Spannender als “Tatort”: Mordermittler aus dem Ruhrpott beschreibt seine spektakulärsten Fälle – Unzensuriert

Götz George hätte mit diesen “Drehbüchern” seine Freude gehabt: Ein echter Duisburger Mordermittler packt aus.

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Spannender als “Tatort”: Mordermittler aus dem Ruhrpott beschreibt seine spektakulärsten Fälle

Er war der erste Fernseh-Kommissar, der sich unrasiert, verkatert und schmuddelig, aber mit viel Humor und flotten Sprüchen durch die Duisburger Unterwelt prügelte: Horst Schimanski, dargestellt vom voriges Jahr verstorbenen Götz George, galt schon zu Lebzeiten als Legende. An der Seite von Thanner und Hänschen löste er zwischen 1981 und 1991 so manch kniffligen Fall mit unorthodoxen Methoden.

Doch es gibt ihn wirklich, den unerschrockenen Ruhrpott-Krimineser, sozusagen den „wahren Schimanski“: Er heißt Heinz Sprenger und hat nach mehr als 40 Dienstjahren als Mordermittler bzw. Chef der Duisburger Mordkommission nun ein Buch über seine teils unglaublichen Erlebnisse geschrieben, die jeden „Tatort“-Krimi in den Schatten stellen.

Blutige Details, unaufgeregt geschildert

Man braucht schon einen guten Magen, um die teils extrem grausigen Details zu verarbeiten, die Sprenger hier betont unaufgeregt und sachlich zu Papier bringt. So berichtet er etwa über einen Fall, in dem ein simpler Stromausfall den Ausschlag zur Klärung eines besonders perfiden Verbrechens gab. Eben dieser Stromausfall legte nämlich in einer niederländischen Kleinstadtwohnung eine Tiefkühltruhe lahm, aus der es alsbald scheußlich zu stinken begann. Die alarmierte Polizei hielt Nachschau und entdeckte in der Truhe die aufgetaute Leiche einer Frau.

Porno-Ring mit den eigenen Kindern

Wie die lokalen Ermittler feststellten, war diese Frau mit einem Duisburger verheiratet gewesen, sodass man die dortigen Kollegen um Amtshilfe ersuchte. Sprengers Leute befragten nun den Mann, der sich zunächst völlig ahnungslos stellte. Im Zuge der Recherchen stellte sich schließlich heraus, dass der Verdächtige gemeinsam mit zwei Gleichgesinnten, einer davon ein bekannter Pädophiler, einen Kinderporno-Ring betrieb. Die „Stars“ in den hergestellten Filmen waren die gemeinsamen Kinder des Mannes und der Toten.

Ihr wurde zum Verhängnis, dass sie irgendwann hinter das Treiben ihres geliebten Gatten kam und zur Polizei gehen wollte. Das Kinderporno-Trio wusste das allerdings zu verhindern und tötete die Frau, mietete in den Niederlanden eine unauffällige Wohnung und fror die Leiche dort ein. Ohne den Stromausfall wäre sie wohl noch viele Jahre dort gelegen.

Jagd nach dem "Kannibalen von Duisburg"

Sein „Lehrgeld“ als Jung-Kriminalist verdiente sich Sprenger unter anderem mit der Überführung des „Kannibalen von Duisburg“. Auch diesem wurde ein „technisches Gebrechen“ zum Verhängnis, nämlich ein verstopftes Gang-Klo, wie er vorgab, durch Gedärme eines geschlachteten Kaninchens. Den Nachbarn kam das aber nicht geheuer vor. Die alarmierten Ermittler förderten tatsächlich Gedärme aus dem Klo zu Tage – allerdings die eines vermissten, kleinen Mädchens. In der Wohnung des Mannes fanden sie schließlich fein portionierte Teile des Kindes in der Tiefkühltruhe – und am Herd. Nachgewiesen werden konnten ihm „nur“ neun derartige Morde, tatsächlich könnten es aber bis zu 30 gewesen sein.

Spektakuläre Mafia-Morde

Sprengers spektakulärster Fall als Leiter der Mordkommission war die Klärung der Duisburger Mafiamorde, die sich über einige Jahre zog und die Ermittler mehrmals bis Süditalien führte. Ausgangspunkt war die förmliche Hinrichtung von sechs Italienern in zwei Autos direkt vor deren Pizzeria am 15. August 2007 durch vorerst unbekannte Täter. Alle Opfer hatten einen Kopfschuss aus kürzester Distanz bekommen. Sprenger beschreibt mit hohem Fachwissen, wie man mit Hilfe von DNS, akribischer Spurenauswertung und nervenaufreibender Recherchen Puzzlestein um Puzzlestein zusammensetzt, bis sich endlich ein Gesamtbild ergibt.

"Amtshilfe": Illustrer Einblick in ausländische Kriminalarbeit

Der Leser erfährt (nicht nur in diesem Fall), wie anders Kriminalisten in Nachbarländern arbeiten und welch unterschiedliche Gesetze dort angewandt werden. So kennen italienische Kriminalisten etwa keinen DNS-Test wie bei uns, wo man einfach zum Verdächtigen geht und ihm ein Staberl in den Mund steckt. In Italien läuft das verdeckt, das heißt, die Ermittler beobachten den Verdächtigen und warten, bis er einen Zigarettenstummel wegwirft oder ein Glas im Lokal stehen lässt, auf dem sich DNS-Spuren befinden. Das kann bei vorsichtigen Kriminellen unter Umständen Monate dauern, was die Amtshilfe entscheidend verzögert.

Umgekehrt müssen in Italien Firmen- oder Lokalgründer den Behörden genau nachweisen, woher sie ihr Startkapital haben („Mafia-Paragraphen“). In Deutschland hingegen kann jeder kleine süditalienische Pizzabäcker hergehen und mit Hilfe eines stattlichen Millionenvermögens ein italienisches Luxus-Restaurant eröffnen, ohne dass irgendjemand nach der Herkunft des Geldes fragt.

Deutsche Gesetze Einladung für Schwarzgeld-Wäscher

Dies ist auch ein Grund, warum die Mafia (bzw. die kalabrische N’drangheta) ganze Heerscharen junger Männer aus niedrigen sozialen Schichten nach Deutschland schickt, wo diese mittels Pizzerien oder Restaurants riesige Summen an Schwarzgeld waschen. Dass es unter den verschiedenen Clans und Familien dabei hin und wieder zu Konkurrenz-Kämpfen kommt, ist klar. Kommt dabei jemand zu Schaden oder gar ums Leben, setzt sogar die „Blutrache“ ein, was oft zu jahrelangen, brutalen Mafia-Kriegen führt. Genau ein solcher war auch der Hintergrund der sechs Hinrichtungen in Duisburg.

Was das Buch so spannend macht, ist die Authentizität der Geschehnisse, die man aus buchstäblich erster Hand erfährt. Sprenger spart nicht mit Details zu den Fällen, zum kriminalistischen Handwerkszeug, zu technischen Hilfsmitteln und nicht zuletzt zu manchmal nötigen unorthodoxen Methoden. Horst Schimanski hätte seine wahre Freude mit dem Buch.

Heinz Sprenger. Der wahre Schimanski. Das Buch kann zum Preis von 20,60 Euro bei der Buchhandlung Stöhr bezogen werden.

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