Ohne Ersten hätte es auch keinen Zweiten Weltkrieg gegeben, keine Amerikanisierung und keine Übertechnisierung.

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Parallelwelten-Roman: Stellen sie sich vor, das Attentat von Sarajewo 1914 wäre fehlgeschlagen

Stellen Sie sich vor, die Schüsse von Sarajewo haben Thronfolger Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 verfehlt, es hat keinen Ersten und somit auch keinen Zweiten Weltkrieg gegeben. In Österreich herrschen nach wie vor die Habsburger, namentlich Kaiserin Stephanie-Gisela I. Die Staatsform nennt sich statt Doppel- nun Quadrupel-Monarchie, denn man hat neben den Ungarn mittlerweile auch den Böhmen und den Windischen (Slowenien) eine Königskrone verpasst und so den Zerfall des Reiches in kleine Nationalstaaten verhindert.

Schloss Schönbrunn als Mahnmal, Hinrichtungen als Spektakel

Schloss Schönbrunn steht, einst von Umstürzlern zerbombt, nur noch als ruinöses Mahnmal, Ihre Majestät residiert auf Schloss Wilhelminenberg. Die Todesstrafe ist längst wieder eingeführt, Hinrichtungen finden regelmäßig als pompöse Volksspektakel in einem riesigen Stadion bei der Spinnerin am Kreuz an der Triester Straße im Süden Wiens statt, der Henker gilt als eine Art Popstar.

Begriffe wie „Ham and Eggs“ sind selbst in guten Restaurants unbekannt, da in erster Linie Deutsch bzw. Französisch parliert wird. Generell hat in Ermangelung zweier verlorener Kriege keine Amerikanisierung und auch keine extreme Technisierung stattgefunden, sodass viele sich lieber mit Droschke oder Sänfte befördern lassen, als sich in laute, stinkende Autos zu setzen. Auch Mobiltelefone sind nicht erfunden, dafür haben Dienstmädchen und Adelige Hochsaison.

Vom Zahnarzt direkt in die Kaiserzeit

Und dann stellen Sie sich noch vor, sie kommen gerade vom Zahnarzt und finden sich plötzlich zwar am gleichen Tag im Jahr 2015, aber in oben geschilderter Welt wieder. Genau das passiert dem unfähigen und präpotenten Hofrat im Innenministerium, Dr. Georg Prunnhübner, dem in seiner alten Welt keiner eine Träne nachweint. In seiner „neuen“ Welt ist er allerdings Kriminal-Oberkommissär und wird prompt mit einer Reihe geheimnisvoller Morde in seiner unmittelbaren Umgebung konfrontiert.

Unerwarteter Besuch aus dem Großherzogtum Österreich

Gleichzeitig steht Prunnhübners burschikose Sekretärin Sabine Leuchtl (ihren Magister phil. führt sie im Büro nicht, da das Dr. Prunnhübner brüskieren würde) vor der unglaublichen Situation, dass im Büro ihres Chefs plötzlich zwei altvatrisch gekleidete und sprechende Damen vom Himmel, oder besser gesagt aus einem Bild, das die Wiener Staatsoper zeigt, herausfallen. Auch deren verschnörkelte Ausweise aus dem Großherzogtum Österreich zeigen entsprechend aktuelle Geburtsdaten, sehen aber sonst aus wie Antiquitäten.

Entsetzt im hier und jetzt

Die beiden Damen, junge Nichte und gestrenge Tante, finden sich, ähnlich wie Dr. Prunnhübner, in einer Parallelwelt wieder. Nichte Alma, eine Baroness, erkennt jedoch gleich erschreckende Parallelen: Auch in ihrer Welt geisterte ein begüterter Dr. (von) Prunnhübner herum, mit dem die Tante sie – trotz erheblichem Alters- und Leibesfülle-Unterschied – um jeden Preis verkuppeln wollte. Das kann sie sich jetzt abschminken.

Die strenge Tante gerät alsbald in Konflikt mit der Exekutive und wandert, nachdem sie mit ihrem Gehstock drei Polizisten verletzt hat, flugs hinter Gitter. Sabine Leuchtl gelingt es immerhin, die junge Alma aus dem Ministerium zu schmuggeln und bringt sie daheim bei ihrer asozialen, pubertierenden Tochter unter.

Wie bringe ich einer Baroness Fast-Food-Essen bei?

Aus den beiden Mädchen entwickelt sich rasch ein umtriebiges Gespann. Die bis dahin Unterrock und Mieder tragende Baroness Alma muss sich allerdings mit einer ganzen Reihe unbekannter Sitten und Objekte wie Fast Food, Jeans-Hosen (für Mädchen!), Mobiltelefonen, TV-Fernbedienungen und Laptops auseinandersetzen. Und mit der Frage, ob und vor allem wie sie wieder "heim" reisen kann. Eine Frage, die den unfreiwilligen Mordermittler Prünnhübner noch viel brennender interessiert…

Realistischer Maler und surrealistischer Autor

Ein weiterer amüsanter „Parallelwelten-Roman“ des realistischen Malers und surrealistischen Schriftstellers Christian Locker, dessen phantastische Motive auch seine Bucheinbände prägen. Der studierte Philosoph und Historiker lebt in Wien-Hetzendorf und im niederösterreichischen Schwarzau am Gebirge (das ist das Schwarzau ohne Frauengefängnis), wo er sich auch der Land- und Forstwirtschaft widmet.

Die ambivalenten Beziehungen der Österreicher zum Kaisertum und den Habsburgern sind immer wiederkehrende Themen in Lockers Romanen, ebenso wie die umstrittene Todesstrafe. Seine Werke werden von Buch-Kritikern und Rezensenten regelmäßig äußerst positiv aufgenommen – dem können wir uns nur anschließen.

Christian Locker: Den Galgenvogel abgeschossen.
Das Buch kann zum Preis von € 26,90 über die Buchhandlung Stöhr bezogen werden.

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