Mit ihrer „Korfu-Saga“ liefert Sibyl von der Schulenburg ein historisches Dokument zu einer fast vergessenen Heldentat.

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Kampf um Korfu: Wie Europa vor 300 Jahren nur knapp vor der Islamisierung bewahrt wurde

Manche Schüler lernen noch von den beiden erfolgreich abgewehrten Türkenbelagerungen Wiens 1529 und 1683. Doch die Türken bedrohten Europa jahrhundertelang – und vor fast genau 300 Jahren, im August 1716, wurde ausgerechnet auf der venezianischen Mittelmeerinsel Korfu einer ihrer größten Angriffe entgegen allen Erwartungen abgeschlagen und Europa vor einer drohenden Islamisierung gerettet. Der Mann, der das möglich machte, hieß Johann Matthias von der Schulenburg und ist – im Gegensatz zu seinem berühmten Oberbefehlshaber Prinz Eugen von Savoyen – den meisten Menschen kaum bekannt. Dabei ist sein Anteil am Sieg über die Türken durchaus mit dem Eugens gleichzusetzen.

Himmelfahrtskommando: Schulenburg soll Venedig retten

Während nämlich Prinz Eugen im Sommer 1716 von Wien aus den in Ungarn zum Angriff versammelten Türken mit einem riesigen Heer entgegen tritt, legt er seine völlig offene Südflanke – Venedig – in die Hände eines einzigen Mannes: des verdienten sächsischen Feldmarschalls Matthias Freiherr von der Schulenburg aus dem sächsischen Emden bei Magdeburg. Der gilt zwar als glänzender Stratege und Feldherr, kann aber dem riesigen türkischen Süd-Heer mit mehr als 40.000 hochwertigen Soldaten und zahllosen Schiffen nichts Nenneswertes entgegensetzen.

Dazu kommt, dass die erfolgsverwöhnten Venezianer, die seit dem 13. Jahrhundert als die See- und Handelsmacht im Mittelmeer gelten und Dalmatien, die Levante, die Halbinsel Pelopponnes (damals Morea), Korfu, Kreta und noch viele andere Inseln und Gebiete beherrschen, unfähig sind, auf die massive Expansion der Türken ab dem 17. Jahrhundert zu reagieren.

Türken wollen Europa in die Zange nehmen

Diese hatten sich über den Balkan und Ungarn bereits im 16, Jahrhundert bis an die Grenzen der Habsburger-Lande – und damit des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation – herangekämpft und versuchten nun, des Kaisers (Karl VI.) obersten Feldherren, Prinz Eugen, von Süden her in die Zange zu nehmen. Die Insel Korfu galt 1716 als letzter Außenposten Venedigs – mit einer verfallenen Festung, einer kleinen Garnison und einer wenig Venedig-treuen Bevölkerung.

Serenissima feiert lieber Karneval

Als Schulenburg nach zähen Verhandlungen endlich in Venedig ankommt, rüsten die Venezianer aber immer noch nicht – im Gegenteil: Die Serenissima feiert Karneval. Wenigstens noch einmal richtig völlern, bevor die Muselmanen einfallen und alle versklaven.

Der asketische Soldat Schulenburg, mittlerweile zum Grafen geadelt, unterstützt nur von seiner alten Geliebten, der reichen venezianischen Gräfin Aimee Mocenigo de Torre, einigen besonnenen Getreuen aus früheren Feldzügen und den einflussreichen venezianischen Werftarbeitern, den „Arsenalotti“, reist alsbald verärgert nach Korfu ab und lässt seine Festungsbau-Ingenieure in Rekordzeit notdürftig brauchbare Wehranlagen bauen. Vorurteilsfrei und bescheiden gewinnt er zunächst die große jüdische Gemeinde und letztlich auch die restliche einheimische Bevölkerung für sein Ansinnen, Korfu um jeden Preis zu halten.

Trümmerfestung Korfu soll 40.000 Mann-Heer aufhalten

Doch mitten in die Vorbereitungen hinein erscheint die riesige türkische Kriegsflotte, und es landet wenig später die mächtige Belagerungsarmee nahezu ungehindert auf der Insel. Denn der Oberbefehlshaber der durchaus schlagkräftigen venezianischen Flotte, Andrea Pisani, verweigert die Zusammenarbeit mit Schulenburg, weil er glaubt, dieser pflege ein Verhältnis mit seiner jugendlichen Tochter. Zudem erweisen sich sowohl die vom korrupten venezianischen Kriegsminister beschafften Waffen wie auch die wenigen tausend von ihm angeworbenen Söldner als militärisch minderwertig.

Kräfteverhältnis Verteidiger-Angreifer etwa 1:20

Als der Sturm der Türken am 25. Juli 1716 losbricht, ist das Kräfteverhältnis zwischen venezianischen Verteidigern und türkischen Angreifern etwa 1:20. Schon nach wenigen Tagen können die vielen Toten und Verwundeten kaum noch ersetzt werden, zumal die sengende Hitze auch die kleinste Verwundung oft tödlich enden lässt, weil die Wunden nicht verheilen. Zudem greift der Hunger um sich, die Vorräte werden knapp. Die vielen Leichen vor den Gräben überziehen die Insel mit infernalischem Gestank, was jegliches Leben zusätzlich erschwert.

Unerwartete Hilfe aus England

Mitten hinein in diese mörderische Schlacht erscheinen nach einigen Tagen schließlich zehn englische Schiffe, geschickt von Schulenburgs Schwester, der Geliebten des britischen Königs, und bringen 1.500 bestens ausgebildete deutsche Söldner sowie Munition und Proviant. Daneben organisiert der jüdische Rabbi Korfus einen schwunghaften Schmuggel von Lebensmittel vom Festland her quer durch die türkische Flotte.

Fremde Söldner töten irrtümlich eigene Kämpfer

Doch die frischen Söldner verwechseln bei einem sofort angesetzten Ausfall am nächsten Tag Schulenburgs treue Slawonen-Kämpfer mit Türken und beide Gruppen schlachten sich vor den Augen der Türken gegenseitig ab. Es gibt hunderte Tote. Schulenburg ist verzweifelt. Das Gemetzel wird fortan immer brutaler, die Niederlage scheint mangels Entsatz nur noch eine Frage von Tagen. Die Türken setzen bereits zum finalen Sturm an – als am 20. August ein verheerendes Unwetter auf die Insel niedergeht und die türkischen Vorräte, Gräben und Kanonen einfach im Schlamm versinken lässt, während der Sturm deren Zelte zerfetzt.

Verheerendes Unwetter vertreibt Türken im letzten Augenblick

Nachdem das Unwetter abgeklungen ist, zieht sich das türkische Heer, das bis dahin schon fast die Hälfte seiner Stärke eingebüßt hat, unter Zurücklassung fast all ihrer mächtigen Belagerungskanonen auf die Schiffe zurück und bricht die Belagerung ab. Fast zeitgleich erreicht Schulenburg die Nachricht, dass auch Prinz Eugen mit seinem Heer die Türken bei Peterwardein in Ungarn vernichtend geschlagen hat.

Eitler Prinz Eugen ist eifersüchtig auf Schulenburgs Erfolg

Schulenburg verbleibt in den Diensten Venedigs, das ihn – wenn es die Verfassung erlaubt hätte – am liebsten zum Dogen gemacht hätte, und schlägt die Türken in den folgenden Jahren auch an Land mehrfach zurück. Während sich Prinz Eugen in Mitteleuropa als großer Sieger feiern lässt (der er ja auch war), versucht er mit Erfolg, Schulenburgs entscheidende Hilfe öffentlich zu schmälern. Wohl auch aus diesem Grunde berichten die Chronisten fortan auch primär über Eugen und nur sehr untergeordnet von Schulenburg – dabei wäre Europa ohne dessen verbissenes Halten von Korfu von den Türken wohl von Süden her aufgerollt worden.

Venezianer stiften Korfu-Sieger zu Lebzeiten Denkmal

Allerdings wurde dem Generalfeldmarschall letztlich eine Ehrung zuteil, die nur ganz wenige Menschen erfahren: Die Serenissima stiftete ihm noch zu Lebzeiten ein Denkmal vor der alten Festung auf Korfu, das heute noch steht.

Venedig als Großmacht im Mittelmeer profitierte von diesem Sieg nur relativ kurz: Schon 1795 wurde es von Napoleon Bonaparte erobert und zwischen Frankreich und Österreich aufgeteilt.

Pointierte Gesellschaftskritik am barocken Adelsleben

Autorin Sibyl von der Schulenburg gelingt es mit viel Selbstreflexion, ein durchaus positives, aber auch differenziertes Bild ihres berühmten Vorfahren zu zeichnen und spart auch nicht mit ausführlichen Seitenhieben auf das degenerierte höfische Leben der Barockzeit und dessen oft mörderische Intrigen auf allen Ebenen, die es nötig machten, dass jeder höherrangige Adlige seinen eigenen „Geheimdienst“ beschäftigen musste. Was gegen die damals beliebten Giftmorde auch nicht immer half.

Sibyl von der Schulenburg: Für Christus und Venedig, Wieser Verlag 408 Seiten, gebunden, Lesebändchen, EUR 21,80

Erhältlich auch über den Kopp-Verlag.

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