Müssen wir uns tatsächlich verstärkt um die Türken kümmern, die Erdogan nachlaufen, oder doch eher um jene, die seine Pläne kritisieren?

Foto: Bild: Rasande Tyskar / flickr (CC BY 2.0)
Der notwendige Abschied von der Türkei

Erdogan bekommt also sein Sultanat. Mit einer knappen Mehrheit von 51,4 Prozent haben die Türken vor genau einer Woche für die Einführung eines Präsidialsystems gestimmt, das ihrem Herrscher fast uneingeschränkte Macht verleiht. Viel schlimmer jedoch ist, dass viele der in Europa lebenden Türken den Willen Erdogans ebenfalls unterstützten – ein Weckruf, der nun endlich auch bei den Verantwortlichen angekommen zu sein scheint.

Parallelen zu Österreich

Einige überraschende Parallelen zur letzten Bundespräsidentschaftswahl in Österreich tun sich auf: Waren es da 46,3 Prozent, die letztlich für Norbert Hofer stimmten und so den Kandidaten der Globalisten zu verhindern suchten, so stimmten in der Türkei 48,6 Prozent gegen die machtgierigen Pläne ihres Staatsoberhauptes. Und wie auch in Österreich hat das herrschende System im Vorfeld der Wahl alles, aber auch wirklich alles unternommen, um die Wahlberechtigten möglichst zu vereinnahmen – wenn es dabei auch in Österreich, dem Naturell der Bewohner entsprechend, bedeutend gesitteter zuging als in der Türkei.

Damit hat es sich dann aber auch schon mit den Parallelen. Denn während in Österreich die Widerständigen mehrheitlich auf dem Land leben, waren es in der Türkei die großen Städte, die Touristenregionen und natürlich die Kurdengebiete, die sich Erdogans Wunschtraum vom Sultanat entgegenstellten.

Bedenkliches Wahlverhalten vieler Auslandstürken

Nicht wenige der „Hayir“-Türken kritisieren indes das Wahlverhalten ihrer im Ausland lebenden Landsleute scharf. Denn hier bietet sich ein mehrheitlich deprimierendes Bild: So haben zum Beispiel in Belgien 75 Prozent, in Österreich 73, in Holland 68, in Deutschland 64, in Frankreich 63 und in Dänemark 61 Prozent der dort lebenden Türken für Erdogans Präsidialsystem gestimmt. Ausnahmen bilden hier – wie so oft – die Schweiz, in der nur 38,1 Prozent der dort lebenden Türken mit „Ja“ stimmten, sowie die USA, in der es sage und schreibe nur 16,2 Prozent Zustimmung für Erdogans Pläne gab.

Dennoch muss man ernüchtert festhalten, dass die Mehrheit der im Ausland lebenden Türken mit den Werten ihrer Gastländer, in denen sie teilweise schon seit Jahrzehnten leben, herzlich wenig anzufangen weiß. Die Parallelgesellschaft, deren Existenz von links-grüner Seite stets wortreich in Abrede gestellt wird, hat sich hier mit einem wahren Donnerschlag zu erkennen gegeben.

Die Opferrolle

Vertreter türkischer und islamischer Verbände reagierten auf die entsetzten Reaktionen der europäischen Demokraten auf die gleiche Art, wie sie es immer tun: mit der eingesprungenen Opferrolle vorwärts. Natürlich sind wieder einmal die Aufnahmegesellschaften schuld – am Wahlverhalten der hier lebenden Türken, am Umstand, dass sich auch in der vierten, fünften Generation viele Türken noch als Fremdkörper fühlen, an den mangelnden Teilnahmemöglichkeiten, was die Gestaltung der Gesellschaft betrifft, und so weiter. Dabei verkennen sie einmal mehr, dass dieses Problem der mangelnden Integration immer und immer wieder nur Menschen aus dem islamischen Kulturkreis betrifft. Eine reine Schuldprojektion , denn niemals hört man von Integrationsschwierigkeiten der hier lebenden Japaner, Vietnamesen oder Chinesen, obwohl diese Menschen mindestens genauso fern unserer Kultur sind wie Araber oder eben Türken.

Die Grünen? – „Nix verstehen“

In dasselbe Horn stoßen naturgemäß die Vertreter der Grünen (von Peter Pilz einmal abgesehen). So meinte die deutsche Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth, dass man sich „jetzt noch viel mehr um diese Menschen kümmern müsse“ und meint damit die Türken, die Erdogans Kurs unterstützen. Es stellt sich die Frage: Wozu? Und warum überhaupt? Wäre es nicht viel sinnvoller, genau umgekehrt vorzugehen, also jene Minderheit der türkisch-stämmigen zu unterstützen, denen die „westlichen Werte“ doch so lieb und teuer sind, dass sie trotz den Drucks aus Ankara gegen die Alleinherrscher-Fantasien ihres Präsidenten stimmten?

Langsames Erwachen

Sensationell hingegen erscheint die Wandlung, die nicht wenige Vertreter des politischen Mainstreams aktuell durchzumachen scheinen. Auch Rote und Schwarze scheinen langsam zu verstehen, dass wir her vor einem wahren Gebirge von Problemen stehen, was die türkische Parallelgesellschaft angeht. Wenn auch die Motivation manchmal etwas seltsam erscheint: Oft hat man nämlich das Gefühl, dass diese Politiker eigentlich hauptsächlich beleidigt sind, weil die Auslandstürken den oft rüpelhaft auftretenden Schreihals Erdogan ihrer sanften, toleranten und um Konsens bemühten Art vorzuziehen scheinen. Diese beleidigten Leberwürste haben immer noch nicht verstanden, dass der Orientale nun einmal einfach anders tickt als der Europäer. Ein anderer Menschenschlag erfordert halt eine andere Art des Umgangs.

Klare Linie ist gefordert

Die einzigen, die das bereits seit langer Zeit sehr gut verstanden haben, sind die patriotischen Kräfte Europas. Entsprechend äußerten sich Beatrix von Storch (AfD) und HC Strache (FPÖ) nach dem Türkei-Referendum auch unmissverständlich. Ob die Erdogan-Wähler ihrer freundlichen Empfehlung, doch bitte die Koffer zu packen und zurück in ihre Türkei zu ziehen, nachkommen werden? Fakt ist, dass diese Menschen, die für Erdogans stimmten, sich längst von Europa verabschiedet haben (beziehungsweise gar nie hier angekommen sind). Es ist nun Zeit für Europa, sich auch umgekehrt von der Türkei zu verabschieden.

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