Dativ oder Genitiv? Wer sich auf solche Diskussionen einlässt, sollte über die aktuelle Schreibweise der Fälle informiert sein.

Foto: Bild: Norbert Hofer / Facebook
Korinthenkacker gegen Hofer: Wenn Journalisten über Grammatik twittern

Ich habe meinen Weg trotz meinem Stock gemacht und ich werde ihn weitergehen.

Das sagte Norbert Hofer am Sonntag im ATV-Duell zur Bundespräsidentenwahl. Anlass war die Verhöhnung seiner Behinderung durch Aktivisten aus dem Van-der-Bellen-Lager, zuletzt sogar durch des Kandidaten Mäzen Hans Peter Haselsteiner.

Trotz meinem Stock oder trotz meines Stockes?

Während Haselsteiners ungustiöse Anspielung auf Hofers Stock den meisten Medien keine Zeile wert war, rückten – nachdem Hofer sein Zitat, verbunden mit einem Dank an die Zuseher, die mit ihm mitgefiebert haben, auf Facebook und Twitter gepostet hatte – einige Journalisten aus, um darauf hinzuweisen, dass trotz den zweiten und nicht den dritten Fall – also den Genitiv statt des Dativs – verlange.

Das arme Kind ist jetzt ganz verwirrt

Falter-Schreiberin Nina Horaczek gab sich schockiert ob des Umstands, dass Hofer mit diesem Zitat ihre Bemühungen, dem Nachwuchs die richtige Grammatik beizubringen, konterkariert habe.

In Österreich ist der Dativ üblicher

Guido Tartarotti vom Kurier war aber prompt zur Stelle und assistierte in dieser Diskussion überraschenderweise Hofer, indem er folgendes vorbrachte:

Was beiden Edelfedern offenbar in der Hektik nicht auffiel, ist ihre falsche Schreibweise des zweiten Falls, der natürlich GenItiv und nicht GenEtiv heißt. Diesen Fehler stellte Erich Kocina von der Presse richtig, nicht ohne den beiden ein Hintertürl zur Rechtfertigung offen zu lassen:

"Ich bin alt geworden"

Nina Horaczek wartete prompt mit einer Erklärung für ihre Genitiv-Versessenheit auf, die zugleich auch für die veraltete Schreibweise gelten mag:

Grammar Nazis heißen auf Deutsch "Korinthenkacker"

Um zum Titel dieses Artikels zurückzukehren: Vor allem in den sozialen Medien hat sich als Bezeichnung für ausbesserungswütige Nutzer der Begriff „Grammar Nazi“ durchgesetzt. Auf Deutsch ist eine wörtliche Übersetzung jedoch nicht zulässig, wie uns die Welt in einem Artikel über einen Mann, der 47.000 mal den gleichen angeblichen Fehler auf Wikipedia ausgebessert haben soll, informiert:

Auf Deutsch würden wir Leute wie ihn, die fanatisch auf sprachliche Korrektheit pochen, niemals Grammatik-Nazis nennen. Wir benutzen das weitaus unverfänglichere Wort "Korinthenkacker".

Manchmal ist der Genitiv dem Dativ sein Tod

Um abschließend auch noch die am konkreten Anlassfall entbrannte Verwirrung aufzulösen, sei, Tartarottis Hinweis in der Konversation untermauernd, die legendäre Zwiebelfisch-Kolumne im Spiegel zitiert, aus der man Erstaunliches erfährt:

Im Falle der Präposition "trotz" ist dem Genitiv die feindliche Übernahme gelungen: Standardsprachlich wird heute hinter "trotz" der Wesfall verwendet. Dass dies nicht immer so war, beweisen Wörter wie "trotzdem" und "trotz allem". In Süddeutschland, Österreich und der Schweiz wird "trotz" weiterhin mit dem Dativ verbunden. Nicki würde auf Bayerisch singen: "Trotz dem damischen Zwiebelfisch", und Udo Jürgens auf Hochdeutsch kontern: "Trotz des nervigen Zwiebelfisch(e)s".

Hier war sprachgeschichtlich also der Genitiv der Übeltäter, der den Dativ verdrängte. Zumal Autor Bastian Sick sogar eine sechsteilige Buchreihe mit dem Titel "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" herausgebracht hat, muss man ihm in diesem völlig konträren Fall wohl umso mehr Glauben schenken.

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