation, habe ausschließlich das Wohl seines Volkes im Sinn, würde Straßen und Brücken bauen, hätte die Krankenhausinfrastruktur hervorragend verbessert und hätte Korruption gar nicht nötig, da er ja ohnehin genug Geld habe.

Woher denn wohl, schießt es uns da durch den Kopf. Beispiele hatte man auch gleich parat. So berichtete ein etwa Mitte-dreißig-Jähriger, wie er als Kind mit seiner verletzten Hand stundenlang im Krankenhaus unter Schmerzen warten musste, bis er an die Reihe kam. Heute alles nicht mehr so, meinte er, aus der österreichischen Distanz wohlgemerkt, man komme da jetzt immer gleich dran. Ein anderer lobt, dass er beim Heimaturlaub jetzt eine Zeitersparnis bei der Anreise hätte. Er würde nun für die Strecke Istanbul - Antalya statt neun nur noch ca. viereinhalb Stunden benötigen, dies alles dank Erdogans vierspuriger Autobahn.

Das Volk ist leicht zu beeindrucken, zumal wenn es weit vom Ort des Geschehens entfernt lebt, sind wir versucht zu denken.

Atatürk vertrat keine "osmanischen Werte", Erdogan heute schon

Mustafa Kemal Atatürk, der Begründer der Türkei nach dem Osmanischen Reich und bis zum „Erdogan-Hype“ der Vater der Türkei und wie ein Nationalheiliger verehrt, hat scheinbar ausgedient. Er habe, so der einhellige Tenor der Anwesenden, zwar die Türkei an Europa herangeführt, dies sei aber keineswegs zum Wohle des Volkes gewesen. So habe er eine andere Schrift eingeführt und somit damals viele zu Analphabeten gemacht, er habe keine ausreichende Infrastruktur geschaffen so wie Erdogan heute und viel zu wenig Augenmerk auf das Wohl seines Volkes gelegt. Vielmehr habe er sich Europa angebiedert und damit die "osmanischen Werte" verraten.

Und da war er nun, der unterschwellig mitschwingende Wunsch nach einem Osmanischen Reich, beinahe ausgesprochen und sehnlichst gewünscht. Erdogan habe sein Volk nach dem "Putsch" auch nicht wie Kanonenfutter auf die Straßen gehetzt, nein, das sei eben einfach die begeisterungsfähige Mentalität der Türken. Dazu würden dann wohl auch die Sprechchöre gehören, die nach dem Putschversuch bei Ankunft Erdogans auf dem Flughafen skandiert wurden: „Befiehl und wir werden für dich töten, befiehl und wir werden für dich sterben“. Für europäische Demokraten ein Horrorszenario, für türkische „Demokraten“ scheinbar eine Mentalitätsfrage.

Türkische Weisheiten

Um als gelernte Mitteleuropäer die Sichtweise der Osmanen verstehen zu lernen und zu begreifen, warum Europa sich so über Erdogan und seine Politik alteriere, bekommen wir schlussendlich noch eine türkische Weisheit mit auf den Weg.

Meyve veren ağaç taşlanirmiş! - Einen Baum mit schönem Obst bewirft man nicht mit Steinen!

Uns Europäern käme da wohl eher in den Sinn:

Ateş düştüğü yeri yakar! - Das Feuer verbrennt den Platz, auf den es fällt! 

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