Fröhlicher Tabubruch: Nach dem Roller rollt nun auch Kawasakis erster Cruiser – Unzensuriert

Ein ideales Stadt-Moped, auch für zwei: Die Vulcan S ist der kleinste der Cruiser-Serie.

Foto: Bild: Kawasaki
Fröhlicher Tabubruch: Nach dem Roller rollt nun auch Kawasakis erster Cruiser

Kawasaki beging schon im Jahr 2014 einen absoluten Tabu-Bruch, als der bisherige „Nur-Starke-Motorräder-Bauer“ nun auch einen Roller in die Angebotspalette aufnahm – immerhin mit 300 Kubik (die Unzensuriert-Motor-Redaktion testete ihn auf Herz und Nieren). Heuer gingen die Hersteller strenger Geschosse wie der legendären z-Serie noch einen Schritt weiter – und präsentierten einen Tschopper, pardon: „Cruiser“, die Vulcan S, mit eher bescheidenen 650 Kubik.

Na geh? – Ja, Kawasaki baut auch Roller und Cruiser

„Wos, Kawasaki baut scho Tschopper, die Welt steht nimmer lang“, war auch der erste Kommentar der Kollegen beim Eintreffen der Vulcan S. Als dann die erste Ausfahrt anstand, war der Andrang entsprechend flau.

Und dann – die Überraschung: Schon die Optik der kleinen Vulcan (es gibt auch größere, bis 1.700 Kubik!) macht Freude – wir hatten sie sogar in der Prunk-Version mit mehrfärbiger, aber natürlich dominant schwarz-grüner Lackierung. Kawa ohne Grün – geht einfach nicht. Wie Rapid oder die G… egal.

U-Hakerl-Sitzposition unerwartet bequem

Die Optik ist also o.k. – breiter Tank, schwungvolle Sitzbank, (nicht zu) hoher Lenker, klare Strukturen, sprich einfacher Scheinwerfer, ein Armaturenstück mit allen Anzeigen, zwei Krümmer und ein dicker Auspuff – und vorne liegende Fußraster samt Ganghebel und Bremse. Von der Harley Street Rod wissen wir, dass die U-Hakerl-Position nicht unbedingt bequem sein muss – aber schau‘ ma amal.

Tatsächlich – die Kawa-Ingenieure haben genau gemessen. Die Sitzposition auf dem Cruiser ist von Anfang an entspannt, weil nichts spannt. Arme locker am Lenker, Beine dezent nach vorne, aber ohne dass das Kreuz wehtut – die seltene Kombination aus guter Optik und bequemer Fahrweise.

Matter Spruch, aber enormer Biss

Dann der Start: Krawumm, wie bei der Harley, geht es nicht – aber selbst die großen Brüder aus Milwaukee werden von ihren Käufern meist "nachgerüstet", sonst klingen sie unseren Gesetzen entsprechend auch eher schwach. Immerhin, die Kawa tuckert brav vor sich hin – und wenn sie auf Touren kommt, röhrt sie sogar ganz nett.

Die nächste – positive – Überraschung ist der Biss. Im Gegensatz zum eher gemütlichen Äußeren reißt das Radel sofort mächtig an, dreht gleichmäßig hoch bis 10.000 Touren und das gleich sechsmal. Die Endgeschwindigkeit liegt theoretisch bei 180, was aber bei einem unverschalten, ganz nackerten Motorrad einfach keinen Spaß mehr macht, wenn man die Mundwinkel bei den Ohren hat. Also ist eher maximal 140 angesagt – aber das schützt im Ernstfall vor Strafzetteln (auf der Autobahn).

Extra-Plus für Kurventauglichkeit

Für ein schönes „Hatzerl“ mit Autos oder Kollegen reicht es allemal. Wichtig ist ja vor allem: An der Kreuzung weg von den bösen Autos (und den Fahrrädern…). Also geben wir entsprechend Stoff und finden uns alsbald im Kurvenreich des westlichen Wienerwalde wieder.

Hier spielt die Vulcan ihre Trümpfe voll aus. Der niedrige Schwerpunkt, die ebenso niedrige Sitzposition samt breitem Lenker machen das Kurvenfahren zu einer ebenso flotten wie sicheren Sache. Nichts ruckelt oder rutscht, die Fußraster biegen sich bei Bedarf nach oben, aber das Radel pickt wie ein Radierer am Asphalt. So fährt sich normalerweise ein Sporttourer.

Einfache Scheiben mit ABS reichen vollkommen

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Die Anfangs eher belächelten, einfachen Scheiben vorne erfüllen ihre Dienste – mit serienmäßigen ABS – unerwartet prompt. Ein Druck mit dem Mittelfinger – und das Baby steht.

Wer solo fährt, kann sich mit einem eigens im Seitendeckel angebrachten Imbus-Schlüssel mit wenigen Drehungen den hinteren Teil der Sitzbank abnehmen. Schaut gut aus, mit dem langen Kotflügel. Falls doch jemand mit fährt – im Gegensatz zu anderen, oft größeren Tschop… äh: Cruisern sitzt es sich auch hinten recht gut auf der kleinen Vulcan. Das verdankt die Maschine nicht zuletzt der original schon gut austarieren Federung samt charakteristischem Mono-Federbein hinten rechts, deutlich sichtbar quer unterm Sitz. Nicht zu hart, nicht zu weich, im Ernstfall stabil, nicht wappelnd.

Nur nass werden sollte man nicht

Fazit: Ein perfektes Stadt-Moped zum In-die-Arbeit-Fahren, für einen Trip ins Kaffehaus – oder für kleinere Touren bei Schönwetter. Sollte es doch einmal regnen: Durch das weitgehend schnörkellose Design ist selbst bei gröberer Verschmutzung beim Putzen bald ein Ende absehbar, weil man auch überall ganz gut dazukommt. Aber nass wird man mangels Verbau schon…

Wer noch im Wachsen ist: Die Vulcan gibt es auch in der 900er und der 1.700er Version.

Technische Daten:

Motor: Flüssigkeitsgekühlter Viertakt-Reihen-Zweizylinder

Hubraum: 649 Kubik

Leistung: 61 PS

Antrieb: Sechsgang-Kette

Sitzhöhe: 705 Millimeter

Tankinhalt: 14 Liter

Gewicht (fahrbereit): 228 Kilo

Preis: 8.650 Euro (plus 300 in der gezeigten "Special Edition")

 

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