Harvard-Professor: Globalisierung hat „Amerikanischen Traum“ zerstört - Trump soll ihn wieder möglich machen

Sich den eigenen amerikanischen Traum zu erfüllen, ist zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht immer schwieriger geworden. Foto: Chris English / Wikimedia (CC BY-SA 3.0)
Sich den eigenen amerikanischen Traum zu erfüllen, ist zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht immer schwieriger geworden.
Foto: Chris English / Wikimedia (CC BY-SA 3.0)
14. Februar 2017 - 11:02

Trump wurde gewählt, weil die Menschen den „Amerikanischen Traum“ zurückhaben wollen. Denn die große Chance „vom Tellerwäscher zum Millionär“ gibt es heute nicht mehr in den USA. Globalisierung und Kapitalismus haben das in den letzten 30 Jahren zunichtegemacht. Die Mehrheit hatte nichts davon. Nur wenige Leute profitierten.

Gastbeitrag von Kornelia Kirchweger

Die Großparteien der Demokraten und Republikaner tragen dafür gleichermaßen die Schuld. Jetzt werden sie als „Eliten“ abgelehnt und daher abgewählt. Trump ist zwar Republikaner, passt aber überhaupt nicht ins alte Schema. Er hat eine Art „soziale und politische Revolution“ ausgelöst. Diese Meinung vertritt der renommierte Harvard-Professor Michael Sandel in einem Interview mit der japanischen Zeitung Nikkei Shinbun.

Amerikaner bleiben trotz harter Arbeit arm

Sandel erinnert daran, dass Ungleichheit für die Amerikaner früher nie ein Thema gewesen ist. Wer hart arbeitete, konnte, selbst wenn er arm war, viel erreichen. Heute sei das fast unmöglich. 70 Prozent der arm Geborenen, schaffen es nicht einmal mehr in die Mittelklasse. Sie gehören zu den „working poor“, die sich mit mehreren Jobs über Wasser halten müssen. Nur 4 Prozent von ihnen haben die Chance, an die Spitze der reichsten 20 Prozent zu kommen, gibt Sandel zu bedenken. Soziale (Un-)Durchlässigkeit nennt man das im Fachjargon. In Europa sei das noch besser, glaubt Sandel – nicht ganz zu Recht. Denn während man in Amerika mit Anstrengung richtig reich werden konnte, war das in Europa nie möglich. Umgekehrt gibt es in Europa ein besseres soziales Netz, das vor bitterster Armut schützt. Aber auch hier zerfällt die - früher starke - Mittelschicht rapide.

Populismus ist nicht falsch

Sandel lehnt es ab, die populistischen Bewegungen zu ignorieren und alles, was von dort kommt als Intoleranz, Ausländerfeindlichkeit, etc. abzutun. Man muss die Menschen wieder so behandeln, dass sie sich verstanden fühlen. Denn überall herrscht das Gefühl, die Eliten blicken auf die arbeitende Bevölkerung hinunter. So sollten in Amerika eigentlich die Demokraten die Arbeiter vertreten. Sie entwickelten sich aber zu einer Partei der „Oberklasse“. Die großen Parteien müssen sich daher neu erfinden, fordert Sandel, sonst werden sie von den Populisten abgelöst. Den Trump-Faktor sieht er übrigens auch in Europa. Der Brexit ist für ihn ein typisches Beispiel.

US-Medien verantwortungslos

Nicht nur die etablierten Parteien, auch die zugehörigen Medien kritisiert Sandel scharf. Auf der Suche nach einem Skandal oder einer Sensation stürzten sie sich auf jede Trump-Aussage. So etwas ist für Sandel keine verantwortungsvolle Berichterstattung - die Medien haben aus seiner Sicht somit ihre wahre Aufgabe nicht erfüllt. Der Harvard-Professor befürchtet auch, dass die extreme Polarisierung der Gesellschaften künftig die Meinungsfreiheit einschränken wird. Denn über die sozialen Medien könne man heute alles behaupten. Es werde aber sehr schwierig sein, richtig von falsch zu unterscheiden, ist Sandel überzeugt.

Wie sich die Politik in Amerika entwickeln wird, sei noch unklar, meint der Harvard-Professor. Zum ersten Mal sei nicht nur der Präsident, sondern auch der Kongress fest in republikanischer Hand. Und bald werde es auch beim obersten Gericht eine solide, konservative Mehrheit geben. Ob die Republikaner daraus etwas machen können, liege jetzt ganz in der Hand von Trump, ist Sandel überzeugt.

Kornelia Kirchweger hat Publizistik und Japanologie studiert. In der Vergangenheit arbeitete sie für die Austria Presse Agentur (Außenpolitik) und den Bundespressedienst (Schwerpunkt EU-Beitritt). Sie sammelte zusätzlich Erfahrungen bei ihren zahlreichen Auslandsaufenthalten in Asien, Afrika und den USA. Ihre Schwerpunkte sind: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

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