„Franz Joseph und seine Familie“: Ein außergewöhnlich informatives Werk zur weitverzweigten Verwandtschaft des Kaisers.

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Zum 100. Todestag Franz Josephs: Ein Rückblick hinter die Kulissen der Habsburger-Dynastie

In wenigen Tagen, am 21. November, jährt sich der Todestages von Kaiser Franz Joseph zum hundertsten Mal. Damals, 1916, steckte die k.u.k. Monarchie mitten im Ersten Weltkrieg, und der seit 1848 regierende Kaiser war für die meisten Österreicher noch so etwas wie ein letzter Garant für die Stabilität des bröckelnden Habsburger-Reiches gewesen.

"Familientreffen" in der Kapuzinergruft

Die Autorin und ausgewiesene Habsburger-Expertin Sigrid-Maria Grössing hat in ihrem neuesten Werk einen besonderen Zugang zur Materie gefunden: Sie lässt den alten Kaiser kurz vor seinem Tod 1916 durch die Kapuzinergruft in Wien spazieren (was Franz Joseph in seinen letzten Jahren tatsächlich regelmäßig tat) und in Erinnerungen zu den vielen hier liegenden Vorfahren, Brüdern, seinem Sohn Rudolf und nicht zuletzt seiner geliebten Sisi zu versinken.

Sein von ihm selbst nie in Frage gestelltes Selbstverständnis als "Kaiser von Gottes Gnaden" hatte ihm die „liebe Mama“, die Wittelsbacherin Sophie Friederike von Bayern, von Kind auf konsequent anerzogen. Darum war Franz Joseph auch nicht volksnah wie etwa sein freigeistiger Onkel Johann von Österreich, der Bruder seines Vaters Kaiser Franz I., der in seiner Wahlheimat Steiermark bis heute verehrt wird (Erzherzog Johann-Jodler etc.).

Ein Erzherzog, der eine Postmeisterstochter ehelichen darf

Johanns umgänglicher und gewinnender Persönlichkeit war es zu verdanken gewesen, dass sein Bruder, das damalige Oberhaupt der Familie Habsburg, seine Einwilligung zur Ehe Johanns mit einer „Bürgerlichen“, der Postmeisterstochter Anna Plochl, gab. Damit nicht genug, musste Johann auch nicht, wie sonst üblich, den Namen Habsburg und alle Erbrechte für sich und seine Familie ablegen. Johanns Sohn wurde zunächst zum „Grafen von Meran“ ernannt, Anna Plochl Jahre später vom jungen Kaiser Franz Joseph ebenfalls zur „Gräfin von Meran“ erhoben.

Ein Erzherzog, der für eine Gräfin auf sein Erbe verzichten muss

Dieses Glück hatten andere nicht: Der streitbare und allgemein unbeliebte Neffe Franz Josephs, Franz Ferdinand, der nach dem Freitod Rudolfs zum Thronfolger wurde, hatte sich ebenfalls in eine nicht standesgemäße Frau verliebt, die böhmische Gräfin Sophie Chotek, die aber immerhin von (sogar sehr altem) Adel war.

Hier erwies sich Franz Joseph als Familienoberhaupt wesentlich unerbittlicher als sein Vater Franz: Er gab dem ungeliebten Neffen den sanctus zur Hochzeit im Jahr 1900 nur unter der Bedingung, dass dieser öffentlich den sogenannten Renuntiationseid ablegte, den Verzicht auf den Titel Habsburg für seine Frau und die gemeinsamen Kinder. Zähneknirschend unterwarf sich Franz Ferdinand dem entwürdigenden Diktat, wohl darauf vertrauend, dass Franz Joseph nicht ewig leben würde und er als Kaiser dann einiges reparieren könne. Doch es sollte ganz anders kommen.

Ein Erzherzog, der als Seemanns-Legende endet

Noch schlimmer erging es Erzherzog Johann Salvator, dem Sohn Leopolds II. aus der toskanischen Linie der Habsburger. Der aufmüpfige Neffe querulierte zunächst in seiner Funktion als Offizier der k.u.k. Armee und forderte – nicht zu Unrecht – weitgehende Modernisierungen und Umstrukturierungen. Man drückte beide Augen zu, da er ein fähiger Befehlshaber war.

Mit seinen außenpolitischen Abenteuern in Italien – er traf sich ohne Absprache mit dem Kaiser mit dem verfeindeten König Viktor Emanuel II. – und in Bulgarien, wo er sich in die diplomatischen Intrigen um den Königsthron einmischte, überspannte er den Bogen. Nach seinem Austritt aus dem Kaiserhaus heiratete er in London eine Balletteuse, nannte sich fortan Johann Orth und versuchte sein Glück als Übersee-Kaufmann.

Er erwarb einen Dreimaster und Handelsrechte nach Südamerika. Doch dem Neuling war das Seemannsglück abhold: Nachdem ihn nach einem Maschinenbrand in Argentinien ein Großteil der Mannschaft verlassen hatte, versuchte er dennoch, nach Chile weiterzufahren. In einem Orkan vor Kap Hoorn ging sein Schiff 1890 verloren, Johann Orth gilt seither als verschollen. Immer wieder gab es Sichtungsmeldungen aus allen Teilen der Welt – und ganz entgegen Franz Josephs Ambitionen wurde der Abtrünnige zu einer Art Legende.

Ein Erzherzog, der die Männer zu sehr liebt

Auch andere Mitglieder des Erzhauses bekamen des Kaisers sendungsbewusste Strenge zu spüren, etwa der jüngste seiner drei Bruder, Ludwig Viktor, der es wagte, in Wien offen seinen homoerotischen Gelüsten nachzugehen. Parallel dazu spionierte er Kaiserin Sisi nach und brüskierte sie, wo er nur konnte.

Als er schließlich von einem Grafen, dem er homoerotische Avancen gemacht hatte, öffentlich geohrfeigt wurde und in einem Schwimmbad jungen Burschen nachstieg, reichte es Franz Joseph: Er „verbannte“ der kleinen Bruder nach Salzburg, wo dieser fortan im Schloss Kleßheim residierte. Auch die Kapuzinergruft blieb ihm verwehrt: Auf eigenen Wunsch bekam er ein schlichtes Grab am Siezenheimer Friedhof nahe des Schlosses, lediglich mit den Buchstaben LV am Grabstein.

Das Unvermögen des Kaisers, seine Kinder zu lieben

Das unpersönliche Verhältnis zu seiner eigenen Familie bescherte dem alten Kaiser, wenn auch viel zu spät, so manche Selbstzweifel. Die erste Tochter Sophie Friederike starb mit nur zwei Jahren 1857 an einer Darminfektion. Sisi, die es eigentlich hasste, schwanger zu sein und damit ihre schlanke Figur zu verunstalten, kümmerte sich fortan kaum um ihre nächsten Kinder Gisela und Rudolph. Diese standen unter der gestrengen Aufzucht der „lieben Großmama“ und fremder Erzieher. Er, der gestrenge Kaiser, fand nie einen väterlichen Draht zu seinen Kindern.

Sisis plötzlicher "Mutter-Wahn"

Beim 1868 geborenen vierten Kind Marie-Valerie steigerte sich Sisi plötzlich unerwartet in einen wahren Übermutter-Wahn hinein, was beim allzu wohlbehüteten Töchterlein alsbald zu Fluchttendenzen führte. Verschärft wurden die familiären Zwiste durch die Angewohnheit Sisis, selbst im engsten Familienkreis nur noch ungarisch zu sprechen (ihre Liebe zu Ungarn wurde nicht zuletzt der Zuneigung zum Anti-Habsburg-Rebellen und späteren Außenminister Graf Gyula Andrássy zugeschrieben). Und wieder war Franz Joseph nicht imstande, der genervten Tochter wenigstens als Vater Halt zu geben.

Als sich der eigentlich mit Stephanie von Belgien verheiratete Rudolph 1889 zusammen mit seiner erst 16-jährigen Geliebten Mary Vetsera in Mayerling erschoss, brach die familiäre Welt Franz Josephs endgültig zusammen. Die beiden Töchter waren längst in (überraschend gut funktionierende) ferne Ehen geflüchtet. Und Sisi schien als permanent Reisende alles zu tun, um möglichst nicht in Wien und bei ihm zu sein. Letztlich wurde sie 1898 auf einer ihrer viele Reisen von einem Fanatiker an der Genfer Seepromenade erstochen. Erst jetzt hatte er sie allein für sich – in der Kapuzinergruft.

Eintauchen in die vielen Facetten des Habsburger-Reiches

Um die vielen anderen Verwandten, Geschichten und Schicksale rund um Kaiser Franz Joseph aus diesem Buch zu beleuchten, fehlt hier der Platz. Die Historikerin Grössing offenbart hier so manches bisher kaum gekannte Detail und etliche weitgehend unbekannte Schicksale aus dem weitverzweigten Erzhaus.

Kein Wort zu Sisis Kokain-Injektionen

Interessant dabei erscheint, dass Grössing so manche Schwächen und Skandale des Kaiserhauses (und des mehrfach ehebrecherischen Kaisers) schonungslos offen legt, aber etwa die von Sisi-Experterin Katrin Unterreiner vor zehn Jahren aufgedeckte Kokain-Liebe (Sucht?) der Kaiserin, die sich die Droge sogar intravenös verabreichte, verschweigt. Dabei würde genau das ein ganz anders Licht auf Sisis verschlossenes und unstetes, ja oft depressives Leben werfen.

Dennoch findet der Leser hier sicher eines der komplettesten Werke im Sinne einer generationenumfassenden Beleuchtung der letzten Phase der jahrhundertelangen Habsburger-Herrschaft über einen großen Teil Europas zwischen den Niederlanden, Schlesien, Siebenbürgen und der Toskana.

Sigrid-Maria Grössing: Franz Joseph und seine Familie.
Das Buch kann zum Preis von € 19,99 über Buchhandlung Stöhr bezogen werden.

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